VERKEHR: Die Vertreibung der Kinder

Erfreulich, dass immer weniger Kinder auf der Strasse verunfallen. Weniger erfreulich ist der Grund: Kinder werden zunehmend aus dem öffentlichen Raum verdrängt – mit fatalen Folgen.

Robert Bossart
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Kerzen erinnern an einen Unfall. (Archivbild Neue ZZ)

Kerzen erinnern an einen Unfall. (Archivbild Neue ZZ)

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 1976 wurden 2054 Kinder bei Strassenunfällen verletzt oder getötet, im Jahre 2000 waren es noch 565 und 2010 «nur» noch 270. Das ist natürlich erfreulich, keine Frage. Ganz besonders zufrieden sind das Bundesamt für Strassen (Astra) und die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Für beide ist klar, auf was dieser Rückgang zurückzuführen ist: auf die Bemühungen im Bereich der Unfallverhütung und die zahlreichen eingeführten Sicherheitsmassnahmen rund um den Strassenverkehr. Die Schweiz könne stolz darauf sein, den Menschen, die sich hier bewegen, eine Mobilität zu bieten, die nahezu frei sei von Gefahren für Leib und Leben, heisst es in der Jubiläumsbroschüre der BfU, die heuer ihr 75-Jahr-Jubiläum feiert.

Von der Strasse verdrängt

Mit dieser Einschätzung ist Marco Hüttenmoser von der Forschungsstelle Kind und Umwelt nicht einverstanden. «Die BfU übergeht in diesem Loblied, dass eine Annäherung an eine Nullvision an Verkehrsunfällen vor allem dadurch zu Stande gekommen ist, weil die am meisten gefährdete Gruppe von Verkehrsteilnehmern, die jüngeren Kinder – Vergleichbares gilt wohl auch für ältere Leute –, weitgehend vom Geschehen aus dem Strassenverkehr und damit vom sozialen Geschehen in der Gemeinde ausgesperrt wurde.» Will heissen: Die Unfälle gehen nicht zurück, weil die Strassen sicherer sind, sondern weil die Kinder einfach gar nicht mehr beziehungsweise immer weniger auf die Strasse gehen. Zumindest nimmt die Zahl der Kinder ab, die selbstständig unterwegs sind, was auch der Mobilitätsforscher Daniel Sauter von Urban Mobility Research bestätigt: «Der Rückgang der selbstständigen Mobilität von Kindern wegen des zunehmenden Verkehrs ist mehrfach durch Studien bestätigt.» So habe eine englische Studie aufgezeigt, dass es vor allem zwischen 1970 und 1990 eine deutliche Abnahme der Unabhängigkeit von Kindern im öffentlichen Raum gegeben hat. Gemäss einer Untersuchung aus Deutschland von Antje Flade ist der Anteil der Schulanfänger, die ihren Schulweg allein oder mit anderen Kindern zurücklegen, im Zeitraum von 1970 bis 2000 um 40 Prozent zurückgegangen.

Sauter weist darauf hin, dass die rückläufigen Zahlen sicher auch andere Ursachen haben, so sei heute etwa die Rettung von Verletzten besser und effizienter organisiert, zudem zeigen diverse Massnahmen zur Unfallver­hütung Wirkung.

Unter Aufsicht der Eltern

Interessant ist, wenn man schaut, in welcher Altersgruppe die Unfälle mit Kindern zurückgingen. Gemäss Marco Hüttenmoser lässt sich in der Schweiz ein namhafter Rückgang im Zeitraum von 1976 bis 2005 nur bei den 5- bis 9-Jährigen ausmachen. «Massnahmen der Verkehrssicherheit, deren Wirkung sich auf diese Altersgruppe beschränkt, gibt es aber nicht.» Daraus schliesst Hüttenmoser, dass etwas anderes dafür verantwortlich ist. «Diese Kinder werden von den Eltern an der Hand begleitet, ins Auto verladen, und man verbietet ihnen das Spielen im Freien, sobald es vor der Haustüre zu viele Autos hat und zu schnell gefahren wird.»

