VIETNAM: Für die Freiheit nahmen sie den Tod in Kauf

Heute vor 40 Jahren endete der Krieg. Doch nicht das Sterben. So kamen in der Folge eine halbe Million Bootsflüchtlinge auf dem Meer um. Trong Sang Dao und Xuan Dao überlebten die Fahrt. Und fanden in Luzern zueinander.

Christian Hodel
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Sie haben einander nach ihrer Flucht aus Vietnam kennen gelernt: Trong Sang Dao (43, mit typisch vietnamesischer Kopfbedeckung) und Xuan Dao (43) leben heute in Neudorf. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Sie haben einander nach ihrer Flucht aus Vietnam kennen gelernt: Trong Sang Dao (43, mit typisch vietnamesischer Kopfbedeckung) und Xuan Dao (43) leben heute in Neudorf. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Christian Hodel

Es ist Vaters letzter Wille. Die kleine Xuan soll das kleine Dorf im Süden Vietnams verlassen. Zu gefährlich ist es für die Familie Tran geworden, seit die Panzer der nordvietnamesischen Truppen am 30. April 1975 Saigon erobert haben und den Süden des Landes beherrschen. Nachbarn verschwinden. Hausbesitzer werden enteignet.

Die Trans müssen ihr Hab und Gut vor den Kommunisten verstecken. Mehrfach versucht der Vater, mit seiner Familie vor dem Terror zu fliehen – immer misslingt es. Nun, nach seinem Tod, soll die 9-jährige Xuan allein das Land verlassen. Eine Einzelflucht ist weniger gefährlich, wie die 15 Jahre ältere Schwester zuvor bewiesen hat. Sie hat Zuflucht in der Schweiz gefunden, wohnt in Luzern.

Anschrift der Schwester in der Bluse

Es ist der 29. Juli 1981, ein Regentag, die Mutter bringt Xuan zu Verwandten in ein Dorf am Meer. Sie näht ihr einen Goldring und einen Zettel in die Bluse mit der Adresse der Schwester in Littau. Xuan zieht sich das Oberteil über, eine Jersey-Hose, eine Regenjacke. Es ist Nacht geworden. «Geh jetzt», sagt die Mutter. Die Tochter gehorcht.

Zwei oder drei Kilometer läuft das Mädchen, vorbei an Feldern, allein auf einem dunklen Weg. Matsch klebt an ihren Schuhen. «Ich hatte eine riesige Angst», sagt Xuan, heute 43 Jahre alt. «Ich alleine auf dem dunklen Weg; dieses Bild werde ich nie mehr los.»

Monate des Bangens

Am Treffpunkt, einem Fischerhaus, steigt Xuan in ein Boot. Es bringt sie aufs Meer hinaus zu einem grösseren Kutter. Die nächsten Tage hockt Xuan mit einem Dutzend weiterer Flüchtlinge eingepfercht im Maschinenraum – die Mutter hat dem Bootsbesitzer einen Teil der Familienersparnisse gegeben als Ticket für die Fahrt.

Das Essen und das Wasser gehen aus. Xuan singt Lieder, betet zu Gott. Am 7. Tag gebärt eine Frau ein Kind, 100 Vietnamesen sind jetzt an Bord – Stunden später sehen sie Land. Eine kleine Insel in Indonesien. Nach einem Monat holt ein Schiff sie ab, die Flüchtlinge kommen auf einer grösseren Insel in ein Auffanglager. Xuan reisst die eingenähte Adresse der Schwester vom Innenstoff ihrer Bluse – zeigt sie den Verantwortlichen im Lager. Monate vergehen, bis sie in ein Flugzeug steigt und über Singapur in Kloten landet.

Es ist Februar 1982, in drei Wochen wird Xuan zehn Jahre alt. Sie sieht zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee. «Diesen Augenblick werde ich nie vergessen.»

Ein Feind im eigenen Land

Zu jener Zeit ist Trong Sang Dao (43), der später Xuans Mann werden wird, bereits im Kanton Luzern. Weit weg von der kommunistischen Propaganda, die er als Kind in der Schule in der Hafenstadt Vung Tàu, gut 100 Kilometer südöstlich von Ho-Chi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, täglich über Lautsprecher hört. Sein Vater ist Schreiner und während des Krieges Soldat. Er kämpft mit den Amerikanern, bis diese ab 1969 schrittweise ihre Truppen abziehen. Vater Dao bleibt nach dem Kriegsende, wie alle, die auf der Seite der USA standen, ein Feind im eigenen Land.

