Der Brugger Physiker Jürg Nänni stellt unsere Wirklichkeit infrage

Als Jugendlicher war Jürg Nänni an allen Disziplinen interessiert und hätte auf den Spuren von Humboldt und Darwin am liebsten den ganzen Globus bereist. Die Welt fasziniert den dreifachen Vater aus Brugg immer noch, auch wenn er sie heute aus ganz anderen Blickwinkeln und oft mit einem Augenzwinkern wahrnimmt.

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Jürg Nänni

Jürg Nänni

Von Barbara Rüfenacht

«Was wir sehen, ist nicht die Abbildung der Wirklichkeit, sondern lediglich eine Interpretation unseres Gehirns», erklärt Jürg Nänni, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit so genannten Sinnestäuschungen und Wahrheit befasst und weit über 300 Experimente, teilweise gemeinsam mit Neurologen, zu diesem Thema erfunden hat. So ist es kaum verwunderlich, dass sich das Schwimmbassin im Garten des Lebenskünstlers als Objekt für weitere Versuche entpuppt.

Zur Person

Jürg Nänni ist in Rehetobel geboren und in Herisau aufgewachsen. An der ETH Zürich studierte er Physik und Mathematik und doktorierte mit einem damals seit fast 200 Jahren ungelösten Problem von Leonhard Euler. Danach war er Forscher und Dozent an der ETH Zürich. 1979 wechselte Nänni als Dozent für Mathematik, Physik, Bauphysik und Informatik an die Fachhochschule Nordwestschweiz. Heute arbeitet er als Erfinder, Buchautor, Künstler, Konzepter und Berater. Jürg Nänni lebt mit seiner Familie im Grünen in Brugg.

Auf die Frage, ob er als Naturwissenschafter mit ausgeprägten musischen Fähigkeiten und einer grossen Begeisterung für weltanschauliche Überlegungen Angst vor dem Tod habe, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: «In Sachen Sterben bin ich ein absoluter Anfänger, ich lasse mich überraschen!» Für Überraschungen als Buchautor, Künstler und Konzepte-Erfinder sorgt Jürg Nänni quer durch die Länder und alle Szenen. So wurden dank seinem Auftritt an der Buchmesse Frankfurt gegen die 6000 Exemplare seines jüngsten Bildbandes «Visuelle Wahrnehmungen», erschienen im Verlag Niggli AG, verkauft.
Was ist so faszinierend an diesem grossflächigen, zwei Kilo schweren Buch mit eingelegter CD-Rom und 3-D-Brille?

Jürg Nänni öffnet dem Leser und Seher auf jeder der 240 Seiten eine neue Tür in die Welt der Wahrnehmung, er schickt uns auf eine bebilderte Reise durch unser Gehirn. Der Gang durch dieses komplexe Universum im Kopf gleicht einer Wanderung durch ein Labyrinth. Überall liegen Stolpersteine, lauern Tücken, öffnen sich neue Irrgärten. Kaum glaubt man, eine Antwort gefunden zu haben, schleichen sich zehn neue Fragen an. Niemand hat den vollkommenen Durchblick, weder der Leser noch der Autor, auch nicht die Neurologen oder Wahrnehmungspsychologen. Dafür gibt es laut Verfasser unendlich viele Gründe, von denen er nur einige aufzählt. «Sehen ist mit Erinnerungen und Emotionen verknüpft, Farben sind Illusionen, Helligkeit und Dunkelheit sind relative Phänomene und - wir sehen oft nur das, was wir sehen wollen.»

Lässt man sich in der Bilderwelt des Buches versinken, verirrt man sich nach oben und unten, nach links und rechts, nach innen und aussen, Schein wird mit Sein verwechselt. So zeigt eine typische Abbildung scheinbar ein System von scharf geschnittenen, konzentrischen Kreisscheiben. In Wirklichkeit handelt es sich aber nur um eine rotationssymmetrisch angeordnete, schwarze Strichfigur. Die kreisförmigen Schnittlinien entstehen in unseren Köpfen. Was ist nun tatsächlich Wahrheit und was sind Täuschungen? Immerhin sagt der Autor, der alle Bilder selber entworfen und gezeichnet hat: «Bilder sind Konstrukte unseres Bewusstseins, Farben sind Ergebnisse von Empfindungen, Ideen, Emotionen.» Vieles bleibt noch im Dunkeln, eines ist jedoch sicher: Nach dem Betrachten und Bestaunen dieses Buches sehen wir anders.

Seit Jürg Nänni der Fachhochschule den Rücken gekehrt hat, ist sein Terminkalender voller denn je. Weil sich der Professor im Unruhezustand immer wieder auf neues dünnes Eis gewagt hat, ist er heute auch Zeichner, Designer, Architekt, Referent an internationalen Symposien und Universitäten und nicht zuletzt technischer Berater von Roman Signer, dem bekannten Schweizer Bildhauer, Zeichner, Aktionskünstler und Filmer. «Wir haben schon die wildesten Experimente durchgeführt, sei es in Island oder in der Schweiz, und nächstes Jahr steht sogar die Wüste Sahara auf dem Programm», erzählt Jürg Nänni. Wann immer es die Zeit erlaubt, kreiert der Physiker eigene Bilder. Viele davon sind an der FHNW zu sehen, weitere sind unsigniert quer durch die Schweiz und das Ausland verteilt.

Für eine Safenwiler Firma, die Leuchten herstellt, hat der Sehforscher die ganze Fassade des Geschäftsgebäudes gestaltet. Auch ein Neubau der Lagerhäuser Aarau soll ein «Kleid» des Brugger Künstlers erhalten. Wird also demnächst das Regierungsgebäude in ein Kippbild umgewandelt? «Man soll niemals nie sagen», meint Jürg Nänni.

Was wünscht sich ein Realist mit einer Leidenschaft für Illusionen, wenn er in seinem Träumen nicht gerade über Scheinkanten stolpert? «Langfristig ein gutes Leben, kurzfristig eine Auszeit auf einem Leuchtturm ohne Fernseher mit Fernsicht rundum.»