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VIETNAM: Zwischen WLAN und Wasserbüffeln

Sapa, das Städtchen im nördlichen Hochland, ist kein Geheimtipp mehr. Zwischen immer mehr Hotels und einer neuen Seilbahn bleiben aber die hier lebenden Bergvölker die «Hauptattraktion». Sie versuchen, bei der Modernisierungswut nicht auf der Strecke zu bleiben.
Text und Bilder Anemi Wick

Text und Bilder Anemi Wick

Die ersten Busse erreichen Sapa im Morgengrauen, wenn der Nebel noch geheimnisvoll auf den Reisterrassen sitzt. Sobald ein Bus hält, kommen sie in Scharen angerannt: kleine Frauen in bunt bestickten Trachten. Sie tragen schweren Silberschmuck, grosse Haarkämme und oft mehrere auffällige Ohrringe. Es sind Schwarze Hmong, eine von mehr als 50 ethnischen Minderheiten, welche die Bergregionen Vietnams besiedeln.

«Woher kommst du? Willst du kaufen? Wohin gehst du?», fragen die Frauen. Die Touristen blinzeln, überrumpelt und noch etwas benommen von der Fahrt auf der Strasse, die sich ab der Grenzstation Lao Cai nahe der chinesischen Grenze durch die Berglandschaft bis hoch nach Sapa windet.

Mit der Ruhe ist es erst mal vorbei, bis man sich zum Frühstück in sein Hotel gerettet hat. Sapa, ein früherer Kurort der Franzosen und einst verträumt, scheint von Monat zu Monat hektischer zu werden. Seit die neue Schnellstrasse zwischen Hanoi und Lao Cai die Fahrzeit um die Hälfte verkürzt hat und es nun direkte Busse gibt, die die Strecke in knapp sechs Stunden schaffen, wird das Städtchen an den Wochenenden von einheimischen Touristen aus den Städten geradezu überschwemmt.

Mit Flip-Flops auf den Berg

Und jetzt ist der Fansipan dran: Auf Vietnams höchsten Berg, der über Sapa thront, führt neu eine Luftseilbahn. Sein 3143-Meter-Gipfel war bisher nur von Sportlichen zu erklimmen, die den Berg in einem Tag schafften, oder solchen, die hart im Nehmen waren und eine Nacht in den teilweise geradezu prähistorisch anmutenden Base Camps aushielten – in rudimentären Zelten und schlechten Schlafsäcken. Kälte, Nebel und Regen verliehen der Übernachtung zusätzlich eine Katastrophenfilm-Atmosphäre.

Doch nun ist der Zeitraffer Hanoi–Fansipan komplett, und dazwischen muss man quasi keinen Schritt mehr tun. Klettereien über Leitern und schlammige Rutschpartien durch wilde Bambuswälder auf den ohnehin mit Plastikabfällen und Aludosen verunstalteten Pfaden sind nicht mehr Pflicht, der rauhe Berg ist in Flip-Flops und Stöckelschuhen besiegbar geworden. Die umstrittene Seilbahn, deren Fertigstellung sich mehrmals verzögert hatte, wurde im Februar eingeweiht. Bis zu 2000 Gäste pro Stunde soll sie nun auf den Gipfel bringen können. Die 6,3 Kilometer lange Seilbahnfahrt dauert 15 Minuten. Allerdings liessen selbst ein paar vietnamesische Medien kritische Töne durchscheinen: Die Seilbahn zerstöre nach Meinung einiger Umweltschützer und Tourismusexperten die Naturschönheit des Fansipan und das Bergsteig-Abenteuer.

Als Ergänzung zur Seilbahn ist auch ein Komplex mit Luxus-Resort, Vergnügungspark und einem Golfplatz geplant. Der alte Markt mitten im Städtchen wurde bereits geschlossen, an seiner Stelle soll ein Shoppingcenter entstehen. In einer neuen Markthalle etwas abseits vom Zentrum werden nun vor allem Billigwaren verkauft. Die Hmong-Frauen findet man ganz hinten im oberen Stockwerk, wo sie noch ein paar Stände mieten.

Nicht von Kindern kaufen

Oder sie verkaufen eben auf der Strasse: «Hello! You want shopping?» Den Touristen, die von Sapa aus eine Trekking-Tour ins Umland unternehmen, folgen sie auf Schritt und Tritt, manchmal kilometerweit. In Sapa hat die Tourismusbehörde Schilder angebracht mit dem Hinweis, dass Touristen nicht von den Strassenverkäuferinnen kaufen sollen.

Auf dem Schulweg: Doch viele Kinder in den Bergregionen Vietnams müssen frühzeitig die Schule verlassen, um auf dem Feld oder als Souvenirverkäufer zu arbeiten. (Bild: Foto: Anemi Wick)

Auf dem Schulweg: Doch viele Kinder in den Bergregionen Vietnams müssen frühzeitig die Schule verlassen, um auf dem Feld oder als Souvenirverkäufer zu arbeiten. (Bild: Foto: Anemi Wick)

Phil Hoolihan, Mitgründer der Organisation Ethos, die in Sapa auch Trecking-Touren anbietet, relativiert: «Die Minderheiten-Frauen bestreiten einen Teil ihres Einkommens mit dem Verkauf an Touristen, und dies unter harter Konkurrenz. Viele von ihnen sind Analphabetinnen und haben deshalb Schwierigkeiten, einen Job in der Tourismusindustrie zu finden. Ideal wäre es, wenn Touristen sich für Anbieter entscheiden, die Einkommensmöglich­keiten für Minderheiten bieten.» Wie jedoch soll man mit der zwar oft charmant-witzigen, aber doch eher hartnäckigen Belagerung durch die Verkäuferinnen umgehen? «Wenn Sie nichts kaufen möchten, geben Sie dies klar, aber ruhig und freundlich zu verstehen. Vermeiden Sie es, von Kindern zu kaufen, denn sonst bleiben diese der Schule fern, und der Armuts-Teufelskreis dreht sich weiter.»

