«Das ist ein Hoseschiisserentscheid»

Das Gebiet rund um die Alpage du Scex oberhalb von Crans Montana ist ein Naturparadies. Getrübt wird die Idylle derzeit nur von herumliegenden Rind-Kadavern.

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Jagd auf Wolf im Wallis
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Jagd auf Wolf im Wallis

Sandra Kohler

In den Nasenlöchern kräuseln sich die Maden, die Augenhöhlen sind leer – leer gefressen, die Ohren abgebissen. Darum herum Hunderte von Fliegen. Das vor zwei Wochen von einem Wolf gerissene Rind ist kein schöner Anblick in der sonst so perfekten Idylle der Region rund um die Alpage du Scex oberhalb von Crans Montana.

Massenhaft Touristen schieben sich «im Gänsemarsch» den Berg hinauf, geniessen die Aussicht auf das Rhonetal und die reine Luft. In eben diese mischt sich der süsslich, beissende Verwesungsgestank des nur einige Meter vom Wanderweg entfernten Kadavers. Gerade mal der Schädel, einige Knochen und das Fell sind vom ursprünglich rund 300 Kilogramm schweren Rind übrig geblieben. Der oder die Wölfe sind immer wieder an ihren «Tatort» zurückgekehrt und haben vom Kadaver gefressen.

Ein Jäger sah zwei Wölfe

Entdeckt hat das erste gerissene Rind der Hirte Manuel Forte auf seinem täglichen Kontrollgang durch das insgesamt rund 450 Hektaren grosse Weidegebiet. «Das tote Rind lag mit dem Kopf nach unten, die Wölfe scheinen es den Hang hinunter getrieben und dann an den Hinterbeinen, Gesäss und Bauch gepackt zu haben», mutmasst Manuel Forte. Auch er ist, wie viele der Einheimischen, der Meinung, dass es sich um zwei Wölfe handeln muss: «Ein Wolf allein greift ein so grosses Tier nicht an.» Der Pächter der Alpage du Scex, Armin Andenmatten, weiss von einem Jäger, der erzählt hat, die zwei Wölfe selbst gesehen zu haben. Und mittlerweile kursieren gar Gerüchte, dass zum Wolfspaar vier Jungtiere dazugekommen seien.

Ein zweites angefallenes Rind hat schwer verletzt überlebt. Gepflegt wird es momentan in einem Stall. Die grünen Punkte auf dem Fell markieren die zahlreichen Biss- und Kratzverletzungen. Noch rund eine Woche, dann kann es wieder auf die Weide zu den anderen Rindern. Das dritte innerhalb von zwei Wochen attackierte Vieh hatte weniger Glück. Es verendete an den Verletzungen.

Gefunden hat es der Hirte Roger Gasser: «Zuerst dachte ich, das Rind schläft, dann sah ich die Verletzungen am Unterleib und dachte – nicht schon wieder.»

Nur einige Meter entfernt picknickt eine Gruppe Touristen auf einem Felsen. Zwei Junge nähern sich mit einer Mischung aus Neugierde und Ekel. «Wir sind nicht für den Tod der Rinder verantwortlich, also schaffen wir die Kadaver auch nicht weg», begründet der Pächter Armin Andenmatten den Verbleib. Der Abtransport per Helikopter wurde nun aber von den Verantwortlichen des Kantons veranlasst – scheint doch der unschöne Anblick die Idylle der Bergwelt zu trüben.

Wurde der Wolf ausgesetzt?

Die Älpler und Bauern sind wütend, fühlen sich von den Wölfen bedroht. Ob die Wölfe ausgesetzt wurden – das fragen sich hier einige. Zutrauen würden sie dies den Wolf-Befürwortern. Er soll von
Italien gekommen sein, das mag Andenmatten nicht wirklich glauben. «In Italien hat er keinen Schaden angerichtet und kaum ist er in der Schweiz, beginnt der Wolf zu morden? Und wie soll er überhaupt das dicht besiedelte Rhonetal durchquert haben?», schiebt der Älpler die Frage nach.

Schafe sind seit einigen Wochen keine mehr auf der Alpage du Scex zu sehen, denn die Bauern haben sie «abgealpt» – von der Alp heruntergeholt. Im Stall fehlt ihnen dann aber das Futter für die Tiere, die eigentlich erst im September oder Oktober wieder heimkehren sollten. «Der Wolf gehört nicht hierher, er hat hier keine Freunde», sagt Armin Andenmatten mit ernster Miene und fügt hinzu: «Und die Abschussbewilligung für nur einen Wolf ist ein Hoseschiisserentscheid. Das ist, wie wenn man zwei Mörder hat, und einen laufen lässt.»