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VOLKSKRANKHEIT: Das Migräne-Monster ist wieder da

Migräne ist Kopfweh und doch mehr als das: Wenn sie zuschlägt, hilft oft nur Ruhe. Betroffene leiden darunter, andere witzeln darüber. Immerhin die Forschung nimmt sich der Sache nun ernsthaft an.
Diana Hagmann-Bula
Als ob ein Presslufthammer im Kopf hämmerte: Migräne ist nicht nur ein bisschen Kopfweh. (Bild: Getty)

Als ob ein Presslufthammer im Kopf hämmerte: Migräne ist nicht nur ein bisschen Kopfweh. (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

Es gibt Tage, da ist er ganz fahl ihm Gesicht. Er schliesst die Bürotüre, die sonst offen steht, isst mittags in der Kantine weniger. An diesen Tagen weiss man: Das Migräne-Monster ist wieder da, wütet, poltert, sticht herum.

Migräne, das ist nicht nur ein bisschen Kopfweh, keine Ausrede für Faule. Das ist Schmerz bis zum Erbrechen. Dennoch schleppen an Migräne Leidende sich ins Büro, in der Tasche Schmerztabletten. Ohne die stehen sie den Tag nicht durch. Viel lieber würden sie sich in einen dunklen Raum verkriechen, nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr riechen. Stattdessen müssen sie sich von Arbeitskollegen Sprüche anhören wie «Du siehst doch gesund aus». Ein gebrochenes Bein erkennt man am Gips, einen schmerzenden Kopf kennzeichnet keine Bandage.

Immer wieder Migräne und doch noch nie zum Arzt

Über eine Million Menschen leiden in der Schweiz an Migräne, sagt Jens Petersen, Leiter der Schmerz- und Kopfschmerzsprechstunde der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich. Migräne ist nur eine von über 200 Kopfweharten, aber eine der verbreitetsten. Eine verkannte Volkskrankheit. Nicht einmal die Betroffenen nehmen sie ernst; viele waren deshalb nie beim Doktor. Doch auch Ärzte haben die Migräne vernachlässigt. «Wenige Minuten genügen oft nicht. Diagnose und Beratung brauchen mehr Zeit, manchmal mehrere Konsultationen», sagt Andreas Gantenbein, Neurologe und Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft. Auch, weil Migräne nicht gleich Migräne ist. Manchmal pocht der Schmerz einseitig, manchmal haben Patienten eine Aura, etwa eine Sehstörung, aber eben nicht in jedem Fall. Migräne kann Stunden dauern. Oder Tage. Immer dauert sie aber zu lange. «Seit 50 Jahren forscht man verstärkt, nun nicht mehr nur im Bereich des Schmerzes, sondern auch zur Vorphase. Für eine Störung, die so häufig ist, sind wir aber wenig weit», sagt Gantenbein. Und Petersen meint: «Sicherlich erfolgt die Diagnose in manchen Fällen zu spät.» Die Verzögerung könne Jahre, Jahrzehnte betragen. «Das ist bei der Migräne problematisch, da wegen ihrer Häufigkeit auch die sozioökonomischen Folgen durch Arbeitsausfall enorm sind.» Migränepatienten sind häufiger arbeitslos als Gesunde.

Bis vor ein paar Jahren hielt man Migräne noch für ein seelisches Leiden. Heute weiss man: Die Ursache ist biologischer Natur. Genetische Faktoren spielen eine Rolle, ebenso die Übererregbarkeit des Gehirns. «Stress, Lärm und unregelmässiger Schlaf können das Fass zum Überlaufen bringen, aber auch hormonelle Veränderungen wie die Periode bei Frauen», sagt Petersen. Frauen sind in der reproduktiven Phase denn auch zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer.

Regelmässigkeit und Kaffee helfen

Bei Migräne gerät die Hirnchemie durcheinander: Botenstoffe wie Serotonin werden übermässig freigesetzt, erregen die Schmerzrezeptoren. Das löst Entzündungen aus, die Migräne braut sich zusammen. Als «Schutz vor dem Totalabsturz» beschreibt Gantenbein das Leiden: «Migränehirne arbeiten schneller, sie verbrauchen mehr Energie und können sich, wie Kinderhirne, schlecht an Reize gewöhnen.» Migräne zeige, dass etwas nicht laufe, wie es solle.

Regelmässig essen, zur gleichen Zeit ins Bett gehen, zwei- bis dreimal pro Woche Sport treiben, wenig Alkohol konsumieren, raten Fachleute. «Tönt langweilig, hilft aber», sagt Gantenbein. Er empfiehlt, am Wochenende nicht auszuschlafen. Sonst könnte sie eintreten, die Wochenendmigräne, auch Managermigräne genannt. «Sie kommt, wenn man sich Erholung gönnt.» Hilft Kaffee? Begünstigt Schokolade einen Anfall, wie es im Volksmund heisst? Koffein wirke tatsächlich schmerzlindernd, sei deshalb auch in Medikamenten enthalten. Und: «Schoggi verursacht kein Kopfweh. Viel eher verspüren Migräniker Lust auf Süsses, weil sie unbewusst ihr Energiedefizit in den Nervenzellen decken wollen.» Ärzte gehen weniger von körperlichen Reaktionen auf Inhaltsstoffe aus, als vielmehr von einem psychosomatischen Mechanismus: Wer glaubt, wegen eines Nahrungsmittels Migräne zu bekommen, erkrankt eher.

Um Heilung geht es bei der Migräne nicht. Die Kopfschmerzen lassen sich weder ganz wegmeditieren noch wegtablettisieren, sie lassen sich nicht wegnadeln beim Akupunkteur, nicht wegjoggen. «Vielmehr muss man die Krankheit managen», sagt Gantenbein. Und meint damit: den Feind zum Freund machen, lernen, mit ihm umzugehen, die Auslöser kennen, sie vermeiden. Tabletten zu verteufeln, wäre falsch, sagt Petersen. «Bei vielen lindern sie den Schmerz deutlich.» Allerdings haben Medikamente, die nicht gegen Migräne entwickelt wurden, aber dennoch Besserung versprechen, Nebenwirkungen. Topiramat, ein Antiepileptikum, verändert das Geschmacks- empfinden. Antidepressiva können zu Gewichtszunahme führen. Schmerzmittel greifen den Magen an. Triptane, spezifische Migränemittel, verengen die Gefässe.

Das hoffnungsvolle Warten

Kein Wunder, versetzt neue Forschung in freudige Erregung: Der Australier Peter Goadsby hat ein Protein entdeckt, das bei der Migräne eine bedeutende Rolle spielt. Wissenschafter erproben Antikörper, die das Eiweiss blockieren; die Zahl der Migränefälle nahm in Tests deutlich ab. In ein bis zwei Jahren soll das Mittel erhältlich sein. Kein Zauberstab werde das sein, meint Petersen. Er und Gantenbein preisen aber, dass lästige Nebenwirkungen wegfallen. «Brachten bisherige Therapien keine Linderung, gibt es bald eine Alternative.» Ausprobieren, hoffen. Und sonst halt doch langweilig leben, aber mit weniger Gewittern im Kopf.

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