Frischer Wind auf hoher See

Ein Windkraftwerk der Superlative setzt neue Massstäbe. Mitten in der Nordsee ragen seine gigantischen Rotoren über 100 Meter in die Höhe.

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Frischer Wind auf hoher See

Frischer Wind auf hoher See

Solothurner Zeitung

Daniel Hautmann

«Alpha Ventus», die Pilot-Meereswindfarm rund 40 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum, ist fertig. Alle zwölf Windräder, jedes fünf Megawatt (MW) stark, drehen sich munter. Wenn der Wind kräftig bläst, generieren sie Strom für bis zu 50000 Haushalte – emissionsfrei und ohne teure Treibstoffe zu verbrauchen.

Was da über 100 Meter aus der Nordsee ragt, hat so noch niemand gebaut. «Alpha Ventus» ist in seinen Dimensionen einzigartig. Zwar gibt es vor Dänemark und anderswo längst so genannte Offshore-Anlagen – Windparks, die sich im Meer befinden. Doch stehen sie fast alle küstennah im seichten Wasser. Und noch wichtiger: Die meisten Anlagen haben nur um die zwei MW, die «Alpha-Ventus»-Turbinen leisten fünf MW. «Das hier ist die Superlative im Offshore-Wind-Bereich», sagt Irina Lucke, EWE-Mitarbeiterin und Teilprojektleiterin Umspannwerk.

Mit entsprechender Neugierde beobachtete die globale Windenergieszene die Errichtung des Testfelds. Kein Wunder: Überall auf der Welt sollen Propeller ins Meer gestellt werden. Allein in Euro-Gewässern, so eine Schätzung der europäischen Windenergieagentur, könnten es in diesem Jahrzehnt 70000 MW sein – der Grossteil davon in Grossbritannien. In der Nord- und Ostsee sollen 80 Windparks entstehen. Auch in den USA, in kanadischen und asiatischen Gewässern sollen Parks in grosser Zahl aus dem Wasser wachsen.

Bis «Alpha Ventus» die erste Kilowattstunde ins Netz einspeisen konnte, galt es allerdings Ozeane an Arbeit zu erledigen. Bereits 2001 genehmigte das Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) den Park. Inzwischen, acht Jahre später, weiss man, dass auf See vieles komplizierter ist als einst gedacht.

Beispiel: Eigentlich sollten die ersten Turbinen schon im Herbst 2008 stehen. Doch die Ingenieure sind mit dem falschen Gerät an die Arbeit gegangen. Die 700 Tonnen schweren und 45 Meter hohen Fundament-Konstruktionen, die den Windrädern festen Halt geben, sollten mit einem Schwimmkran von einem schaukelnden Ponton gehievt werden. Schnell sah man ein, dass selbst kleinste Wellen das Vorhaben aus dem Gleichgewicht bringen würden und blies die Aktion ab. So dauerte es bis zum Sommer 2009 bis sich Deutschlands erstes Offshore-Windrad drehte. «Wir erfahren gerade, was Offshore bedeutet», sagt «Alpha-Ventus»-Geschäftsführer Ralf Lamsbach. Schon skurril, dass ausgerechnet der Wind der grösste Feind beim Bau der Offshore-Windfarmen ist. Warten auf Flautentage gehört zum Geschäft, schliesslich werden für die Parks die windigsten Gegenden gewählt. Dumm nur, dass Zeit Geld ist.

So hat die Branche einige Lehren aus «Alpha Ventus» gezogen. Was noch immer gänzlich fehlt, sind Langzeiterfahrungswerte auf See. Vor allem die Wartungsfrage ist noch grösstenteils unbeantwortet. Doch der Offshore-Boom ist kaum noch aufzuhalten. Etliche Hersteller konstruieren Windkrafträder eigens für den Einsatz auf dem Meer. Logistikunternehmen ordern Spezialschiffe zum Installieren und Warten der Riesenmaschinen. Es entstehen Häfen, speziell zum Verladen von Windrädern.

Ein Testfeld wie «Alpha Ventus» kommt den grossen Energieunternehmen geradezu gelegen. Hier können sie sich einiges abschauen. Auf der kleinstadtgrossen Fläche stehen eigentlich zwei unterschiedliche Parks: sechs Windräder vom Hamburger Hersteller Repower und sechs vom Bremerhavener Unternehmen Multibrid. Die Repower-Anlagen gründen auf so genannten «Jackets», fachwerkturmähnlichen Gerüsten mit vier Beinen. Die Multibrids erheben sich auf riesigen, dreibeinigen Stativen aus den Fluten.

Die Kosten, genau wie die Erfahrung, teilen sich die drei Stromerzeuger Eon, Vattenfall und EWE, die sich in der Doti, der Deutschen Offshore Testfeld und Infrastruktur GmbH, zusammengetan haben. Gemeinsam wollen sie erfahren, welche Anstrengungen nötig sind, einen Offshore-Park zu bauen und zu betreiben. «Verstehen, was Offshore ist, kann nur, wer selbst mal da draussen war», sagt Ralf Lamsbach. Im Herbst 2006 registrierte die Messstation Fino, die direkt neben dem Windpark aus dem Wasser ragt, eine brachiale Welle. Sie verbog ein solides Stahlgeländer, als sei es ein rostiges Stück Draht – in 17 Meter Höhe.

Ob die zwölf Propeller den rauen Belastungen auf Dauer standhalten, wird sich zeigen. Damit sie möglichst selten ausfallen, sind sie mit zahlreichen Sensoren ausgestattet. Solche «Condition Monitoring Systems» geben Auskunft über die Belastung im Turm, im Flügel oder über Eisenpartikel im Öl des Getriebes. Sobald sich ein Defekt anbahnt, machen sich Monteure auf den Weg – wenn es sein muss, seilen sie sich vom Helikopter direkt auf die Anlage ab.