Die ersten Nachkriegsjahre harren die Daos aus. Als immer mehr Regimekritiker in Zwangsarbeitslager oder in sogenannte «Umerziehungslager» kommen, wird die Furcht vor dem Kommunismus grösser als die Angst, auf dem offenen Meer zu sterben. Vater Dao und eine Fischerfamilie planen, gemeinsam in einem Boot zu fliehen. Egal wohin, nur nicht in die USA. Nur nicht in das Land, das Vietnam mit seinen Truppenabzügen im Stich liess.

Lieber will er nach Australien oder in die Schweiz. Drei von seinen Söhnen haben es schon nach Sursee geschafft. Sie nutzten Kontakte des Onkels, der sich in den 1960er-Jahren in Freiburg zum Priester ausbilden liess. Seither hängt eine Schweizer Kuckucksuhr in Daos Haus. Doch die Pläne der Familien sickern durch. Eine Flucht ist nun zu gefährlich. Gefängnis droht. Die Daos verschieben ihren Abschied aus Vietnam.

Sturm und Piraten

Eines Nachts, Mitte Juli 1979, packt Vater Dao den 7-jährigen Trong Sang am Arm. Er bringt ihn zu einem kleinen Boot vor dem Hafen. Dann zu einem grösseren Kutter, rund 15 Meter lang und 4 Meter breit. Der älteste Bruder und ein paar Verwandte erwarten sie bereits. Dieses Mal wissen nur wenige von Daos Plänen. Die Mutter und die Schwester bleiben zurück – sollte was schiefgehen, könnte der Vater mit den Söhnen zurückkehren. Ginge die ganze Familie mit, würden die Kommunisten Haus und Land an sich reissen.

Der motorisierte Kutter fährt immer weiter aufs Meer hinaus. Ziellos lassen sich die Daos mit den anderen gut 80 Vietnamesen treiben, ohne Karte, ohne Kompass. Ein Sturm zieht auf, Trong Sang wird seekrank, die ersten vier Tage auf hoher See löschen sich aus seinem Gedächtnis. Am fünften Tag, irgendwo im Golf von Thailand, kreisen fünf grosse Schiffe die Flüchtlinge ein. Piraten nehmen ihnen Reisetaschen, Geld, Schmuck und Proviant ab. Jetzt geht es um Leben und Tod. Trong Sang betet.

Tage später fährt das Boot im Hafen von Singapur ein. Die Vietnamesen bekommen neue Vorräte und Wasser – doch an Land lässt man sie nicht. Singapur nimmt keine Flüchtlinge auf, will die Beziehungen zu Hanoi nicht gefährden. Ein grosses Schiff schleppt das Fischerboot aufs offene Meer zurück. «Dutzende Frachtschiffe tuckerten in der Folge an uns vorbei, doch keines nahm uns auf», sagt Trong Sang heute. «Die Schiffskapitäne wussten nicht, was mit ihnen passiert, wenn sie uns helfen. Sie überliessen uns dem Schicksal.»

Indonesische Marine greift Boot an

Plötzlich knallen Schüsse. Ein Schiff der indonesischen Marine versucht, den Fischkutter an der Weiterfahrt zu hindern. Als ein Sturm aufzieht, ziehen sich die Soldaten zurück. Die Flüchtlinge sind vorerst gerettet, treiben weiter ins Ungewisse.

Neun Tage nach der Flucht erreichen die Vietnamesen eine Insel vor Indonesien. Sie fahren ans Ufer, versenken ihr Boot – das gleiche wie in Singapur sollte ihnen nicht noch mal passieren. Die Bewohner geben ihnen zu essen und helfen, Kontakt zu einer Flüchtlingsorganisation herzustellen. Nach einem Monat holt ein Schiff die Vietnamesen ab. Vater Dao kontaktiert einen seiner Söhne, der in Sursee bei einem Bekleidungshersteller arbeitet.

Am Morgen des 9. April 1980 landen die Daos neun Monate nach ihrer Flucht in Zürich-Kloten. «Kleine, weisse Teilchen schwebten durch die Luft», sagt Trong Sang. Es waren auch für ihn die ersten Schneeflocken. Auch er sagt: «Den Augenblick werde ich nie ver­gessen.»