Eine von denen, die diesem Teufelskreis entkam, ist die junge Hmong-Frau Chan. Zu Hause in ihrem Dorf, einen dreistündigen Fussmarsch von Sapa entfernt, arbeitete sie als Bauernkind auf dem Reisfeld, hackte Holz und hielt sich in eiskalten Winternächten mit ihren fünf Geschwistern am offenen Feuer in der Küche warm. «Kaufst du?», waren ihre ersten Worte auf Englisch; damit wurde sie als Kind losgeschickt, um handgestickte Souvenirs zu verkaufen.

Früher hatten sich erwachsene Hmong einen Spass daraus gemacht, den Kindern Schauermärchen zu erzählen über die hünenhaften weissen Touristen, die kleine Hmong-Kinder in ihre riesigen Rucksäcke packen, um sie dann in der Nudelsuppe zu verspeisen. «Als Kind hatte ich mich vor den Touristen gefürchtet und mich auf dem Schulweg vor ihnen versteckt», sagt Chan. «Später, als ich Dinge an sie verkaufen musste, merkte ich, dass die meisten freundlich sind.» So lernte sie Englisch, buchstäblich auf der Strasse, und auf Sapas steinigen Wanderwegen. Sie ging zur Schule, lernte Lesen und Schreiben und begann, an den Wochenenden als Tourbegleiterin zu arbeiten.

Facebook im Bergdorf

Und sie erfuhr über die Welt da draussen jenseits ihres Dorfes und der Berge. Sie gehört zu einer Generation, die hier oben zwischen Wasserbüffeln und WLAN erwachsen wurde. Australische Touristen, die Chan fotografiert hatten, halfen ihr, in einem Internet-Café eine E-Mail-Adresse einzurichten, um ihr die Fotos zu schicken. Da war Chan 15 Jahre alt. Später kam ein eigenes Facebook-Profil hinzu, auch mit Hilfe von Touristen. Heute führt die nun 22-Jährige ihre eigenen Touren, besitzt eine Website und beantwortet auf ihrem Laptop Anfragen und Kommentare auf der Reiseplattform Tripadvisor. Mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter wohnt sie in einem einfachen Zimmer in Sapa.

Chan zeigt Touristen, wie die Schwarzen Hmong ihre traditionellen Kleider herstellen, den Hanf spinnen und färben und wo der Indigo wächst, der dem Hanfstoff die Farbe verleiht – das «Schwarz» bezieht sich auf den dunklen Stoff, der die Basis für die Tracht von Chans Volk bildet.

Sie wandert mit ihren Gästen durch Reisfelder und bringt sie zum Haus ihrer Familie für eine Homestay-Übernachtung. Und sie gibt ihnen mit ihren Geschichten einen kleinen, sehr persönlichen Einblick in das harte Leben der Bergvölker hinter der idyllischen Kulisse aus sanften Tälern, atemberaubenden Berglandschaften und auf Wasserbüffeln reitenden Kindern.

Chan ist keine 1,40 Meter gross, ihre Stimme und ihr Lachen klingen kindlich, aber das, was sie sagt, ist voller Wissen, Umsicht und Geschäftssinn. Chan wurde sehr früh und sehr schnell erwachsen. Auf jungen Frauen wie ihr ruht die Hoffnung, dass der Aufschwung endlich auch zu den Bergvölkern vordringt, in die hintersten Ecken Vietnams. Dass sie mehr vom Tourismus profitieren werden und ihre Kinder nicht mehr zu früh aus der Schule nehmen, um sie zum Arbeiten aufs Feld oder auf die Strasse zum Souvenirverkauf zu schicken.

Nur der Start ins Abenteuer

Aber ist Sapa denn überhaupt noch eine Reise wert, das Nest, das immer mehr zum Jahrmarkt mutiert, an dessen Bäumen abends schrecklich bunte Leuchtstäbe blinken, über dem Platz vor der Kirche, wo mit Minderheiten-Trachten verkleidete Vietnamesen auf der Bühne Volkstänze vorführen und diese zum Folklore-Kitsch verkommen lassen? Wo unstillbarer Bauwahn von morgens bis abends die Presslufthämmer knattern lässt? «Ja», sagt Phil Hoolihan, «wenn man Sapa nicht als Reiseziel, sondern als Zwischenstopp und Ausgangspunkt für Treckingtouren betrachtet. Von hier aus lassen sich immer noch wunderbare Landschaften entdecken und entlegene Dörfer.» Starten kann man zu Fuss, per Jeep oder auf dem Motorrad. So kann man auch Sapas Wochenend-Rummel am besten entgehen.

Eine eigene Homepage und ein eigenes kleines Treckingunternehmen: die 22-jährige Chan und ihre Tochter in Sapa. Sie gehören zum Volk der Schwarzen Hmong. (Bild: Foto: Anemi Wick)

Eine eigene Homepage und ein eigenes kleines Treckingunternehmen: die 22-jährige Chan und ihre Tochter in Sapa. Sie gehören zum Volk der Schwarzen Hmong. (Bild: Foto: Anemi Wick)

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