Zahlen aus der Schweiz gibt es dazu nicht, der vom Bund herausgegebene «Mikrozensus Mobilität und Verkehr» erhebt keine Daten zur selbstständigen Verkehrsteilnahme von Kindern im Strassenverkehr. Allerdings scheint es naheliegend, dass die sinkenden Unfallzahlen mit der «Abwesenheit» der Kinder im Verkehr zu tun haben. Daniel Sauter: «Bei Skiunfällen sagt die BfU auch, dass die Unfälle in einer Saison zurückgingen, weil das Wetter schlecht war und darum weniger Leute auf der Piste waren.» Dasselbe gilt für Bade­unfälle – nur beim Verkehr denke man nicht in dieser Logik.

Deutlich festzustellen ist das «Verschwinden» der Kinder im Bereich Velofahren. Auch da sind die Unfallzahlen zum Glück zurückgegangen, aber auch hier vor allem, weil es immer weniger Kinder und Jugendliche gibt, die Velo fahren. Laut den neuesten Zahlen, die Daniel Sauter von Urban Mobility Research ausgewertet hat, sank der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die sich mit dem Velo fortbewegen, zwischen 1994 bis 2010 deutlich – von 19,3 auf 9,9 Prozent. «Das entspricht einer Halbierung in knapp 20 Jahren», so Sauter.

Bringt man diese zwei Entwicklungen – Rückgang der Unfälle und Verminderung der Zahl der Kinder im Verkehr – in Zusammenhang, stellt Daniel Sauter fest, dass die Sicherheit nicht unbedingt grösser geworden ist. «Wenn Kinder aus dem Strassenraum verdrängt werden, geht zwar die Zahl der Unfälle zurück, die Sicherheit im Verkehr erhöht sich damit aber nicht.» So hat er zum Beispiel im Rahmen der Auswertungen der Mikrozensen Mobilität und Verkehr (eine regelmässige Erhebung des Bundesamts für Statistik und des Bundesamts für Raumentwicklung) 1994 bis 2005 festgestellt, dass in diesem Zeitraum das Unfall- beziehungsweise das Verletzungsrisiko für Velo fahrende Kinder zwischen 10 und 14 Jahren um 20 Prozent gestiegen ist, trotz weniger Unfällen – dies wegen der ebenfalls rückläufigen Zahl der Kilometer, die mit dem Velo gefahren worden sind.

Am Rockzipfel der Mütter

Für Marco Hüttenmoser ist darum klar, dass von Seiten der «Unfallver­hüter» Augenwischerei betrieben wird: «Man vergisst dabei die unbestreitbare Tatsache, dass nur überfahren werden kann, was sich auch im Strassenraum bewegt.» Diese Verdrängung von der Strasse hat laut Hüttenmoser schwerwiegende Auswirkungen auf das Aufwachsen und die gesunde Entwicklung der Kinder. «Ein Aspekt, der von Verkehrsspezialisten konsequent ausgeklammert wird; man will gar nicht wissen, was das für die betroffenen Familien bedeutet.» Hüttenmoser hat im Rahmen eines Nationalfondsprojekts genau dies beleuchtet. Der Umstand, dass ein Viertel bis ein Drittel der fünfjährigen Kinder in der Schweiz nicht ohne erwachsene Begleitung nach draussen gehen können, ist vor allem für die Eltern eine Belastung. «Das Kind hängt dadurch viel mehr am Rockzipfel der Mutter, das zehrt an den Nerven und wirkt sich auf das familiäre Klima negativ aus.» Zudem ist die motorische Entwicklung ohne «freien Auslauf» im Vergleich zu den Kindern, die das können, wesentlich schlechter.

Wenn Kinder die Möglichkeit haben, dann sind sie meist mehrere Stunden pro Tag draussen und in Bewegung. Das können auch wöchentliche Fussball-, Schwimm- oder Balletttrainings nicht mehr wettmachen. «Wer nicht im frühen Kindesalter seine motorischen Fähigkeiten ausgiebig üben kann, der hat später keine Chance, etwa bedeutende sportliche Leistungen zu erbringen», so Hüttenmoser und weist dabei auf den gesundheitlichen Aspekt hin. 15 bis 20 Prozent der Kinder seien heute übergewichtig, wenn sie ihre Schulkarriere beginnen, dann sei es schwierig, noch Ab­hilfe zu schaffen.