«Vieles versuche ich zu verdrängen»

Es ist April 2015, ein Frühlingstag: Trong Sang, heute Wirtschaftsinformatiker HF, sitzt im Garten seines Ein­familienhauses in Neudorf. Neben ihm seine Frau Xuan. «Es ist das erste Mal, dass ich deine Geschichte so ausführlich höre», sagt sie. «Vieles versuche ich wohl zu verdrängen», antwortet er.

Aber es gibt Tage und Nächte, da gelinge dies nicht. Dann hämmert es in Trong Sangs Kopf. Die Propagandalieder und Parolen der Kommunisten, die ihm die Lehrer in Vietnam eintrichterten, kann er noch heute auswendig. «Plötzlich kommen die Melodien wieder hoch, genauso wie die Bilder meiner Flucht.» Gerade jetzt, wo er täglich von Bootsflüchtlingen und Toten im Mittelmeerraum höre. «Die jetzigen Flüchtlinge haben das gleiche Schicksal wie wir Vietnamesen vor bald 40 Jahren.» Doch bei seiner Flucht hätten einzelne Familien die Überfahrt organisiert. «Ich war zum Glück nicht mit einer Schlepperbande unterwegs.»

«Ich bin unendlich dankbar»

Wie Xuan und Trong Sang Dao ergeht es Hunderttausenden vietnamesischen Flüchtlingen. Über das offene Meer suchen die sogenannten Boatpeople einen Weg fern des kommunistischen Regimes – Experten schätzen die Zahl der Flüchtlinge auf 1,5 Millionen. Oft erreichen die morschen Fischerboote die Küsten nicht.

Wie viele Männer, Frauen und Kinder im Südchinesischen Meer den Tod finden, ist unklar. Experten gehen von einer halben Million aus. «Ich gehöre zu den Glücklichen und bin unendlich dankbar», sagt Trong Sang. «In meiner Familie haben alle überlebt. Das ist selten.» Die Mutter und die Grossmutter kommen als Familiennachzug fünf Jahre nach ihm in die Schweiz. «Mein Vater fand nach drei Monaten eine Stelle als Schreiner, und ich konnte die Schulen besuchen.» Seine Familie sei zuerst im Asylwohnheim in Menzingen, dann in Wolhusen und in Sursee «mit Wohlwollen empfangen worden», sagt Trong Sang. «Dafür bin ich allen beteiligten Personen und Gemeinden unendlich dankbar.»

Xuan kommt nach ihrer Ankunft nach Emmenbrücke in eine Flüchtlingsunterkunft, dann zu ihrer Schwester nach Littau. Heute ist sie Besitzerin einer Boutique für Hochzeits- und Abendkleider in Reussbühl.

Schweiz nimmt Vietnamesen auf

Die Schweiz nahm zwischen 1978 und 1982 rund 10'000 vietnamesische Flüchtlinge auf. Viele von ihnen sind Katholiken. Anfang der 1980er-Jahre schliessen sie sich zur Vietnamesen-Mission Schweiz zusammen. Wöchentlich feiern sie eine Messe in Vietnamesisch.

Auch Trong Sang und Xuan gehen hin, verlieben sich, heiraten, bekommen zwei Mädchen. Heute leitet er den Kirchenchor der Mission. Sie singt mit, die 12 und 15 Jahre alten Mädchen besuchen die Anlässe. «Unsere Kinder sollen ihre Wurzeln nicht vergessen», sagt Xuan. Am 30. Mai tritt Daos Chor in der Luzerner Hofkirche auf im Rahmen des Kirchenklangfestes «Cantars».

Vor 12 Jahren zurück in die Heimat

Vor zwölf Jahren flog die Familie, inzwischen mit Schweizer Pass, das erste Mal nach ihrer Flucht nach Vietnam. Xuans Mutter lebte bis zu ihrem Tod vor drei Jahren dort. Und eine ihrer drei Schwestern noch immer. «Meiner Schwester gelang die Flucht nie, trotz zahlreicher Versuche», sagt Xuan. «Sie war mehrmals im Gefängnis, kam aber immer wieder frei, weil sie damals noch kleine Kinder hatte.»

Anders als für ihre Schwester sei ein Leben in Vietnam für ihre Familie undenkbar, sagt Xuan. «Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und würde mich in Vietnam nicht zurechtfinden.» Noch immer seien die Beamtenstellen mit Kommunisten besetzt. Vietnam – vor dem Krieg als die Perle des Orients bekannt – sei heute auch 40 Jahre nach Kriegsende ein reiner Zerfall, sagt Xuan. «Die Regierung ist korrupt. Es herrscht keine Demokratie. Meinungsfreiheit sowie Menschenrechte sind in diesem Land Fremdwörter.»

