Gefährliches Vorbild
FCZ-Legende Fritz Künzli wurden die Alzheimer-Medikamente abgesetzt – Experten warnen

Monika Kaelin riss der Geduldsfaden: Nach negativen Erfahrungen hat sie beschlossen, dass ihr Mann Fritz Künzli keine Alzheimer-Medikamente mehr erhalten soll. Brauchen an Alzheimer erkrankte Personen überhaupt Medikamente?

Sacha Ercolani
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Ein Foto aus sorgenfreien Tagen: Vor sieben Jahren machte Fritz Künzli seiner Monika Kaelin einen zweiten Heiratsantrag. RDB/Sobli/Sabine Wunderlin

Ein Foto aus sorgenfreien Tagen: Vor sieben Jahren machte Fritz Künzli seiner Monika Kaelin einen zweiten Heiratsantrag. RDB/Sobli/Sabine Wunderlin

Sobli

Die an Alzheimer erkrankte FCZ-Legende Fritz Künzli (71) ging in den letzten Monaten in Spitälern und verschiedenen Pflegeeinrichtungen laut Aussagen seiner Frau Monika Kaelin (62) «durch die medizinische Hölle» – und fiel nach einigen Vorfällen sogar in ein Delirium.

Da riss der Entertainerin der Geduldsfaden: Kaelin setzte alle Medikamente ihres Mannes ab und pflegt ihn nun zu Hause fürsorglich. Gemäss eigenen Angaben mit grossem Erfolg: Künzlis Bewegungen seien wieder koordiniert, er strahle, summe Lieder, sagte seine Frau im «SonntagsBlick». «Mein Fritz ist ein Wunder!» Er spiele sogar wieder Tennis, nutze den Hometrainer und nehme öfter am gesellschaftlichen Leben teil. «Das wichtigste und wirkungsvollste Medikament ist sie selbst», so der Vertrauensarzt der beiden.

In den sozialen Medien sorgen das Wunder von Zürich und die Aussagen des Arztes bei Angehörigen von Demenz-Kranken einerseits für neue Hoffnung, aber auch für Verunsicherung und offene Fragen. Wie etwa: «Brauchen an Alzheimer erkrankte Personen denn überhaupt Medikamente?» Oder: «Können solche Patienten überhaupt alleine zu Hause gepflegt und richtig versorgt werden?»

Ernsthafte gesundheitliche Folgen

Stefanie Becker, Geschäftsleiterin von Alzheimer Schweiz, warnt: «Ganz grundsätzlich ist von einem Absetzen von ärztlich verordneten Medikamenten auf eigene Faust abzuraten, da auch die dadurch ausgelösten Symptome ernsthafte gesundheitliche Folgen haben können.»

Sollten Erkrankte selbst oder auch ihre Angehörigen von der Verordnung bestimmter Medikamente nicht überzeugt sein oder sich nach einer angemessenen Zeit die gewünschte Wirkung nicht einstellen, sei es ratsam, das Gespräch mit dem Vertrauensarzt zu suchen oder auch eine Zweitmeinung einzuholen. «Aber sicherlich ist klar, dass eine wertschätzende, verständnisvolle und über die Besonderheiten der Demenzerkrankungen gut informierte Begleitung und Betreuung einen sehr wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Lebensqualität der Menschen mit Demenz leisten», sagt Becker.

Unruhe und Halluzinationen

Laut Professor Egemen Savaskan, Chefarzt für Alterspsychiatrie an der Universitätsklinik Zürich, handelt Monika Kaelin intuitiv richtig, denn «grundsätzlich sagen die Empfehlungen der Schweizer Fachgesellschaften, dass bei solchen Patienten nichtpharmakologische Interventionen im Vordergrund stehen müssen», sagt der Experte. Wichtig seien unter anderem aber Aktivierungstherapien wie zum Beispiel eine Musiktherapie oder eine Bewegungstherapie.

Doch auch Savaskan warnt vor zu viel Euphorie, denn bei fortgestrittenen Demenz-Erkrankungen können schwere Störungen wie eine Depression, Unruhe, Aggressivität, Wahn oder gar Halluzinationen auftreten. Savaskan: «Für die Behandlung dieser Symptome werden dann beispielsweise Psychopharmaka eingesetzt. Wir empfehlen, diese Medikamente unter Beobachtung zeitlich limitiert einzusetzen und regelmässig die Indikation zu überprüfen.»

Die Therapie bei Patienten mit Alzheimer sei sehr schwierig, da die Symptome sich im Verlauf ändern können. Man müsse daher laufend die Therapie dem klinischen Bild anpassen. Egemen Savaskan: «Deswegen kann man einen grundsätzlichen Rat für oder gegen Medikamente nicht geben. Dies ist oft ein situativer Entscheid.»