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VIERFACHMORD: Dem Reiz des Bösen erlegen

Zeigt die Faszination für die Schreckenstat in Rupperswil, dass in jedem von uns ein Finsterling steckt? Oder ist es schlichte Neugier? Das grosse Interesse am Fall Rupperswil ruft nach Erklärungen.
Roger Braun
Thomas N. (Mitte) mit Pflichtverteidigerin Renate Senn beim Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil vor dem Bezirksgericht Lenzburg. (Bild: Gerichtszeichnung: Sibylle Heusser / Keystone (Schafisheim, 13. März 2018))

Thomas N. (Mitte) mit Pflichtverteidigerin Renate Senn beim Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil vor dem Bezirksgericht Lenzburg. (Bild: Gerichtszeichnung: Sibylle Heusser / Keystone (Schafisheim, 13. März 2018))

Roger Braun

Josef Fritzl, Anders Breivik, nun Thomas N.: Wer auch immer eine unfassbare Gewalttat begeht, dem ist das Interesse der Öffentlichkeit sicher. Der Prozess zum Vierfachmord in Rupperswil musste aus Platzgründen vom Bezirksgericht Lenzburg ins Polizeigebäude in Schafisheim verlegt werden. Für die 35 Zuschauerplätze hatten sich nicht weniger als 270 Personen beworben. Die Medien waren die ganze Woche im Bann von Thomas N., der vor gut zwei Jahren eine Familie auf brutalste Art und Weise ausgelöscht hatte. Mit dabei: Millionen von interessierten Lesern, Zuhörern und Zuschauern.

Wie kommt es, dass eine Tat, die so viel Ekel auslöst, gleichzeitig so viel Interesse weckt? Eine populäre These besagt, dass in jedem Menschen eine Veranlagung zum Bösen steckt und damit jeder und jede das Potenzial für ein Verbrechen mitbringt. «Das Böse fasziniert uns auch deshalb, weil Missetäter Dinge tun, welche die meisten von uns aus Rücksicht, Angst oder Feigheit nie wagen würden», sagt beispielsweise Franz Wuketits, der an der Universität Wien Philosophie und Wissenschaftstheorie unterrichtet. Wer sich mit den unappetitlichen Details des Gewaltverbrechens beschäftigt, kann damit seine Abgründe ausleben, ohne dafür belangt zu werden.

Der deutsche Kriminalpsychologe und Buchautor Jens ­Hofmann hält diese These für ­überschätzt. «Wenn man sich anschaut, wer wirklich gewalttätig wird, dann gibt es zum einen die Leute, die in Beziehungen verstrickt sind, die eskalieren, zum anderen Leute, die serienmässig Gewalttätigkeiten begehen», sagt er. «Die sind aber nicht so wie wir, sondern antisoziale Charaktere, die ihr ganzes Leben lang Grenzen missachten und denen andere Menschen egal sind.»

Ein waches Auge auf Gefahren lohnt sich

Dazu passt auch, dass viele Gewalttäter Parallelen in ihren Biografien aufweisen. So hat der deutsche Psychiater Borwin Bandelow bei einer Untersuchung von Serientätern festgestellt, dass die Hälfte der Gewalttäter mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung in ihrer frühen ­Kindheit unter dem ADHS-Syndrom litten und bereits in jungen Jahren durch Gewalt gegenüber anderen Kindern auffielen. Wie Hofmann glaubt er nicht, dass ­jeder etwas grundsätzlich Böses in sich trägt. «Es braucht schon Extremsituationen wie Kriege oder schwere Krankheiten, um normale Menschen zu Mördern werden zu lassen», sagt er.

Alternative Ansätze gehen denn auch davon aus, dass das Interesse am Bösen vor allem die Neugier befriedigt. Der deutsch-schweizerische forensische Psychiater Frank Urbaniok sagt, dass der Mensch rein durch die Evolution eine gewisse Ausrichtung hat, sich für die Täter zu interessieren. Früher sei es sinnvoll gewesen, ein besonderes Auge auf die Gefährlichen zu haben, sagt er. «Daher gibt es eine gewisse Grundtendenz, gefährlichen Menschen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.» Urbaniok erklärt sich damit auch das ungebrochene Interesse an Kriminalfilmen und -romanen, die sich ebenfalls durch die Kombination von Faszination und Abgestossensein auszeichnen.

Andere streichen hervor, dass jegliches Verhalten, das nicht der Norm entspricht, Interesse erzeugt. Dies beschränkt sich nicht auf Superstars aus Sport, Kultur oder Gesellschaft, die in positiver Hinsicht aus der Masse heraus­ragen, sondern eben auch auf Menschen, die durch Gewalttaten negativ auffallen. Demnach interessieren wir uns für alles Ungewöhnliche, um aus dem Alltag auszubrechen.

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