Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

VERHÜTUNG: App statt Pille

Immer mehr Frauen sind der Anti-Baby-Pille überdrüssig. Der Femtech-Bereich, die digitale Frauengesundheit, bietet Alternativen – etwa Verhütungsmethoden mit Zyklus-Apps.
Diana Hagmann-Bula
Lust auf Sex, Unlust auf die Pille. Zyklus-Apps boomen gerade, obwohl sie nur bedingt eine sichere Verhütung sind. (Bild: Willie B. Thomas/Getty (Berlin, 3. April 2016))

Lust auf Sex, Unlust auf die Pille. Zyklus-Apps boomen gerade, obwohl sie nur bedingt eine sichere Verhütung sind. (Bild: Willie B. Thomas/Getty (Berlin, 3. April 2016))

Diana Hagmann-Bula

Als die grosse sexuelle Befreiung feierten Frauen in den 1960er-Jahren die Anti-Baby-Pille. Sex und Fortpflanzung gehörten fortan nicht mehr zwingend zusammen. «Hört auf, die Pille als Befreiung zu feiern», sagt heute Sabine Kray, 33 Jahre, Autorin aus Berlin. «Freiheit von der Pille» heisst ihr soeben erschienenes Buch. Darin fragt sie sich, wie es sein kann, dass wir uns über gesunde Ernährung, fair gehandelte Kleider und Kosmetik ohne Tierversuche Gedanken machen, aber täglich Hormone schlucken.

Mit 15 nahm sie die Pille zum ersten Mal, fühlte sich erwachsen, erhoffte sich auch schöne Haut, volles Haar, grosse Brüste. Nach 17 Pillen-Jahren ist nur viel Ernüchterung übrig: «Die Pille versetzt den Körper permanent in einen Zustand, der dem einer Schwangerschaft ähnelt. Mit der Einnahme ist überhaupt kein Zyklus vorhanden, es findet kein Eisprung statt und bei der monatlichen Blutung handelt es sich nicht um eine Menstruation, sondern um ein Abbruchblutung. Viele Frauen wissen das nicht. Auch, weil eine Beratungseinheit von 10 bis 15 Minuten beim Frauenarzt nicht ausreicht, um umfassend aufzuklären.»

Plötzlich und überall an Sex denken

Thrombose und Depression, auch Unlust, so lauten mögliche Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille. «Gäbe man jungen Männern Hormone, gingen die Leute auf die Barrikade. Die männliche Lust gilt als schützenswert. Die der Frau nicht.» Kray war selber von Unlust betroffen. «Forderte mich mein Partner auf, kam ich schon in Stimmung. Aber ich wusste gar nicht, dass man auch einen eigenen Impuls haben kann. Ich bekam die Pille, bevor ich mit meiner Libido vertraut war», erzählt sie. Nach ersten Monaten ohne Pille hat sich das geändert. Kray denkt auch mal unvermittelt an Sex, in der U-Bahn, beim Einkaufen. «Ich weiss nun: Die Pille hat mich alles andere als emanzipierter gemacht.»

Wie Kray haben immer mehr Frauen einen Pillenfrust. René Hornung, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, hat zunehmend mit Patientinnen zu tun, die nach vielen Pillen-Jahren tablettenmüde sind. 2008 wurden noch 2,1 Millionen Packungen Pillen verkauft, 2016 waren es noch 1,8 Millionen. Und so kommt es, dass Bloggerinnen nicht mehr nur über Mode und Make-up schreiben, sondern ebenfalls darüber, wie sie morgens ihre Temperatur messen (nach dem Eisprung steigt sie um 0,2 bis 0,5 Grad), wie sie ihren Zervix-Schleim analysieren (auf die fruchtbaren Tage hin wird er durchlässiger für Spermien). Sie haben sich gegen die Pille und für die symptothermale Methode entschieden und versuchen mit obengenannten Mitteln, die unfruchtbaren von den fruchtbaren Tagen zu unterscheiden.

Auch deshalb boomen Zyklus-Apps. Meist sind die Applikationen – von Frauen erfunden. Eigentlich dienen sie der natürlichen Familienplanung, Frauen mit Pillenfrust nutzen sie aber als Verhütungsmittel. Sie haben an den von der App angegebenen unfruchtbaren Tagen ungeschützten Sex, verwenden Kondome an den fruchtbaren Tagen.

