Was tun gegen das lästige Hautleiden?

NEURODERMITIS Juckende Ekzeme, trockene und schuppende Haut: Die Krankheit ist weit verbreitet und langwierig, aber oft gut behandelbar.

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Ursachensuche: Christoph Brand, Dermatologie-Chefarzt am Luzerner Kantonsspital, und die Medizinische Praxisassistentin Sarah Hurni nehmen an einem Patienten einen Allergietest vor. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Ursachensuche: Christoph Brand, Dermatologie-Chefarzt am Luzerner Kantonsspital, und die Medizinische Praxisassistentin Sarah Hurni nehmen an einem Patienten einen Allergietest vor. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Neurodermitis nahm in den letzten Jahrzehnten vor allem bei Kindern stark zu. Weiss man, weshalb?

Anja Wysocki*:Nein, die Ursachen sind trotz viel Forschung weitgehend unklar. Fakt aber ist, dass in den 1950er- und 1960er-Jahren nur 2 bis 3 Prozent der Kinder betroffen waren, heute liegt die Rate fünfmal höher. Bis zur Einschulung leiden in Europa 10 bis 15 Prozent der Kinder zeitweilig unter Neurodermitis.

Und bei Erwachsenen?
Wysocki
: Hier sind die Zahlen stabiler, nach wie vor sind rund 3 bis 5 Prozent betroffen. Zu betonen ist, dass die Krankheit in jedem Alter erstmals auftreten kann, auch noch bei älteren Menschen.

Äussert sich Neurodermitis je nach Lebensalter verschieden?
Wysocki: Ja, im frühen Kindesalter (0–2 Jahre) treten die Ekzeme meist im Gesicht, an der Kopfhaut und den Aussenseiten von Armen und Beinen auf, bei Jugendlichen und Erwachsenen mehr an den Innenseiten von Armen und Beinen.

Spielt Vererbung bei der Entstehung von Neurodermitis eine Rolle?
Wysocki: Ja, für ein Kind ist das Risiko von Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis am höchsten (60 bis 80 Prozent), wenn beide Elternteile unter derselben atopischen Erkrankung (siehe Kasten) leiden. Neben Vererbung könnten geänderte Lebensbedingungen der Industrieländer eine Rolle spielen. Kleinfamilien sind eher betroffen als Grossfamilien, weshalb das so ist, weiss man aber nicht.

Steht Neurodermitis in Zusammenhang mit der Ernährung?
Wysocki:
Bei ausgeprägter Neurodermitis im Kindesalter ist es sinnvoll, nach Nahrungsmittelallergien zu suchen, etwa Nuss- oder Hühnerei-Allergien. Bei entsprechender Diät besteht die Chance, dass sich die Hauterkrankung bessert. Für Neurodermitis-Kinder ohne konkreten Verdacht sind Diäten nicht sinnvoll, ratsam ist aber eine ausgewogene, altersentsprechende Ernährung.

Wirkt langes Stillen vorbeugend?
Wysocki:
Unter den Fachärzten herrscht Einigkeit, dass es insbesondere bei Kindern aus Familien mit häufigem Auftreten von atopischen Erkrankungen sinnvoll ist, vier Monate lang zu stillen. Längeres Stillen beeinflusst das Allergierisiko dagegen nicht weiter positiv. Neuere Studien haben zudem gezeigt, dass Fischkonsum in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes einen schützenden Effekt haben kann. Und das Atopie-Risiko für das ungeborene Kind kann offenbar gesenkt werden, wenn sich Schwangere regelmässig auf Bauernhöfen mit vielen unterschiedlichen Tieren aufhalten. Konkrete Empfehlungen kann man daraus aber erst ableiten, wenn sich das in weiteren grossen Studien betätigt.

Viele Eltern machen sich Sorgen, dass durch Impfungen das Allergien- und Ekzeme-Risiko steigt. Zu Recht?
Wysocki:
Nein, geimpfte Kinder leiden nicht häufiger unter Neurodermitis. Für Kinder mit Ekzem-Erkrankungen sind Impfungen erlaubt und sinnvoll, ausser es besteht ein begründeter Verdacht auf eine Allergie der Inhaltsstoffe. Eine weitere Einschränkung: In einem akuten Ekzemschub sollte man eine Impfung mit Lebendimpfstoffen zurückstellen.