Auf dem Land nicht besser

Auch soziale Defizite können auftreten, wenn Kinder sich nicht frei bewegen können. Sie bleiben länger unselbstständig und sind weniger geübt im Umgang mit Gleichaltrigen, was sich später auch negativ in der Schule bemerkbar machen kann.

Falsch ist übrigens auch die Annahme, dass es Kinder auf dem Land diesbezüglich besser hätten. «Typisch Stadt, heisst es jeweils, das stimmt aber nicht», sagt Hüttenmoser. Landkinder hätten, so grotesk es tönen mag, zum Teil weniger freien Bewegungsraum als ihre gleichaltrigen Kollegen von der Stadt. Ein kleiner Garten eigne sich aus Mangel an Spielkameraden und geeigneten Spielflächen oft nicht zum Spielen, zudem gibt es auf dem Land weniger Tempo-30- oder Begegnungszonen. «Hinzu kommt, dass auf den Quartier­strassen oft zu rasch gefahren wird», so Hüttenmoser. «Einige wenige Raser genügen, damit die Eltern ihre Kinder aus dem Verkehr ziehen.» Verkehrsberuhigende Massnahmen werden auf dem Land häufig als «unnötig» taxiert. Eine schwerwiegende Fehleinschätzung, findet Hüttenmoser.

Strasse gehört nicht nur den Autos

Welche Massnahmen sind nötig, damit sich Kinder wieder vermehrt auf der Strasse selbstständig bewegen können? Zuerst einmal brauche es die Einsicht der Verkehrsplaner, dass nicht «Sicherheit um jeden Preis» die Devise sein sollte. «Die Verkehrssicherheit muss gleichzeitig auch die Bewegungsfreiheit aller Verkehrsteilnehmer garantieren.» Für jüngere Kinder braucht es vor allem Begegnungszonen, die diesen Namen auch verdienen. «Wenn dann doch wieder alles mit Autos verstellt ist, haben die Kinder keinen Platz», kritisiert Hüttenmoser. Man könne beispielsweise die Parkplätze so anordnen, dass sie am Anfang und Ende einer Zone liegen, sodass in der Mitte genügend Platz sei für das Spiel der Kinder und Begegnungen der Quartierbewohner. Zudem sei es wichtig, dass es genügend Fussgängerstreifen gebe, so Hüttenmoser weiter. Die immer wieder gestellte Forderung, sogenannt «unsichere» Fussgängerstreifen aufzuheben, findet er falsch. «Wenn der Streifen fehlt, bleiben Kinder zu Hause, ihre Be­wegungsfreiheit wird eingeschränkt. Zudem kann man mit geeigneten bau­lichen Massnahmen fast jeden Fussgängerstreifen sicher machen.»

Generell müsse, so Hüttenmosers Fazit, das gesellschaftliche Bewusstsein grösser werden, dass die Strasse nicht dem motorisierten Verkehr vorbehalten ist. Die Folgen sind nicht nur für die Kinder negativ: Die älteren Kinder und Jugendlichen haben laut Daniel Sauter ihre Art der selbstständigen Bewegung verlagert. «Die meisten sind vom Velo auf den öffentlichen Verkehr umge­stiegen.» Vor allem Teenager fahren heute vermehrt mit dem Bus und dem Zug. Ökologisch gesehen, ist das relativ unproblematisch, allerdings ist es gesundheitlich nicht optimal – Stichwort Bewegungsmangel. Und zudem belastet die Entwicklung auch die ohnehin schon stark belastete Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs.

Kinder, die sich zu Hause vor dem Fernseher langweilen, Schüler, die von den Eltern zur Schule gefahren werden, Jugendliche, die den ÖV belasten: Das alles wäre nicht nötig, eine Wende mit geringen Kosten verbunden, findet ­Marco Hüttenmoser. «Aber es braucht vor allem ein Umdenken.»