Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

VORFAHREN: Neandertaler wuchsen wohl länger

In Spanien gefundene Überreste einer Neandertaler-Familie lassen Rückschlüsse über die damalige Entwicklung von Kindern zu.
Roland Knauer
Das Knabenskelett lässt den Erwachsenenkörperbau erahnen. (Bild: Paleoanthropology Group, MNCN-CSIC)

Das Knabenskelett lässt den Erwachsenenkörperbau erahnen. (Bild: Paleoanthropology Group, MNCN-CSIC)

Mit knapp acht Jahren war der junge Neandertaler mit seiner stämmigen Figur, einer Grösse von 1,11 Metern und einem Gewicht von ungefähr 26 Kilogramm auf dem besten Weg zu einem vollwertigen Jäger und Sammler. Bis dann vermutlich ein Unglück nicht nur sein Leben beendete, sondern einen grossen Teil oder vielleicht auch seine gesamte Familie auslöschte.

Über die Hintergründe die-ser Familientragödie vor rund 49000 Jahren im heutigen Asturien im Norden Spaniens wissen Antonio Rosas vom Nationalen Naturkundemuseum in Madrid und seine Kollegen zwar wenig. Für die Forschung aber ist der Fund der Überreste dieser Neandertaler-Familie in der El-Sidron-Höhle ein Glücksfall, aus dem sie viel über das Leben dieser nächsten Verwandten von uns modernen Menschen erfuhren und ­darüber nun in der Zeitschrift ­«Science» berichten.

Erbgutanalysen verrieten den einiges über das Sozialleben. Die Männer unter den sieben Erwachsenen waren zum Beispiel eng miteinander verwandt und gehörten wohl zur gleichen Sippe. Die drei Frauen dagegen stammten aus unterschiedlichen Gruppen. Dieser Befund deutet darauf hin, dass Söhne in dem Clan blieben, in dem sie geboren wurden, während sich die Töchter anderen Gruppen anschlossen, wenn sie erwachsen wurden.

So ähnlich halten es auch die letzten noch heute auf der Erde lebenden Jäger und Sammler. Selbst bei den ersten Bauern, die vor gut 4000 Jahren im Lechtal im nördlichen Voralpenland lebten, fanden deutsche Forscher kürzlich Hinweise auf vergleichbare Gepflogenheiten.

Pininenkerne und Pilze, aber kein Fleisch

Die Überreste der El-Sidron-Neandertaler liefern den Forschern auch wertvolle Hinwiese auf deren Speisekarte. Offensichtlich kamen bei ihnen die noch heute in der Küche der Mittelmeerländer sehr beliebten Pinienkerne oft auf den Tisch. Zusätzlich hatten sie noch ein Faible für Pilze und Moos.

Die damals wie heute beliebten Tierprodukte aber liessen die El-Sidron-Neandertaler, die vermutlich alle Rechtshänder waren, links liegen. Dieses Ergebnis überrascht, weil die Neander­taler nicht nur kräftiger und stämmiger als moderne Menschen waren, sondern auch ein grösseres Gehirn hatten. Das wiederum zieht einen höheren Energieverbrauch nach sich, der sich mit Fleisch am besten decken lässt. Das gilt vor allem für die Jugendjahre, in denen das Gehirn noch wächst.

In der Praxis wussten die Forscher aber bisher kaum, ob sich Neandertaler-Kinder ähnlich entwickelt haben wie heutige Menschen. Teilweise beantworten lässt sich diese Frage nun mit Hilfe der Funde in der El-Sidron-Höhle, zu denen auch die Knochen von zwei Kindern einer der Frauen gehören: Eines davon starb als Kleinkind, sein grosser Bruder war der gut siebenjährige Knabe, dessen Skelett die Zeiten recht gut überstanden hatte.

Unterschiede: Wirbelsäule und Gehirn

Unter anderem hatte der Neandertaler-Nachwuchs noch einen Teil seiner Milchzähne, aber auch schon die ersten dauerhaften Zähne, von denen ein weiterer Teil sich im Kiefer bereits entwickelt hatte. Anhand dieser Zähne konnten die Forscher sehr genau das Alter des Knaben mit 7,7 Jahren bestimmen.

Vergleichen Antonio Rosas und seine Kollegen die Entwicklung dieses Buben mit einem gleichaltrigen modernen Menschen, finden sie keine gravierenden Unterschiede. Bis auf zwei Ausnahmen. Die Entwicklung der Wirbelsäule entspricht eher einem 4- bis 6-jährigen Knaben, der über die Strassen des 21. Jahrhunderts tobt.

Zum anderen ist das Gehirn eines 7-jährigen Schülers heutzutage zu rund 95 Prozent ausgewachsen, während das Denkorgan des Neandertaler-Knaben erst 87,5 Prozent der Grösse des Gehirns eines Erwachsenen erreicht hatte.

Das wiederum bedeutet keineswegs, dass die Neandertaler langsamer wuchsen, sondern spiegelt eher den unterschiedlichen Körperbau wider: Bei gleicher Wachstumsgeschwindigkeit, auf die alle anderen Körpermerkmale hinweisen, braucht der Organismus einfach länger, den stämmigeren und grösseren Körper mit einem grösseren Gehirn eines Neandertalers auswachsen zu lassen. Neandertaler wuchsen also nicht langsamer, sondern sehr wahrscheinlich länger.

Roland Knauer

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.