Gesellschaftliche Mission, die sich auszahlt

Die Dänin Ida Tin, die mit ihrer Familie in Berlin wohnt, hat «Clue» entwickelt; unterdessen verwenden über fünf Millionen Menschen aus 190 Ländern die Zyklus-App. Namhafte Unternehmen investierten bisher 30 Millionen Dollar in das Start-up. «Ich wunderte mich, weshalb wir es auf den Mond geschafft haben, aber warum viele Frauen nicht wissen, an welchen Tagen sie schwanger werden können», sagt sie. Femtech heissen technische Neuheiten rund um Frauengesundheit im Fachjargon. Für Tin sind sie nicht nur «ein Schritt hin zur Gleichberechtigung», sondern ergeben auch wirtschaftlich Sinn: «Digitale Frauengesundheit ist einer der schnellstwachsenden Sektoren und umfasst mit den Zyklus-Apps die zweitgrösste Kategorie der Gesundheitsapps. Erfolgreicher sind nur noch Jogging-Apps.» Doch Tin hat ausserdem ein gesellschaftliches Ziel: dass Männer und Frauen ohne Hemmungen über Menstruation reden. «Bei Halsschmerzen denken Sie nicht zweimal nach, diese zu erwähnen. Bei Menstruationsleiden schon.»

Lea von Bidder, eine Schweizerin, die unterdessen in San Francisco lebt, gehört ebenfalls zu den Femtech-Spezialistinnen. Sie hat ein Zyklus-Armband auf den Markt gebracht. Noch hilft «Ava» zwar auf dem Weg zum Wunschbaby. In ein paar Jahren aber «soll es eine natürliche Verhütung ermöglichen» nach der von Bidder «nach Pillen- und Spiralenfrust» selber schon lange vergeblich sucht. «Die existierenden Zyklus-Apps sind mir einfach zu unsicher.» Ava registriert nicht nur Körpertemperatur, sondern auch Puls, Schlafqualität, Atemfrequenz und Durchblutung. «Alles Parameter, die das Fruchtbarkeitsfenster nicht wie bei den Apps nachträglich ermitteln, sondern in Echtzeit», sagt von Bidder. Noch müsse Ava aber genauer werden, um zuverlässig vor Schwangerschaft zu schützen. Die Schweizerin hat weitere Forschung bereits in Auftrag gegeben.

Je mehr Kondom-Tage, desto sicherer

Zyklus-Apps helfen beim (Wieder-)Erforschen des eigenen Zyklus. Die US-Universität Yale kommt nach einer Umfrage zum Schluss: 40 Prozent der Frauen kennen ihren Zyklus nicht. Zwar hat das Prüfunternehmen TÜV Süd die Zyklus-App Natural Cycles als sicheres Verhütungsmittel empfohlen. Doch so zuverlässig sind die Applikationen nicht. Und wenn, dann nur unter gewissen Umständen. Die Anwenderin muss ihre Körperdaten pflichtbewusst erheben, sie sollte einen regelmässigen Lebenswandel, noch besser, einen regelmässigen Zyklus haben. Doch welche Frau hat den schon. Infektionen, Stress, zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf: Nur einige Faktoren, die den Körper durcheinanderbringen. Die Apps taugen nicht als sicheres Verhütungsmittel, betonen denn auch die Ärzte, die App-Entwicklerinnen, sogar die Bloggerinnen mit Hang zur Natürlichkeit. Der St. Galler Gynäkologe René Hornung verweist auf den Pearl-Index, der angibt, wie zuverlässig eine Verhütungsmethode ist. Bei der Pille beträgt dieser 0,1 bis 0,9, bei der Temperaturmethode 0,8 bis 3. «Je länger das Intervall mit geschütztem Geschlechtsverkehr, desto höher ist die Sicherheit der Apps», sagt er. Umgekehrt bedeutet das: desto weniger Tage bleiben für ungeschützten Verkehr. Doch Kondome sind halt auch nicht jedermanns Sache. Wie die Pille.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.