Welche Rolle spielt die Ernährung bei Erwachsenen?
Wysocki:
Es gibt individuell unterschiedliche Lebensmittel, die zu einer Verschlechterung der Haut führen können. Lebensmittel, die Histamin freisetzen, wie rezenter Käse oder Wein, können den Juckreiz und die Ekzeme negativ beeinflussen. Ausserdem wirken sich Alkohol, grosse Mengen Kaffee und insbesondere das Rauchen allgemein negativ auf Ekzemerkrankungen aus.

Was ist mit Haustieren?
Wysocki:
Erhärtet hat sich der Verdacht, dass das Halten von Katzen die Entstehung von Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis fördert. Hundehaltung in der Familie kann dagegen ein Vorteil sein.
Im Volksmund hört man oft sagen, die Haut sei ein Spiegel der Seele. Ihre Meinung?
Wysocki: Diese bildhafte Vorstellung finde ich sehr unglücklich, denn sie stigmatisiert Hautpatienten. Damit wird eine Art Schuldzuweisung vorgenommen, der Patient wird für seine Erkrankung und das Erscheinungsbild seiner Haut selbst verantwortlich gemacht. Leider suggeriert auch der aus dem 19. Jahrhundert stammende Name Neurodermitis, die Krankheit habe etwas «mit den Nerven» zu tun (griechisch «neuron» = Nerven).

Die Psyche hat also keinen Einfluss?
Wysocki:
Doch, sie kann einen Einfluss auf den Verlauf haben. Auch bei chronischen Hauterkrankungen ist es wie bei allen anderen chronischen Krankheiten möglich, dass Stress, Depression, Schlafmangel und andere Provokationsfaktoren eine Verschlechterung bewirken können.

Welche Provokationsfaktoren?
Wysocki:
Bei Neurodermitis etwa Schwitzen, mechanische Irritation (Wolle, raue Textilien), das Klima (insbesondere Kälte), niedrige Luftfeuchtigkeit, die Hormone und mikrobielle Besiedelung der Haut.

Wie verläuft eine Neurodermitis typischerweise?
Wysocki:
Wechselhaft und mit Krankheitsschüben unterschiedlicher Schwere und Dauer. Die Erkrankung kann leider häufig wiederkommen, andererseits ist jederzeit eine Spontanheilung möglich. Heilbar ist Neurodermitis nur bedingt, aber sie ist zumindest meist gut behandelbar.

Wie?
Wysocki:
Wie bei allen Ekzemen muss die Therapie sehr individuell angepasst werden. Sinnvoll ist eine Basispflege mit einer Hautcreme, angereichert mit Harnstoff, angepasst nach Hautzustand und Jahreszeit, im Winter eher fetthaltig, im Sommer eine Feuchtigkeitscreme. Ideal ist, wenn sich die Patienten einmal täglich nach dem Duschen ganz eincremen.

Dürfen sie überhaupt häufig duschen?
Wysocki:
Ja, ausser bei akuten, nässenden Ekzemen. Da wäre das Duschen sogar schmerzhaft. Normalerweise können sie täglich duschen, aber nicht zu lange, ohne sich einzuseifen, und nicht zu heiss.

Wann wird Cortison eingesetzt?
Wysocki:
Kommt es im Jahr zu wenigen Ekzemschüben, sind kurze, gezielte Einsätze von lokalen Cortison-Cremen sehr gut wirksam, und sie verschaffen meist schnell Linderung.

Aber Cortison-Cremen haben nicht den besten Ruf.
Wysocki:
Ja, weil man sie früher für alles und unbeschränkt über Jahre eingesetzt hat. Damals sah man effektiv viele Patienten mit einem sogenannten Steroidschaden, also zum Beispiel Verdünnung der Haut, mehr sichtbare Blutgefässe, höhere Verletzlichkeit, Dehnungsstreifen und vorzeitige Hautalterung. Heutige Produkte sind aufgrund neuer Zusammensetzung viel nebenwirkungsärmer. Dennoch sollten sie zeitlich begrenzt und je nach Lokalisation des Ekzems angepasst eingesetzt werden, zum Beispiel ein schwächeres Präparat für das Gesicht.

