Birr

Er hat seine letzte Chance gepackt

Er brachte er die Umgebung zum Verzweifeln – dann trat er ins Berufsbildungsheim Neuhof Birr ein. Der Eintritt in den Neuhof ist für jeden Jugendlichen mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Die AZ sprach darüber mit einem 15-Jährigen, der seit mehr als zwei Jahren dort lebt.

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Seinem Leben eine Wende gegeben: Der junge Mann in seinem Zimmer im Neuhof. (Peter Belart)

Seinem Leben eine Wende gegeben: Der junge Mann in seinem Zimmer im Neuhof. (Peter Belart)

Aargauer Zeitung

Peter Belart

Toni Birkle, pädagogischer Leiter des Neuhofs, charakterisiert J. (Name der Redaktion bekannt) kurz und bündig: «Er ist ein ganz guter Kerl.» Im Gespräch bestätigt der so Gerühmte diesen Eindruck. Offen, freundlich, höflich, umgänglich, ernsthaft und doch humorvoll - was hat dieser junge Mann nur hier im Neuhof verloren?

«Ich wollte nichts ändern»

J. ist mit seinen beiden Schwestern in Gränichen aufgewachsen. Ursprünglich stammt die Familie aus Kroatien. Als J. noch im Mittelstufenalter war, starb seine Mutter bei einem Verkehrsunfall. Gewiss liegt darin eine Ursache für die problematische Entwicklung J.s in den nächsten Jahren. In der Schule leistete er gar nichts mehr, störte, machte keine Hausaufgaben, schwänzte und neigte entweder zu aggressivem Verhalten oder dazu, den Clown zu spielen. «Es ging mir einzig darum, von den Mitschülern respektiert und geachtet zu werden. Die Schule selbst war für mich eine einzige Katastrophe.» Aber: «Ich wollte von mir aus nichts an dieser Situation ändern. Ich gefiel mir in der Rolle des Aussenseiters.»

Leben Im Neuhof

Wenn ein Jugendlicher in den Neuhof eintritt, wird er zunächst der Wohnstufe 3 zugewiesen. Er erhält für sich allein ein Zimmer, lebt aber zusammen mit sieben weiteren Jugendlichen in einer Wohneinheit. Die Betreuung obliegt einem Viererteam von Sozialpädagogen, die im Turnus während des ganzen Jahres täglich 24 Stunden zur Verfügung stehen. Jeder Jugendliche hat eine ihm zugewiesene Bezugsperson. Je nach Grad der Kooperationsbereitschaft ist die Freizeit der Jugendlichen mehr oder weniger eingeschränkt.
Jugendliche, die sich während längerer Zeit kooperativ und verantwortungsbewusst zeigen, können den Übertritt von der Wohnstufe 3 in die Wohnstufe 2 beantragen. Zu zweit leben sie dort in einer Wohnung mit zwei Schlafzimmern und einem Aufenthaltsraum. Sie müssen den Alltag selber meistern, ohne Aufforderung von Drittpersonen, ohne tägliche Kontrollen. Letztere erfolgt einmal pro Woche durch einen Sozialpädagogen, der auf Abruf auch sonst zur Verfügung steht. Diese «Externe Wohnform» befindet sich auf dem Areal des Neuhofs. (pbe)

J. wurde untragbar im Unterricht, trotz aller Bemühungen der Lehrpersonen, der Schulleitung und auch des Vaters, der glücklicherweise immer zu seinem Sohn stand. So wurde die Option Neuhof ins Auge gefasst. Es kam zu ersten Kontakten und einigen Schnuppertagen, während denen J. genau gleich wie die andern Neuhof-Jugendlichen behandelt wurde, also dort wohnte, sämtliche Regeln einhalten und sich an den anfallenden Arbeiten beteiligen musste. J. sagt: «Ich begann zu begreifen, dass ich diese Chance nutzen musste. Möglicherweise war es die letzte, die sich mir bot, wenn ich nicht völlig abstürzen wollte.»

Den Vater stolz machen

J. bestätigt, dass der Anfang alles andere als leicht fiel. Zuerst der Wegfall seines ganzen Bekanntenkreises: Familie, Freunde, Kollegen. «Vor allem meine Familie fehlte mir sehr.» Er musste den Kontakt zu neuen Bezugspersonen aufbauen. Und natürlich die Einschränkungen! «Von einem Tag auf den andern musste ich neue Regeln und die Autorität fremder Menschen anerkennen.» Aber sein grosses Plus war, dass er gewillt war, seinem Leben eine Wendung zu geben. Und J. ergänzt: «Ich will meinen Vater stolz machen. Er hat so viel für mich getan, und oft habe ich ihn früher enttäuscht. Das soll jetzt anders werden.»

J. vervollständigte im Neuhof seine schulische Grundausbildung mit grosser Energie («Ich habe mich in den Arsch geklemmt.»), und er begann, sich einen Kollegenkreis aufzubauen. Die Entwicklung verlief auch nach dem Antritt einer Maler-Lehre sehr positiv. (Der Neuhof bietet seinen Zöglingen Gelegenheit, in einem zum Berufsbildungsheim gehörenden Betrieb eine Lehre oder eine Anlehre zu machen. Dies kann in den Bereichen Gärtnerei, Gastronomie, Landwirtschaft, Malerei, Metallbau oder Schreinerei geschehen.)

«Ich fühle mich bereit»

Jetzt ist J. seit 21/4 Jahren im Neuhof. «Es hat sich viel an mir verändert», sagt er. Seine Zuverlässigkeit in allen Belangen ermöglicht ihm nun den Übertritt in die Wohnstufe 2 (s. Kasten). Kurz vor den Ferien zog er in die Wohnung ein, die er mit einem Jugendlichen selbstverantwortlich teilen wird. «Als ich vernahm, dass mein Antrag angenommen wurde, freute ich mich ungemein. Ich fühle mich bereit für diese Wohnform; das wird gut gehen.»

Doch J. plant bereits weiter. «Später möchte ich eine externe Wohnung beziehen, so dass ich nach dem Austritt aus dem Neuhof 100%ig darauf vorbereitet bin, selbstständig zu leben.» Seine Lehre dauert noch zwei Jahre. Wer mit J. spricht, zweifelt nicht daran, dass dieser junge Mann sein Leben vollständig in den Griff bekommt - dank dem Neuhof und dank der Tatsache, dass sich J. selbst Ziele setzt und diese mit aller Energie zu erreichen sucht.