«Es braucht ein Gefühl für das Auto»

Erfolgreiche Fahrer hat der Modellrennsportclub Langenthal schon seit Gründungszeiten. Zur neusten Generation der Spitzenfahrer gehört der 17-jährige Simon Kurzbuch. Dieser Tage nimmt er an der Weltmeisterschaft im Tessin teil.

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az Langenthaler Tagblatt

Nora Lipp

«Ich bin schon ziemlich gut im Moment», sagt der junge Mann verschmitzt, «schon einer der Besseren im Klub, vermutlich einer der Besten.» Etwas verlegen betrachtet Simon Kurzbuch das vor ihm auf dem Tisch stehende Modellauto: Es hat Vierradantrieb, einen 3,5-Kubik-Motor, ein Zweiganggetriebe, eine Einzelradaufhängung, erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern und kostet 700 Franken. Der Polymechaniker-Lehrling muss sein Hobby aber nicht aus eigener Tasche finanzieren: «Jedes Jahr kriege ich vom Sponsor, dem Händler dieser Modelle, ein neues Auto; und die Carrosserie Sägesser, deren Inhaber mein Vater ist, ist auch ein grosser Sponsor.»

1100 Zuschauer füllten den Güterbahnhof

1976 wird der Modellrennsportclub in Langenthal (MRCL) gegründet, neun Mitglieder umfasst er in den Anfangszeiten. Bereits 1977 wird im Güterbahnhof Langenthal ein erstes Rennen durchgeführt, das von über 1100 Zuschauern besucht wird. In diesen Jahren ist Hanspeter Gerber als Fahrer sehr erfolgreich, er wird 1980 Schweizer Meister und ist an der Europameisterschaft in Schweden der Schnellste. 1981 qualifizierte er sich für die Weltmeisterschaft. In den späten 80er-Jahren beschränken sich die Erfolge des MRCL auf die Region. Der Verkehrsgarten wird in Fronarbeit an die Bedürfnisse des MRCL angepasst und 1990 zum ersten Mal befahren. In den nächsten Jahren können sich wieder vermehrt Fahrer an Schweizer- und Europameisterschaften behaupten. 1997 nimmt der Modellrennsportclub Langenthal zum ersten Mal am Mannschaftscup teil. Die drei angetretenen Mannschaften des Clubs schneiden gut ab: Hanspeter Gerber, Hanspeter Hulliger und Christian Kurzbuch werden gar Mannschafts-SchweizerMeister. Neuer Belag, neue Schikane, Randsteine - die Rennstrecke wird in den 90er- Jahren immer wieder erweitert. Heute umfasst der Verein etwa sechzig Mitglieder. (NLR)

«Eine Chance hat jeder»

Sein Vater - durch ihn ist Simon Kurzbuch als Neunjähriger überhaupt zum Modellrennsport gekommen. Christian Kurzbuch war schon erfolgreicher Fahrer an Schweizer- und Europameisterschaften, heute steht er als Mechaniker seines Sohnes am Pistenrand und schreit ihm durch den Motorenlärm Anweisungen zu. «Manchmal sind wir nach einem Rennen ganz heiser», thematisiert Simon Kurzbuch diesen Lärm, der seines dazu beiträgt, dass es in der Schweiz nur ganz wenige offizielle der 200 bis 300 Meter langen Modellrennstrecken gibt. Eine davon liegt im Verkehrsgarten Langenthal.

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Stützen der Vereine

Gegen 200 Vereine existieren in Langenthal. Sie sind wichtige Foren zur Pflege von Kontakten und stellen ein wesentliches Element der gemeinsamen Freizeitgestaltung dar. Für das Bestehen dieser grossen Vereinsvielfalt ist das teilweise Jahrzehnte dauernde Engagement einzelner Mitglieder zentral. In einer losen, nicht repräsentativen Folge werden an dieser Stelle Personen porträtiert, die eng mit ihrem Verein verknüpft und aus dessen Leben nicht mehr wegzudenken sind. (oaw)

Simon Kurzbuch steigt die Treppe zum Bock hinauf, von diesem vier Meter hohen Balkon aus behält er den Überblick über die Piste und steuert sein Gefährt, während unten am Pistenrand jeweils sein Vater steht, den Rennverlauf überblickt, Anweisungen gibt und das Modellauto tankt. «Die Vorrunden dauern nur sieben Minuten, der Final aber fünfundvierzig. Dass das Auto alle fünf Minuten getankt werden muss, macht es da schon spannend», sagt Simon Kurzbuch. Glück sei in diesem Sport aber genauso wichtig wie die Taktik: «Eine Chance hat jeder, aber Glück braucht man schon. Es kann immer etwas am Auto kaputt gehen.» Fünf Stunden braucht Kurzbuch, um das als Baukasten gelieferte Modellauto zusammenzubauen. Damit trainiert er dann jeden Samstag und wendet noch zwei weitere Stunden pro Woche für Wartungsarbeiten auf.

Die aufsetzbare Carrosserie mit einem kleinen Fahrer im Cockpit hat Simon Kurzbuch orange-gelb mit feinen schwarzen Verästelungen besprayt. «Welche Carrosserie die Beste ist, das probiert man aus - da braucht es ein Gefühl für das Auto.» Er weist auf die Fahrbahn, erklärt, dass bei Rennen jeweils alles ganz anders aussehe: Der Rasen ist gemäht, es hat Zäune und Absperrungen, hinter denen die Zuschauer sitzen. «Beim Rennen bin ich schon nervös, es ist da ziemlich hektisch.» So stehen etwa alle Fahrer nebeneinander auf dem Bock und steuern ihre Autos per Fernbedienung. «Es ist wichtig, ruhig zu bleiben, zu überlegen und immer noch schnell zu sein.» An der Weltmeisterschaft im Tessin diese Woche ist alles noch viel grösser: «Der Bock ist sieben Meter hoch, und die Bahn reicht etwa bis da hinten», Kurzbuch zeigt über die Bahn hinaus.

Steiler Aufstieg bis an die WM

Bereits 1980 wurde mit Hanspeter Gerber ein Langenthaler Fahrer Schweizer- und Europameister. Fast 30 Jahre danach trainiert auch Simon Kurzbuch für die Weltmeisterschaft, sucht die perfekte Linie, stimmt sein Auto ab und verbessert seine Reaktionen. «Ja, sich selber muss man schliesslich auch motivieren», sagt er auf die Frage, ob sein Ziel an der WM der Sieg sei. Letztes Jahr belegte er den dritten Platz an der Schweizer Meisterschaft, jetzt startet er bereits an der Weltmeisterschaft: «Bei jungen Fahrern ist es eigentlich immer so, dass sie sich schnell verbessern.»

Zusammen mit einem Team bereitete er sich auf den grossen Anlass vor: «Jeder hilft mit», sagt der 17-Jährige. Draussen zu sein, mit den Kollegen, dem Vater zusammen etwas zu machen, das gefällt Simon Kurzbuch an seinem Hobby. Nicht immer aber ist er auf der Piste: «In den Ferien mache ich auch mal was anderes, schliesslich kann ich nicht nur für den Modellrennsport leben. Meine Freundin, Freunde und meine Familie sind mir ebenso wichtig - ohne ihre Unterstützung würde es gar nicht gehen.»

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