Nach dem Krieg ein neuer Krieg

  • Das Ende des Vietnamkrieges vollzieht sich in Etappen, in denen sich die Interessen der Konfliktparteien widerspiegeln (vergleiche Ausgabe vom Dienstag). DieFriedensvereinbarung im Januar 1973 ermöglichtden USA einen Truppenabzug bei gleichzeitiger Gesichtswahrung, weil das von ihnen unterstützte südvietnamesische Regime vorerst an der Macht bleibt. Wobei der US-Kongress im gleichen Jahr die versprochenen Mittel für den Wiederaufbau Südvietnams verweigert.
  • Die Situation mit dem gleichzeitig regierenden alten und neuen Regime in Vietnam führt zur nahtlosen Fortsetzung des Bürgerkriegs, der mit dem Fall Saigons am 30. April 1975 endet. Dies bedeutet den Sieg Nordvietnams und der südvietname­sischen Befreiungsfront NLF (Vietcong), letztlich auch über die USA.

Das Töten geht weiter

  • In der Folge tötet das kommunistische Regime Zehntausende «unerwünschte» Südvietnamesen, Hunderttausende werden interniert, müssen Zwangsarbeit leisten und politische «Umerziehung» über sich ergehen lassen. Diese beinhaltet oft auch Folter. Diese Gefangenen werden nach und nach wieder freigelassen, die letzten 1995.
  • Bereits am 2. Juli 1976 gründet die kommunistische Partei Vietnams die Sozialistische Republik Vietnam. (Die USA verweigern dieser aber die Aufnahme in die UNO.) Mit der Wiedervereinigung des Landes wird, acht Jahre nach seinem Tod, auch Ho Chi Minhs Vision wahr. Saigon wird in Ho-Chi-Minh-Stadt umgetauft, die NLF 1977 aufgelöst.
  • Ab 1978 verstaatlicht Vietnams Regierung wichtige Wirtschafts­zweige und weitgehend auch die Landwirtschaft. So will man sich gegen die Öffnung Chinas zum Kapitalismus hin abgrenzen. Infolgedessen flüchten rund 1,5 Millionen Vietnamesen meist chinesischer Abstammung übers Meer, viele dieser «Boatpeople» ertrinken, andere wartenjahrelang in Flüchtlingscamps in Hongkong auf eine Weiterreise.

Völkermord in Kambodscha

  • Noch kurz vor Saigon, nämlich am 17. April 1975, fällt auch Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh in kommunistische Hände. Die Roten Khmer beginnen eine Gewaltherrschaft, der bis 1978 rund 2Millionen Kambodschaner zum Opfer fallen. Ebenfalls noch 1975 fällt mit Laos ein weiteres Nachbarland unter ein kommunistisches Regime.
  • Wegen Grenzkonflikten und Flüchtlingsströmen marschiert Vietnam Ende 1978 in Kambodscha ein und beendetdas Regime der Roten Khmer. China reagiert Anfang 1979 mit Angriffen auf Vietnam. Die Roten Khmer führen bis 1991 einen Guerillakrieg gegen Vietnam.

Allmähliche Versöhnung

  • Noch lange halten die USA an ihrer Haltung gegenüber Vietnam fest, selbst als das Land etwa bei der Suche nach immer noch vermissten US-Soldaten kooperiert. So blockiert Präsident George Bush senior IWF-Kredite an Vietnam. Diese lässt erst Bill Clinton 1993 zu. Ab 1995 verstärken Veteranen beider Seiten die Kontakte, 1997 eröffnen beide Staaten Botschaften in Washington und Hanoi. Seither werden auch die Wirtschaftsbeziehungen intensiviert.
  • Ab 1986 führt Vietnams Regierung eine Teilprivatisierung der Landwirtschaft durch.Heute befindet sich das Land im Übergang zwischen Zentralverwaltungswirtschaft und sozialistischerMarktwirtschaft. Es weist ein rasantes Wirtschaftswachstum auf und wird als attraktiver Investitionsstandort für internationale Unternehmen gesehen. Die Weltbank stufte Vietnam 2011 als Schwellenland ein. Der grosse Teil der rund 90 Millionen Vietnamesen ist aber bis heute arm.