Als die RAF im Aargau logierte

Es war im Frühling 1977, als die Rote-Armee-Fraktion (RAF) eine blutige Offensive startete, die schliesslich im «Deutschen Herbst» gipfelte. Ein Blick ins Archiv zeigt: Ein RAF-Kommando tauchte zeitweise im Badener Hotel Verenahof ab. Ein Terrorist liess sich in Wettingen von einem Coiffeur rasieren.

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Aargauer Zeitung

Michael Spillmann

Der 77-jährige Rudolf Eschelmüller erinnert sich auch nach mehr als 30 Jahren haargenau an den merkwürdigen Kunden: «Ich wollte eigentlich nur ein bisschen mit ihm plaudern, viel gesagt hat er aber nicht. Der Mann hat sich die ganze Zeit nervös umgeschaut.» Kein Wunder! Denn was der Coiffeur damals, an jenem Donnerstagnachmittag im April 1977, nicht wusste: Beim verschwiegenen Deutschen handelte es sich um keinen Geringeren als den 22-jährigen Günter Sonnenberg - einen der meistgesuchten Terroristen der zweiten RAF-Generation.

«Es war ein grosser Schock, als mein Vater den Mann später auf dem Fahndungsfoto in der Zeitung erkannte», sagt Isabella Misuraca-Eschelmüller. Noch heute ist das Thema im Coiffeursalon Sonne präsent. Als die MZ zu Besuch ist, zeigt sie auf den Stuhl in der Mitte: «Genau hier sass der Terrorist.»

Ermittlungen neu aufgerollt

Über dreissig Jahre nach dem Terrorjahr 1977 geraten die Geschehnisse von damals erneut in die Schlagzeilen. Hintergrund: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wurde vor wenigen Tagen - 20 Jahre nach ihrer Haftentlassung - erneut festgenommen. Die heute 57-jährige Frau steht im Verdacht, am Mordanschlag auf den deutschen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 beteiligt gewesen zu sein. Günter Sonnenberg soll damals das Motorrad gelenkt haben, von dem die tödlichen Schüsse abgefeuert wurden. Er und zwei weitere Terroristen - darunter Christian Klar, dessen Begnadigung im letzten Jahr für Wirbel gesorgt hatte - wurden für den Anschlag verurteilt. Die Geschehnisse gelten bis heute als nicht vollständig gelöst, der Fall sorgt in Deutschland nach wie vor für Kontroversen.

Doppelzimmer im «Verenahof» gebucht

Klar ist aber: Ein prominent besetztes RAF-Kommando tauchte vor und unmittelbar nach dem Buback-Attentat in der Schweiz unter - zu ihm gehörten Verena Becker, Günter Sonnenberg und offenbar auch Christian Klar. «Terroristen übernachteten in Baden», titelte das Badener Tagblatt am 6. Mai 1977. Die Recherchen der Zeitung zeigten: Mindestens vier mutmassliche Terroristen bezogen am 27. April 1977 spätnachts im Hotel Verenahof im Badener Bäderquartier zwei Doppelzimmer. Am nächsten Morgen frühstückten die zwei «Ehepaare» in aller Ruhe und bezahlten die Rechnung in bar.

Die Hotelangestellten konnten ihre polizeilich gesuchten «Kurgäste» später als Verena Becker und Günter Sonnenberg identifizieren und meinten, auch Christian Klar erkannt zu haben. Sonnenberg schrieb sich unter dem Namen Franz Josef Ladner in die Gästeliste ein - den Alias-Namen hatte er bereits an anderen Orten benutzt. Christian Klar stellte sich am Empfang wortkarg als «Herr Keller» vor.

Doch die Terroristen waren ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal in Baden. Wie die Hotelangestellten dem Badener Tagblatt weiter erklärten, habe ein Terroristen-«Ehepaar» bereits Monate zuvor im Hotel logiert.

Lehrtochter hatte Angst vor dem Mann

Während sich nach dem ersten RAF-Besuch in der Bäderstadt die Spur verloren hatte, fuhr Terrorist Sonnenberg Ende April 1977 mit einem Auto nach Wettingen. Um 14.30 Uhr tauchte Günter Sonnenberg - ob nun Zufall oder nicht - im Coiffeursalon Sonne auf. Der unauffällig gekleidete Gewaltverbrecher wünschte eine «Friktion, die leicht festigend wirkt». Die Lehrtochter wusch ihm darauf die Haare. «Sie hatte Angst vor dem nicht gerade gesprächigen Kunden», erinnert sich Coiffeur Rudolf Eschelmüller. Die Rasur übernahm sodann der Chef persönlich. «Der Mann hat nur gesagt, er sei hier in den Ferien», so Eschelmüller, «und er meinte, ich solle nicht so viele Fragen stellen.»

«Ich dachte, der kommt zurück»

Nach einer halben Stunde war die Arbeit getan. Der Terrorist bezahlte die knapp zwanzig Franken und machte sich wortlos aus dem Staub. Als der unfreundliche Kunde bereits vergessen war, sah der Coiffeur plötzlich das Fahndungsfoto in der Zeitung. «Ich habe den sofort wiedererkannt und das dem Gemeindepolizisten erzählt. Doch der hat mir erst nicht geglaubt», sagt der Wettinger. Schliesslich kam die Kantonspolizei gleich mehrmals zu ihm ins Geschäft und zeigte ihm diverse Fotos. «Plötzlich hatte ich Angst. Ich dachte, der kommt zurück.» Weit kamen die Terroristen nach ihrer Abreise nicht: Nur Tage später wurden Sonnenberg und Becker nach einer Schiesserei in der deutschen Stadt Singen gefasst.