Von Haaren, Hunden und Led Zeppelin

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Hündin Smilla geniesst die Abkühlung. (Bild: Alfred Herzog (Offenburg, 15. Juli 2017))

Hündin Smilla geniesst die Abkühlung. (Bild: Alfred Herzog (Offenburg, 15. Juli 2017))

Gitarrenriffs, schwer und geschmeidig wie geschmolzene Schokolade; eine Bandgeschichte, episch wie Tolkiens «Herr der Ringe»; das beste Gitarrensolo aller Zeiten: Irgendwann um das Jahr 2009 sagte ein Schulfreund: «Hör dir mal Led Zeppelin an.» Er ahnte nicht, was er mit diesem Ratschlag auslöste: Mit dem ersten Ton von «Stairway To Heaven» stand ich auf der untersten Stufe jener Treppe, die mich ins Paradies der Rockmusik bringen sollte. «Ocean», «Black Dog», «Ramble On». Led Zeppelin ist keine Band, sondern eine Offenbarung.

Für mein 16-jähriges Ich wurden die Rock-Götter der 70er-Jahre beinahe zur Lebenseinstellung: Zum Leidwesen meiner Eltern wünschte ich mir eine Gitarre zu Weihnachten. Bald trug ich jeden Tag der Woche ein anderes T-Shirt mit Led-Zeppelin-Motiv. Meine Haare wurden lang und länger (die beiden letzten pubertären Auswüchse bedauerte lediglich meine Mutter).

Mein grosses Vorbild war Jimmy Page. Ich wollte spielen wie er, aussehen wie er, sein wie er. Ein Unterfangen, an Arroganz kaum zu überbieten. Sich mit Page an der Gitarre vergleichen zu wollen – lächerlich. Da könnte man ja gleich ein Bild malen, Pablo Picassos Unterschrift fälschen und dann das Gefühl haben, das Gepinsel teuer verkaufen zu können.

Und auch das mit dem Aussehen kam mehr schlecht als recht raus. Ich glich weniger Jimmy Page als viel mehr Hündin Smilla im Bild oben, das unser Leser Alfred Herzog aufgenommen hat.

Nicht nur die Mama störte meine Haarpracht. Auch meine Freunde hatten genug. Kurz vor dem Klassenlager 2010 sagte einer: «Entweder, du lässt dir die Haare schneiden, oder wir übernehmen das.» Meine Antwort: «Wenn ihr eine Schneidmaschine mit ins Lager nehmt, könnt ihr gerne den Coiffeur spielen.» Welch ein Schachzug, dachte ich – nie und nimmer würden sie einen Trimmer auftreiben.

Ich sollte Recht behalten. Jedoch unterschätzte ich die Entschlossenheit meiner «Freunde»: Als ich sie am letzten Tag auslachen wollte, sie hätten es nicht geschafft, sagte der gleiche: «Dann machen wir es halt mit Gewalt.» Zwei hielten mich fest, der Dritte nahm die Schere zur Hand. Ich war völlig überrumpelt, «Dazed And Confused» – Angst und Schrecken im Massenschlag.

In meiner Mähne klaffte ein so grosses Loch, dass mir nichts anderes übrig blieb, als meine Jimmy-Page-Ambitionen zu begraben (das Mitleid meiner Mutter war ganz schlecht gespielt). Übrig blieb die Gewissheit, dass der Hund des Menschen bester Freund sein muss – und sicher nicht die eigenen Klassenkameraden.

Obwohl nach dieser Episode die Led-Zeppelin-T-Shirts langsam aus meiner Garderobe verschwanden, ich auch heute nur ein minderbemittelter Sofamusiker bin – die Liebe für den Sound der britischen Band ist geblieben. Es ist immer noch «A Whole Lotta Love». Auch mit kurzen Haaren.

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

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