Pierre Harb
Nicht nur Graben, auch Grübeln

Pierre Harb will künftig mehr Gewicht auf das Vermitteln von Archäologie und ihrer Erkenntnisse legen. Ein Traum des Solothurner Kantonsarchäologen ist es, einmal eine Publikumsgrabung anbieten zu können.

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Pierre Harb

Pierre Harb

Solothurner Zeitung

Stefan Frech

Was wollten Sie als Archäologe schon immer mal finden?

Pierre Harb: Ich freue mich an allem, was gefunden wird, ich bin da offen. (lacht) Klar, die Römer liegen mir persönlich am nächsten. Das Schönste ist für mich aber, wenn ein Fund so gut erhalten ist, dass wir Archäologen sagen können, was die Menschen damals konkret an diesem Ort gemacht haben, ob sie zum Beispiel Eisen verhüttet oder Getreide gemahlen haben.

Sind im Kanton Solothurn überhaupt noch spektakuläre Funde zu erwarten?

Harb: Aber ja, man kann es nur nicht vorhersagen. Was uns zum Beispiel immer noch fehlt, ist ein keltisches Gehöft, oder ein Goldschatz natürlich, das wäre wirklich spektakulär.

In vielen Fällen wissen die Archäologen, wo sie was finden könnten. Sie graben aber trotzdem nicht, sondern meist nur dort, wo etwas gebaut wird. Das wird in der Bevölkerung oft nicht verstanden...

Harb: Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Unter den Archäologen gilt heute der Grundsatz, dass man so zurückhaltend wie möglich ausgraben soll. Beim Graben werden immer die Schichten und Strukturen, also der Kontext eines Fundes, zerstört. Für uns Archäologen sind die beobachtbaren oder messbaren Fundumstände, die so genannten Befunde, aber oft wichtiger als die einzelnen Fundstücke selbst. Denn nur so können wir Aussagen machen, was die Menschen dort mit dem betreffenden Fundstück gemacht haben. Man kann eben alles nur einmal ausgraben, deshalb graben wir nur, wo es nötig ist und so gut, wie es aktuell möglich ist. Auch sind die finanziellen Mittel der Solothurner Kantonsarchäologie natürlich beschränkt, wir können also nur wo nötig graben. Und schliesslich denken wir an die künftigen Archäologen: Sie werden mit anderen Fragen an die Fundstellen herangehen und bessere Methoden zur Verfügung haben.

An was denken Sie?

Harb: Bereits heute können wir mit geophysikalischen Methoden in den Boden blicken, ohne dass wir die dort liegenden Objekte ausgraben müssen. Dieser «Röntgenblick» wird sicher noch viel schärfer werden. Auch die C14-Methode, mit der wir erst seit 50 Jahren das Alter von organischen Funden bestimmen können, wird laufend verbessert. Die DNA-Analyse schliesslich wird uns helfen können, sobald sie auch für uns bezahlbar sein wird. Dann können wir beispielsweise bei einem Gräberfeld etwas über die Verwandtschaft der dort liegenden Menschen sagen und die Sozialstruktur unserer Vorfahren besser erforschen.

Das ist ja schön und gut, aber was hat «Otto Normalverbraucher» davon, wenn Sie dank neuer Methoden etwas über die Verwandtschaft von längst Toten sagen können?

Harb: Mein Eindruck ist, dass das Interesse an der Archäologie zurzeit sehr gross ist. Solange sich eine Mehrzahl der Menschen für ihre Vergangenheit interessiert, ist Archäologie von allgemeinem gesellschaftlichem Wert. Deshalb ist die Vermittlung so wichtig. Wir müssen den Menschen Geschichten über die ihnen gehörenden Funde erzählen, sie also mitnehmen auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Einige Menschen reisen gerne, andere halt nicht.

Wie sieht Ihr «Reiseprospekt» aus?

Harb: Wir möchten in Zukunft neben dem Bewahren und Erforschen mehr Gewicht auf das Vermitteln der Archäologie und ihrer Erkenntnisse legen. Wir nutzen dazu bereits jede Gelegenheit: Die kantonale Sammlung im Historischen Museums in Olten wurde erneuert und als «Archäologisches Museum Kanton Solothurn» wiedereröffnet. Auch im neuen Oberstufenzentrum oz13 in Subingen konnten wir Funde aus der älteren Eisenzeit öffentlich zugänglich machen. Darüber hinaus wurden wir angefragt, im Pächterhaus des Museums Blumenstein Funde aus Solothurn und Umgebung wieder auszustellen.

