VERKEHR: Deutsche dürfen weiter betrunken Velo fahren

Wer 1,6 Promille intus hat, darf in Deutschland immer noch Velo fahren. Die Bundesländer wollen den Grenzwert senken. Doch der Bund denkt nicht daran.

Christoph Reichmuth, Berlin
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In Deutschland lasch, in der Schweiz restriktiv: Velofahrer unter Alkoholeinfluss. (Symbolbild Keystone)

In Deutschland lasch, in der Schweiz restriktiv: Velofahrer unter Alkoholeinfluss. (Symbolbild Keystone)

Beschwipst oder betrunken Velo fahren: Geht es nach dem Willen der Innenminister der Bundesländer, wird es das in Deutschland nicht mehr geben. Ihnen ist die heutige Regelung zu lasch. Denn: Velofahren ist in Deutschland erst ab 1,6 Promille Alkohol im Blut verboten. Das ist ziemlich viel. Ein 80 Kilogramm schwerer Mann erreicht den Wert nach ungefähr 5 Halbliter-Bierhumpen. Und eine 55 Kilogramm schwere Frau kann immerhin eine ganze Flasche Rotwein alleine leeren, bis sie den Wert erreicht hat.

Den Innenministern ist es da nicht mehr geheuer im Strassenverkehr. «Mit dem gültigen Grenzwert von 1,6 Promille kann niemand sicher auf zwei Rädern unterwegs sein», findet der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Boris Pistorius (SPD). Auf ihrer Frühjahrskonferenz, die am Mittwoch in Hannover begonnen hat, wollen die Innenminister die Promillegrenze auch für Velofahrer nach unten korrigieren. Anlass für die Debatte sind laut Pistorius alarmierende Zahlen über Radfahrerunfälle. 2011 sind laut Statistik deutschlandweit 3725 Velofahrer nach Alkoholkonsum in einen Unfall verwickelt worden, 7 Prozent mehr als im Vorjahr. Angaben über den neuen Promillewert machten die Innenminister nicht. Dafür aber der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Dieser plädiert dafür, den Richtwert für Velofahrer mit 1,1 Promille nach unten zu korrigieren. Dieser Wert gilt bei Autofahrern in Deutschland als Grenze für die absolute Fahruntüchtigkeit. Nicht aber bei Velofahrern? Ein ADFC-Sprecher meint: «Räder sind leichter zu fahren als Autos.»

Bund sieht keinen Handlungsbedarf

Es mag erstaunen, aber die Innenminister haben ihre Rechnung ohne den Bund gemacht. Denn beim Bundesverkehrsministerium hält man wenig von den Vorschlägen. «Wir sehen derzeit keinen Handlungsbedarf», zitiert die «Berliner Zeitung» einen Ministeriumssprecher. Die Grenze für die absolute Fahruntüchtigkeit von 1,6 Promille sei durch Urteile des Bundesgerichtshofes und Forschungsergebnisse gestützt, so der Sprecher weiter.

Schweiz viel restriktiver

In der Schweiz sieht die Situation anders aus. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat weit restriktivere Regeln erlassen. «Für die Velofahrer in der Schweiz gilt die gleiche Promillegrenze wie für Autofahrer, und die liegt bei 0,5 Promille», betont Astra-Sprecher Guido Bielmann. Bereits ab diesem Wert droht auch Velofahrern eine Busse. Und wer in der Schweiz mit 1,6 Promille durch die Gegend radelt, der muss vielleicht sogar seinen Autoführerschein deponieren. «Bei sehr hohen Promillewerten erfolgt eine Meldung an das Strassenverkehrsamt», so Bielmann. Dort wird die Fahreignung des Velofahrers abgeklärt. «Stellt sich heraus, dass die Person unter einem Alkoholproblem leidet, wird der Führerausweis entzogen.»

Bislang gilt in Deutschland: Wer 1,6 Promille im Blut hat, darf straffrei radeln – vorausgesetzt, dass der Velofahrer weder schlangenlinienförmig durch die Gegend kurvt noch einen Unfall baut. Autofahrern drohen dagegen schon ab 0,5 Promille am Steuer eine Busse, Punkte in Flensburg und ein Fahrverbot.