Brennpunkt: Gegen sexuellem Missbruachin öffentlichen Institutionen

IRENA JURINAK Das Bild einer weissen Rose hängt im Büro der Stiftung Linda in Aarau. Für Verena van den Brandt, Präsidentin der Stiftung, ist die Rose ein Symbol für das Schöne im Leben. Denn sie will Opfern von sexuellem Missbrauch nicht nur beistehen, sondern ihnen auch die Freude am Leben zurückgeben.

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Aargauer Zeitung

Warum ist sexueller Missbrauch in öffentlichen Institutionen, wie Spitälern oder Sportvereinen, ein Tabuthema?
Verena van den Brandt: Spitäler, Kirchen oder Sportvereine sind mit einer solchen, oft ganz unerwartet auftretenden Situation meistens überfordert und hören solche Vorwürfe nicht gerne. Sie denken hauptsächlich an ihr Ansehen in der Öffentlichkeit, fürchten um ihren guten Ruf und sprechen begreiflicherweise von einem Einzelfall: «Bei uns passiert so etwas nicht.» Das Geschehene wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgearbeitet. Aber Schweigen ist das beste Versteck für einen Täter.
Darum brechen Sie mit Ihrer Stiftung jetzt das Schweigen?
van den Brandt: Es sollte ein Umdenken
stattfinden. Die Opfer müssen wissen, dass wir sie ernst nehmen. Was für die Opfer eines Verkehrsunfalls heutzutage ganz selbstverständlich ist, sollte auch den Opfern von sexuellem Missbrauch zustehen.
Was meinen Sie damit?
van den Brandt: Wenn sie an einem Unfall vorbeifahren, gilt das als unterlassene Hilfeleistung. Rasche Hilfe ist auch für Opfer von sexuellem Missbrauch nötig und sollte durch ein speziell ausgebildetes Team geleistet werden, welches die Verletzungen untersucht und einer adäquaten Behandlung zuführt. Dies, um den Schaden zu begrenzen und die Anzahl chronischer irreparabler Schäden möglichst zu verringern.

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Dr. Verena van den Brandt-Grädel kam im Laufe ihrer Tätigkeit als Ärztin für Magen-Darm-Krankheiten in Aarau immer wieder in Kontakt mit Opfern sexuellen Missbrauchs. Um diesen Opfern beizustehen, gründeten sie und ihr Mann im Dezember des vergangenen Jahres die Stiftung Linda. (JU)

Und wenn jemand die Hilfe nicht will?
van den Brandt: Wenn jemand sich den Arm bricht, überlässt man ihn auch nicht sich selbst. Auch gegen Pandemien gibt es klar definierte rigorose Weisungen, die niemand infrage stellt. Bei psychischen Erkrankungen gibt man die Verantwortung für die Behandlung an den Patienten ab. Auch hier ist ein standardisiertes Vorgehen, eine gesetzlich festgelegte Behandlung zur Erfassung der bekannten Symptome vonnöten, um die Krankheiten zügig abzuklären und zu behandeln.
Schauen wir zu oft weg?
van den Brandt: Ja. Weil niemand sich vorstellen kann, dass ein Bekannter, ein angesehener Arbeitskollege, eine Vertrauensperson zu sexuellem Missbrauch fähig ist. So eine Anschuldigung löst Staunen oder sogar Ärger aus, wird oft als ungeheuerlich empfunden. Die Reaktionen auf die Verhaftung Polanskis sind ein gutes Beispiel dafür.
Was zeigt Polanskis Fall?
van den Brandt: Man konnte sehen, wie verstört die Leute reagieren, wenn der Täter eine bekannte, in seinem Beruf sehr erfolgreiche und darum «mächtige» Person ist, auch wenn diese die Tat zugegeben hat. Die Verhaftung kam ungelegen, deshalb kamen die Emotionen frei, nicht wegen seiner kriminellen Taten.
Warum empfinden wir so?
van den Brandt: Für die Betroffenen ist das Thema unangenehm. Man geniert sich, man redet nicht gerne darüber. Auch aus Angst über die Skandalgeschichten in den Medien in solchen Fällen, die Interesse daran haben, genau zu erzählen, was den Opfern passiert ist. Aber wie es den Opfern geht, darauf achtet niemand. Dabei soll jeder, der etwas merkt, hinschauen und helfen.
Aber wer hinschaut, gerät manchmal selber in die Kritik, wie Ruth Ramstein, die den Fall des Turnlehrers Köbi F. in Möriken aufdeckte.
van den Brandt: Das ist ganz schlimm. Es gibt sehr wenige Fehlanzeigen, und diese erkennt eine Fachperson sofort. Sexueller Missbrauch ist keine Randerscheinung. Eine Studie geht davon aus, dass jede vierte Frau und jeder fünfte Mann Opfer von sexuellem Missbrauch ist. Etwa drei Prozent aller Mitarbeiter im Gesundheitswesen machen sich sexueller Grenzverletzungen schuldig. In allen öffentlichen Institutionen braucht es strengere Vorschriften. Eltern müssen sich sicher sein können, dass sie ihre Kinder gefahrlos in den Fussballverein schicken können.

STIFTUNG LINDA


Die Stiftung Linda mit Sitz in Aarau ist eine unabhängige, verantwortungsvolle Institution bei sexuellem Missbrauch und sexuellen Grenzverletzungen in öffentlichen oder privaten Institutionen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Personen zu unterstützen, die in öffentlichen oder privaten Institutionen missbraucht worden sind. Christine Egerszegi, Ständerätin, hat das Patronat der Stiftung übernommen. (ju)
Internet: www.stiftung-linda.ch