Aber auch dann gibt es im Kanton keine grössere Ausgrabung, die dauernd besichtigt werden kann.

Harb: Das stimmt. Wir graben ja auch nur, wenn ein Bauprojekt kommt. Und dann ist es meist unmöglich, etwas zu erhalten. Deshalb ist die wissenschaftliche Ausgrabung und Dokumentation so wichtig. An einigen Stellen sind aber Ausgrabungen zugänglich, etwa die Thermen der römischen Villa in Gretzenbach oder die spätantiken und mittelalterlichen Vorgängerbauten unter der St. Peters-Kapelle in Solothurn.

Welche Formen der Vermittlung wären sonst noch möglich?

Harb: Ein Traum von mir ist es, eine so genannte Publikumsgrabung durchzuführen. Unter Anleitung könnten dann freiwillige Mitarbeiter selber graben und zeichnen. In Augst (BL) zum Beispiel werden solche Publikumsgrabungen bereits gemacht.

Wo könnte so etwas stattfinden?

Harb: Es dürfte keine Notgrabung sein, bei der man unter Zeitdruck steht. Zudem muss das Objekt so gut erhalten sein, dass man auch als Laie die Funde und Befunde sieht, also nichts zerstört, und ein Erfolgserlebnis hat. Der römische Gutshof im Wald von Flumenthal wäre zum Beispiel ein mögliches Objekt. Aber dann muss man auch Gewähr bieten, dass die archäologischen Überreste nachher nicht kaputt gehen, sobald sie ausgegraben wurden.

Wäre die Nachfrage nach einer Publikumsgrabung genügend gross?

Harb: Sicher. Im Moment ist das Interesse an der Archäologie in breiten Bevölkerungsschichten so gross wie schon lange nicht mehr. Das hat unter anderem mit der Globalisierung zu tun: Die Menschen interessieren sich als Gegenbewegung wieder mehr für das Kleinräumige, für die Geschichte ihres Dorfes, ihrer Region. Archäologie stiftet Identitität. Zeitlos ist auch die menschliche Neugier zu wissen, was sich unter dem Boden befindet.

Von Seiten der Politik wurde der Kantonsarchäologie aber nicht immer die entsprechende Bedeutung zugemessen. Sie wurde in den 1990er Jahren fast zu Tode gespart. Wie sieht die Situation heute aus?

Harb: Das stimmt, wir waren damals im Erziehungsdepartement und bei uns wurde offensichtlich unverhältnismässig stark gekürzt. Jetzt sind wir zusammen mit der Denkmalpflege im Baudepartement. Wir haben das Gefühl, dass unsere Anliegen ernst genommen werden. Auch haben wir in den letzten Jahren unsere verlorenen Stellen wieder zurückerhalten. Mit dem derzeitigen Budget und Personalbestand (640 Stellenprozent) kann ich leben, auch wenn ich für die Zukunft noch den einen oder anderen Bedarf sehe.

Unsere Serie hat gezeigt, dass Ihre Mitarbeiter mit grosser Freude an der Arbeit sind. Für einen Chef eine selten einfache Aufgabe...

Harb: Das stimmt, wir sind alle sehr engagiert und mit Begeisterung an der Arbeit.

Wie sieht die längerfristige Zukunft aus? Braucht eigentlich jeder Kanton eine Kantonsarchäologie?

Harb: Es gibt auch bei uns Stimmen, die sagen, dass es zu einer «Nordwestschweizer Archäologie» kommen könnte. Ich persönlich glaube nicht so recht daran. Schliesslich haben wir auch hoheitliche Funktionen, wir können zum Beispiel Verfügungen erwirken, ob und unter welchen Bedingungen gebaut werden darf oder nicht. Diese Funktionen müsste der Kanton dann abgeben. In einer interkantonalen Archäologie würde zudem die Gefahr bestehen, dass wir hier zwischen Stuhl und Bank fallen. Die Frage wäre, ob im Solothurnischen überhaupt noch Archäologie betrieben würde, weil wir keinen «Leuchtturm» haben wie Augst (BL) oder Windisch (AG). Auch ist fraglich, ob nicht etwas verloren gehen würde, an Identität, an Heimat. Heute schon arbeiten wir mit anderen Kantonsarchäologien zusammen. Diese Kooperation kann sicher noch ausgebaut werden.

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