WANDER-SERIE: Gedanken auf Wanderschaft

Wenn wir nach draussen gehen und uns bewegen, schalten wir ab. Auch den Kopf. So zumindest denken wir. In Tat und Wahrheit sind Wälder, Felder, Berge und Seen ein Quell von Kreativität.

Rolf App
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Viele Menschen zieht die Natur geradezu magisch an. Das hat seinen Grund: Der Blick ins Grüne und zum Himmel entspannt und befreit. (Bild: Milan Jovic/Getty)

Viele Menschen zieht die Natur geradezu magisch an. Das hat seinen Grund: Der Blick ins Grüne und zum Himmel entspannt und befreit. (Bild: Milan Jovic/Getty)

Rolf App

Im Juni 1925 kommt ein junger Mann namens Werner Heisenberg auf die deutsche Insel Helgoland. Der Heuschnupfen hat ihn aus der Stadt vertrieben. Er ist ein sehr naturverbundener, auch musikalisch begabter Mensch. Er gehört jener Jugendbewegung an, die sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gebildet hat, und die den tristen Industrieanlagen und -hallen entkommen will. Wann immer er kann, geht Heisenberg hinaus in die Wälder und Felder, und denkt dabei nach über Mensch und Natur.

Ein Drittel wandern, ein Drittel rechnen

Auch jetzt, auf Helgoland, ist Heisenberg tief versunken. Er habe kaum geschlafen, erzählt er im nachhinein, sondern sei ein Drittel der Zeit gewandert und geklettert, habe im zweiten Drittel Goethes «West-östlichen Diwan» auswendig gelernt – und im letzten Drittel gerechnet. Denn Werner Heisenberg ist Physiker, und was in der alles entscheidenden Nacht auf Helgoland geschieht, das beschreibt sein Biograf Ernst Peter Fischer als «mystisches Erlebnis, auch wenn dies im allgemeinen Verständnis nichts in einer Schilderung wissenschaftlicher Fortschritte zu suchen hat». Heisenberg «war ein kreativer Kerl in einer immer aufregender werdenden Welt voller Abenteuer für das wissenschaftliche Denken». Und was er als Grundidee auf Helgoland entwickelte und heute Quantenmechanik heisst, hatte Folgen. Ohne Heisenberg keine Halbleitertechnik, ohne Heisenberg kein Silicon Valley, ohne Heisenberg kein digitales Zeitalter.

Dass man hinaus in die Natur muss, um auf kreative Ideen zu kommen, das wissen auch andere kluge Köpfe. Gustav Mahler zum Beispiel kann in Wien, wo er Direktor der Hofoper ist, keinen Ton komponieren. Deshalb zieht er im Sommer aufs Land, lässt sich im Wald ein Komponistenhäuschen bauen, wo er den Morgen verbringt. Am Nachmittag geht er wandern, stundenlang, und hat immer das Notizbuch dabei für seine Einfälle. Auch Ludwig van Beethoven hat sein Ritual. Er geht am Morgen gleich an den Schreibtisch und arbeitet bis 14 oder 15 Uhr, hat sein Sekretär Anton Schindler berichtet. «In der Zwischenzeit lief er wohl ein- oder zweimal ins Freie, wo er spazierend arbeitete. Gleich wie die Biene aus den Blumen des Feldes ihren Honig sammelt, so sammelte Beethoven seine erhabenen Ideen.»

Blau erinnert ans Meer und an den Himmel

Dass hinter solchen Tagesabläufen System steckt, hat ein US-Autor namens Mason Currey mit einer Umfrage unter 160 berühmten Kreativen erhärtet. Sie alle folgen einer blinden Routine, die den Kopf frei macht fürs Wesentliche, und sie verstehen ausgiebige Pausen als Teil des Schaffensprozesses. Dass dabei die Natur eine ganz wesentliche Rolle spielt, das hat auch ein Test gezeigt, in dem es um Farben ging. Kanadische Forscher liessen ­ 650 Versuchspersonen Aufgaben am Computer vor zwei verschiedenen Hintergründen lösen. Bei Rot schnitten die Teilnehmer besser ab, wenn Genauigkeit und Aufmerksamkeit gefragt waren, und bei Blau, wenn es um Einfallsreichtum ging. Die Erklärung führt tief in unsere Psyche, sie macht auch plausibel, warum Warnschilder nicht blau, sondern rot sind. Wir bringen die Farbe Blau nämlich automatisch mit Himmel und Meer in Verbindung, denken an weite Horizonte und Sandstrände. Mit anderen Worten: Blau entspannt. Es gibt nichts Schöneres, als nach einem anstrengenden Tag im Büro oder Betrieb durch die Natur zu streifen. Sie bringt uns sogar auf neue Ideen.

Doch warum macht Entspannung kreativ? Warum kommt ein so grosses, durch viele neue Ideen gewachsenes Unternehmen wie 3M mit seinen über 55000 Produkten vom Touchscreen bis zum Küchenschwamm dazu, seine Angestellten nicht nur fürs Arbeiten, sondern auch fürs Faulenzen zu bezahlen?

Genau dies hat der Neurowissenschaftler Jonah Lehrer bei ­seiner Recherche in Sachen Kreativität beobachtet. «Als ich 3M im Februar 2009 besuchte, spazierten auf dem Firmengelände, auf dem überall Rehe äsen, zahlreiche Mitarbeiter in gefütterten Daunenparkas herum.» Sie werden dazu vom Arbeitgeber er­mutigt. «Wer sich an einem Problem die Zähne ausbeisst, soll sich auf eine Couch am sonnigen Fenster legen, vor sich hin träumen oder eine Runde Flipper spielen.» Die Anspannung ist der Feind der Kreativität – und die Entspannung sein Freund. Das hat 3M begriffen.

Wer wandern geht, schickt auch seine Gedanken auf Wanderschaft. Denn unser Gehirn schläft nicht, wenn wir durch die Natur streifen, im Gegenteil. In den Momenten der Entspannung lässt die Konzentration auf die Aussenwelt nach, der Blick wendet sich nach innen, und, wie Lehrer schreibt, «auf diesen Strom an entlegenen Assoziationen, die von der rechten Hirnhemisphäre ausgehen». Man muss sich treiben lassen, «wer eine Einsicht erzwingen will, verhindert sie möglicherweise gerade». Das heisst, wie Bas Kast in seinem Buch über Kreativität schreibt: «Entspannung öffnet das Tor zur Vorstellungswelt.»

Joanne K. Rowling trifft Harry Potter

Dass wir diese Welt dringend brauchen, das zeigt sich schon daran, dass wir einen Gutteil unserer Zeit mit Tagträumen verbringen. Dabei können grosse Dinge passieren. Wie an diesem Sommertag im Jahr 1990, als eine junge Frau nach einem Wochenende bei ihrem Freund im Zug nach London sitzt und gedankenverloren nach draussen schaut, auf vorbeiziehende Landschaften und ein paar Kühe. Wie aus dem Nichts erscheint eine Gestalt vor ihrem geistigen Auge: ein elfjähriger Bub mit zerzaustem Haar und Brille.

Der Bub wird später den ­Namen Harry Potter bekommen, die junge Frau heisst Joanne K. Rowling.

Quellen: Jonah Lehrer: Imagine – Wie das kreative Gehirn funktioniert (C.H. Beck 2014); Bas Kast: Klick! Das Handwerk der Kreativität (S. Fischer 2015); Ernst Peter Fischer: Werner Heisenberg (Springer Spektrum 2015)