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Warum Twitter der Bibliothek zuvorkam

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Die Tianjin-Binhai-Bibliothek in China umfasst eine Fläche von 33 700 Quadratmetern. (Bild: EPA/Roman Pilipey (Tianjin, 30. November 2017))

Die Tianjin-Binhai-Bibliothek in China umfasst eine Fläche von 33 700 Quadratmetern. (Bild: EPA/Roman Pilipey (Tianjin, 30. November 2017))

Was haben der Kurznachrichtendienst Twitter und ein Cervelat-Promi gemeinsam? Beide haben sich nie wirklich durchgesetzt. Und sind trotzdem noch hier. Für Twitter trifft dieser Vergleich zumindest in der Schweiz zu. Hierzulande ist die soziale Plattform nie bei einer breiten Masse populär geworden. Stattdessen ist sie ein Tummelplatz für Politiker, Wirtschaftsvertreter, Studenten und Journalisten. Und darum auch für mich.

@kiliankttel, 241 Tweets, 263 Profile abonniert, 123 Follower. Mein Newsfeed ist etwa gleich unterhaltsam wie ein Cervelat-Promi. Einer meiner letzten Posts stammt vom April 2016. «Meilenstein in meinem Leben: Seit 2,5 Jahren Student, heute zum ersten Mal in der Bibliothek...», zwitscherte mein digitales Ich damals. Tja, die Bachelorarbeit rief, das schlechte Gewissen nagte an mir wie eine Ratte am Stromkabel.

So, wie es das schon die 2,5 Jahre vorher getan hatte: Hochschule Winterthur, Vorlesung in Journalistik, Mittwochmorgen, 8 Uhr. Der Professor erzählte etwas von Systemtheorien, dem normativen Individualismus und dem analytischen Empirismus. Meine Kollegen hörten zu, stellten Fragen, schrieben mit. Ich dagegen versuchte, eine Twitter-Community aufzubauen. Und zwar mit wahren Anekdoten aus dem studentischen Alltag. Wie mit der folgenden: «Bestes Dozenten-Statement der Woche: ‹Machen Sie die Laptops zu. Mit Facebook kann ich nur konkurrieren, wenn ich nackt auf dem Tisch tanze.›» Gab ganze vier «Gefällt-mir-Angaben». Rekordverdächtig.

Sie merken: Das mit der Berühmtheit funktionierte nur im Ansatz – wie bei einem Cervelat-Promi eben. Zu allem Überfluss verpasste ich eine Menge Stoff, den ich dann im mühsamen Selbststudium nachholen musste. Zu Hause, allein, im stillen Kämmerchen. Wäre unsere Bibliothek in Winterthur so eindrücklich gewesen wie jenes Exemplar aus China im Bild nebenan – ich wäre mit Sicherheit dorthin gegangen. Und hätte bis zu meinem ersten Besuch nicht fast das ganze Studium gewartet.

Wer weiss, vielleicht hätte es mir ja Spass gemacht. Ich hätte mir den Stoff im Voraus angeschaut, weniger nachholen müssen, während der Vorlesungen noch mehr und besser twittern können. Ich hätte mir eine riesige Community aufgebaut, wäre jetzt berühmt, so richtig.

Aber das ist und war Wunschdenken. Und so nagte die Ratte während meiner Studententage fleissig am Gewissen weiter. Was auch sein Gutes hatte. Ich holte den Stoff auf, schrieb meine Bachelorarbeit und bestand schliesslich. Heute bin ich Journalist. Nicht, dass man damit angeben könnte. Aber viel lieber Journalist als Cervelat-Promi.

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

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