Obdachlose

Auf der Suche nach Wärme

Es leuchtet ein, dass Obdachlose bei klirrender Kälte in den zentral gelegenen Bahnhöfen Wärme suchen. Dass sie dafür auch den Weg zum Flughafen auf sich nehmen, erstaunt zunächst. Dafür gibt es aber Gründe.

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Obdachloser am Flughafen

Obdachloser am Flughafen

bz Basellandschaftliche Zeitung

Toprak Yerguz

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Reisender, dessen Flug um ein paar Stunden verschoben wurde. Fritz liegt quer auf einer Sitzbank am EuroAirport und versucht zu schlafen. Sein Handgepäck ist allerdings nicht in einer schicken Reisetasche verstaut, sondern in einem Plastiksack. Seine Schuhe sind ausgelatscht, und seine Kleider sind nicht mehr die saubersten. Fritz wartet nicht auf sein Flugzeug. Er ist obdachlos und sucht in diesen kalten Tagen nur ein bisschen Wärme.

Unauffällige Gäste

Fritz heisst nicht Fritz, aber wir nennen ihn so, weil er seinen Namen nicht nennen möchte. Seine Antworten sind einsilbig, denn Fritz will an diesem Morgen vor allem eins: Ein bisschen Schlaf in der Wärme. Ja, er habe die Nacht hier verbracht, und ja, bald gehe er wieder in die Stadt. «Kann ich noch ein bisschen schlafen?»

Mehr Klarheit über Fritz' mangelnde Auskunftsfreude bringt eine Nachfrage bei Ray Knecht vom Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter: «Wir hatten einmal Probleme, als das Thema in den Medien war. Danach wurde auf die Obdachlosen Druck ausgeübt.» Knecht befürchtet, dass sich das Muster wiederholt: Die Verantwortlichen von Bahnhof oder Flughafen erfahren aus der Zeitung von den Obdachlosen und versuchen anschliessend, diese zu vertreiben. Deshalb seien die Obdachlosen an diesen Orten bestrebt, möglichst unauffällig zu bleiben. Sie hinterlassen ihre Plätze sauber, um bei den anderen Nutzern des Flughafens keinen Anstoss zu erregen. «Sie versuchen, ihren Schlafplatz zu schützen», sagt Knecht. Bisher ist dies gut gelungen: Wenn er so daliegt, fällt Fritz kaum auf. Ein Gestrandeter am Flughafen, kein ungewöhnliches Bild. Der Mitarbeiterin des nahe gelegenen Restaurants ist er jedenfalls nicht aufgefallen: Sie kann auf Anfrage nicht sagen, ob am Flughafen Obdachlose verweilen. Bisher habe es keine Klagen von Reisenden gegeben, bestätigt auch Vivienne Gaskell, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit am EuroAirport. Dass es im Winter einzelne Obdachlose hat, die im Flughafen übernachten, sei bekannt.

Notschlafstelle zu teuer

Die Frage drängt sich auf: Wieso macht sich ein Obdachloser die Mühe, zum Flughafen zu gelangen, wenn in der Stadt bestimmt genügend Schlafplätze vorhanden sind? Fritz' nicht ganz befriedigende Antwort: «Hier ist es warm.» Auch er legte den Weg aus Basel ins grenznahe Niemandsland zurück. Mit dem Bus sei er gekommen, erklärt er schulterzuckend: «Wie sonst?»

Ray Knecht weiss, wieso sich Obdachlose bis zum EuroAirport begeben, um einen Schlafplatz zu finden. Die Notschlafstelle kostet für in Basel gemeldete Obdachlose zehn Franken pro Nacht, die folgenden Nächte nur noch sechs Franken. Für Auswärtige aber kostet eine Nacht in der Notschlafstelle 40 Franken. «Mehr als das Backpacker-Hotel», macht Knecht den Vergleich.

Deshalb ist Fritz nicht alleine am Flughafen. «Sieben» antwortet er auf die Frage, ob es noch weitere Obdachlose gebe, die mit ihm am EuroAiport übernachten. Sie seien alle im Gebäude verteilt. Fritz weiss wohl, dass sie als Gruppe mehr Aufmerksamkeit erregen. «Wir wissen, dass es am Flughafen keine Probleme gibt», versichert Knecht. Er hofft, dass die erneute Berichterstattung für die Obdachlosen diesmal keine unangenehmen Folgen haben wird.
Fritz zieht die Kapuze ins Gesicht. Noch eine Stunde Schlaf. Bald ist der Winter vorbei.