Bewohner lassen Spital hinter sich

Die Wohngemeinschaft Ambassador findet in Zuchwil vorübergehend ein neues Zuhause. Im Gebäude des ehemaligen «Kontiki» kann die Anzahl Betreuungsplätze von 12 auf 20 ausgebaut werden.

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Bewohner lassen Spital hinter sich

Bewohner lassen Spital hinter sich

Solothurner Zeitung

Rahel Meier

12 schwerstbehinderte Menschen sind gestern Donnerstag aus ihrer bisherigen Umgebung im Bürgerspital in Solothurn an den Drosselweg nach Zuchwil umgezogen. Sie finden im Gebäude des ehemaligen «Kontiki» vorübergehend eine neue Heimat. Klappt es, wie sich das die Verantwortlichen wünschen, wird die Wohngemeinschaft Ambassador schon bald in einen Neubau ziehen können. Da die Verhandlungen noch laufen, halten sich vorderhand aber alle bedeckt.

Auszug war Bedingung

Die Wohngemeinschaft Ambassador gehört seit dem 1. Januar 2007 zum Solothurnischen Zentrum Oberwald (SZO). Damals wurde sie vom Wohnheim Wyssestei übernommen. Bis gestern war das «Ambassador» in einem der Gebäude des «alten» Bürgerspitals untergebracht. «Zweckmässig, aber nicht sehr behaglich», wie Judith Jegge (Bereichsleiterin) meint. Als problematisch erachten sie und Judith Meier (Pflegefachfrau) zudem die Nähe zum Akutspital. «Unsere Bewohner wurden aus dem Spital in eine Wohngemeinschaft entlassen. Aber sie können erst jetzt mit dem Umzug das Spital wirklich hinter sich lassen», meinen die beiden.

Schon bei der Übernahme war bekannt, dass die Wohngemeinschaft aus dem Bürgerspital ausziehen muss. «Es ist nicht einfach, Wohnraum für eine Institution wie das ‹Ambassador› zu finden», erklärt Enrico Meuli, Geschäftsführer der Solothurnischen Zentrums Oberwald. Die meisten der Bewohner sind auf grosse, bis zu 150 Kilogramm schwere, Rollstühle angewiesen. Normale Zimmer in einer normalen Wohnung seien da schnell zu klein. Meuli ist darum froh, dass das leer stehende Gebäude am Drosselweg in Zuchwil vorübergehend gemietet werden konnte. Das Provisorium erlaubt es zudem, schon bald mehr Bewohner aufzunehmen. Der Neubau werde für 24 Personen ausgelegt. Dazu sollen zwei Entlastungsplätze kommen. «Wir denken, dass wir in Zuchwil schon bald maximal 20 Bewohner betreuen können.» Plätze für schwer behinderte – oft junge – Unfallopfer, wie sie im «Ambassador» auch betreut werden, seien schwer zu finden. «Diese Menschen in einem Altersheim unterzubringen, ist keine gute Lösung», meint Judith Jegge.

Neues Konzept

Die Wohn- und Betreuungsqualität der Gruppe hatte bei der Übernahme durch das «Oberwald» keinen allzu guten Ruf. Bereichsleiterin Judith Jegge hat unter anderem deshalb gemeinsam mit Meuli ein neues Betriebskonzept erarbeitet.

«Alle unsere Bewohner standen vor ihrer Erkrankung oder ihrem Unfall aktiv im Leben. Sie haben Erinnerungen. Genau damit arbeiten wir», erklärt Jegge. Zwar könnten viele der Bewohner nicht mehr sprechen. «Aber sie können sich auch ohne Worte ausdrücken», weiss Judith Meier. Aktives Mitarbeiten und Mitgestalten rege die Hirntätigkeit an. «Wir besuchen mit unseren Bewohnern Konzert. Wir gehen mit ihnen ins Kino. Wir besuchen Orte, die sie vor der Erkrankung oder dem Unfall häufig aufsuchten.» Die Bewohner sollen am normalen Leben teilnehmen können. So ist es selbstverständlich, dass die Bewohner selbst bestimmen, wann sie am Morgen aufstehen, wann sie essen oder zu Bett gehen. Damit macht die Institution einen Schritt weg vom eher starren Heimbetrieb. «Das erfordert sehr viel Flexibilität, vor allem vom Personal», weiss Judith Jegge.

Sie ist überzeugt, dass gerade dieses Konzept die Entwicklung der Bewohner positiv beeinflusse. «Denn auch unsere Bewohner können sich noch entwickeln», meint Meuli. Tatsächlich gibt es Bewohner, die heute wieder arbeiten oder selbstständig wohnen können und die Wohngemeinschaft verlassen haben.