«Das Wallis hat wichtige Zeit verloren»

Der oberste Wildhüter der Schweiz, Reinhard Schnidrig, über die Probleme beim Wolfsschutz im Wallis

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«Das Wallis hat wichtige Zeit verloren»

«Das Wallis hat wichtige Zeit verloren»

Benno Tuchschmid

Herr Schnidrig, liegen die Jäger im Wallis schon auf der Lauer?

Reinhard Schnidrig: Nein. Erst muss die Abschussfreigabe im Amtsblatt publiziert werden. Das wird meines Wissens am Donnerstagabend passieren. Danach wird der Chef der Walliser Jagddienststelle, Peter Scheibler, seine Wildhüter einsetzen können. Vielleicht nimmt er zwei, drei Leute, die bei der geschädigten Rinderherde ansitzen. Die Planung des Vollzugs der Abschussbewilligung liegt bei ihm.

Wie hoch sind die Chancen, den Wolf zu schiessen?

Schnidrig: In den letzten zehn Jahren wurden sechs von elf Wölfen geschossen, die zum Abschuss freigegeben wurden. Die Chance liegt also etwa bei 50 Prozent. Uns geht es auch nicht darum, einen Wolf totzuschiessen, sondern weitere Schäden zu verhindern. Vielleicht vergrämt bereits die Präsenz der Menschen den Wolf.

Wölfe reissen Schafe, das wusste man. Jetzt töten sie plötzlich Rinder. Wieso?

Schnidrig: Im Gebiet zwischen Varneralp und Aminona-Montana werden praktisch keine Schafe gehalten, sondern nur Rinder. Wenn dort Wölfe durchspazieren, dann stolpern sie quasi über diese Tiere. Aber: Wenn Wölfe Rinder jagen, dann kaum alleine, sondern mindestens zu zweit. Unsere Angst ist, dass die Wölfe jetzt gemerkt haben, dass sie in der Gemeinschaftsjagd Rinder erlegen können und dies wieder tun. Aber grundsätzlich sind gerissene Rinder selten.

Ist diese Gemeinschaftsjagd etwas Neues in der Schweiz?

Schnidrig: Wir rechnen schon seit zwei bis drei Jahren damit, dass sich Rudel bilden. Jetzt ist es anscheinend so weit. Der Beweis ist aber noch nicht endgültig erbracht. Wir haben die DNA-Spuren des Tieres, welches die Schafe auf der benachbarten Alp gerissen hat: ein Wolf italienischer Abstammung, der wahrscheinlich auch bei den Rinderattacken dabei war.

Wie können die Rinder geschützt werden?

Schnidrig: Das kann man nicht abschliessend beantworten. Wir beobachten zwar, was in Italien und Frankreich passiert, aber auch im Ausland gibt es keine fixen Konzepte für den Herdenschutz von Rindern. Wir haben vor drei Jahren im Jura selbst ein Pilotprojekt mit Schutzhunden und Rindern gestartet, weil wir damit rechnen, dass der Wolf in den Jura einwandert. Dort gibt es viele Rinder und Pferde. Offenbar klappt das gut, aber wir müssen das Konzept weiterentwickeln. Bisher stand dieses Thema nicht im Vordergrund, weil wir mit den 250000 Schafen auf Schweizer Alpen genug zu tun hatten.

Wenn es um Probleme mit dem Wolf geht, steht immer das Wallis im Mittelpunkt. Wieso?

Schnidrig: Das Wallis war 1995 der erste Kanton, der Wölfe hatte. Erst 1999 kamen Graubünden und das Tessin dazu und erst letztes Jahr die Innerschweiz. Man sollte darum nicht zu sehr mit dem Finger aufs Wallis zeigen. Aber ich muss schon auch sagen: Wir sind im Wallis Jahre lang auf eine offene Politik der Ablehnung gestossen. Jetzt merkt man: Es kommen immer mehr Wölfe, auch Weibchen. Man kann das Problem nicht mehr wegdiskutieren. Seit letztem Jahr haben wir auch zum ersten Mal eine einigermassen gute Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsamt. Wir hatten in anderen Kantonen schneller eine bessere und einfachere Zusammenarbeit. Im Wallis hat man wichtige Zeit verloren.

Tierschützer sagen: Der Abschuss eines Wolfes steht in keinem Verhältnis zu ein paar toten Rindern.

Schnidrig: Tja, lassen Sie mich Ihnen versichern, ich arbeite beim Bundesamt für Umwelt und nicht beim Bundesamt gegen Wölfe. Aber wir wollen eine Population schützen und nicht Einzeltiere. Die Wolfsbestände wachsen und das ist auch gut so, aber es braucht eine gesunde Pragmatik. Ohne das geht es in der Schweizer Politik nicht, und wer in der föderalistischen Schweiz anders meint, wird seinen Kopf anschlagen. Es nützt uns nichts, wenn Pro Natura und WWF den Wolf schützen wollen. Der wirksame Wolfsschutz muss in den Köpfen der Menschen im Pays d’Enhaut, im Wallis, im Tessin und im Bündnerland und nicht im Kreis 4 in Zürich passieren.