Aber eben, nicht dauerhaft.
Wysocki:
Ja. Wenn es zu häufigen Rückfällen kommt, ist Cortison problematisch. Es gibt aber seit einigen Jahren die Möglichkeit, das Ekzem mit Calzineurin-Inhibitoren zu behandeln. Der Vorteil dieser Cremen ist, dass sie kaum Nebenwirkungen bei Langzeittherapie zeigen und den nächsten Ekzemschub hinauszögern können, wenn man sie prophylaktisch einsetzt. Ein Nachteil ist, dass eine Wirkung erst nach 14 Tagen zu erwarten ist und es anfänglich zu einem unangenehmen Brennen oder Wärmegefühl kommen kann. Deshalb setzen leider einige Patienten die Behandlung mit diesen Cremen oft vorschnell ab.

Gibt es andere Behandlungsmöglichkeiten als Salben?
Wysocki:
Für Patienten, die eine deutliche Besserung im Sommer feststellen, kann zusätzlich eine zeitlich begrenzte, gezielte und niedrig dosierte Lichttherapie beim Hautarzt hilfreich sein. Von Solarienbesuchen dagegen wird wegen des Hautkrebsrisikos ausdrücklich abgeraten.

Was halten Sie von alternativen Heilmethoden?
Wysocki:
Um deren Wirksamkeit einordnen zu können, fehlen für die meisten Substanzen kontrollierte wissenschaftliche Studien. Dennoch haben viele Ekzem-Patienten positive Erfahrungen mit alternativen Methoden gemacht. Der Wunsch, einmal etwas anderes auszuprobieren, ist bei Patienten mit chronischen Erkrankungen absolut nachvollziehbar. Wichtig ist aber ebenso wie bei schulmedizinischen Therapien, dass auf mögliche Nebenwirkungen hingewiesen wird, und es gilt, gut darauf zu achten, dass der Zeitpunkt, da eine spezifische Therapie erforderlich wird, nicht verpasst wird. Zum Beispiel bei einer Superinfektion des Ekzems: Bei der gereizten und entzündeten Haut können sich Bakterien und Viren schnell ausbreiten.

Und das ist gefährlich?
Wysocki:
Unter Umständen ja. Ein dermatologischer Notfall kann eintreten, wenn sich bei Neurodermitis-Patienten zusätzlich eine Herpes-simplex-Infektion aufpfropft. Dies kann geschehen, wenn der Patient selbst oder ein Familienmitglied unter Fieberblattern leidet. Das Virus kann dann als Schmierinfektion übertragen werden und sich ausbreiten. Das kann Fieberblattern auf der gesamten Ekzemhaut, hohes Fieber, ein schweres Krankheitsgefühl, Durchfall und Lungenentzündung auslösen.

Sehr lästig kann bei Neurodermitis der Juckreiz sein. Kann der separat behandelt werden?
Wysocki:
Ja, hilfreich sind Antihistaminika, die auch gegen Heuschnupfen eingesetzt werden. Einige ältere Substanzen wirken stark beruhigend und machen schläfrig. Das kann therapeutisch genutzt werden, indem man sie nachts verabreicht und die Patienten so den Juckreiz quasi «verschlafen». Neuere Präparate sind gut für tagsüber geeignet, da sie nur selten Müdigkeit hervorrufen. Erfreulicherweise gibt es einige Präparate, die auch für Kinder zugelassen sind. Wichtig ist in jedem Fall – wie übrigens bei allen Medikamenten – die Beratung durch eine Fachperson.

Interview Hans Graber

HINWEIS
* Dr. med. Anja Wysocki ist Leitende Ärztin an der Dermatologischen Klinik des Luzerner Kantonsspitals.

Ekzeme: Zahllose Ursachen – ähnliche Symptome

FAKTEN hag. Die Neurodermitis (auch atopisches Ekzem oder atopische Dermatitis genannt) gehört zu einer ganzen Krankheitsgruppe mit Heuschnupfen, allergischem Asthma oder Nahrungsmittelallergien.
Der Begriff Atopie (von griechisch «atopos» = fehl am Platz) bezeichnet die Überempfindlichkeit gegenüber alltäglichen Einwirkungen, die atopischen Erkrankungen zu Grunde liegt. In unterschiedlichen Lebensaltern und -phasen kann jeweils eine andere atopische Erkrankung im Vordergrund stehen, zum Beispiel Ekzeme in der Kindheit, Heuschnupfen als Jugendlicher und Asthma als Erwachsener. Im besten Fall zeigt sich keine Erscheinungsform.

Neurodermitis ist das am häufigsten auftretende Ekzem. «Da die unterschiedlichen Ekzemtypen sehr ähnlich aussehen können, brauchen Arzt und Patient in manchen Fällen viel Geduld, um die Puzzleteile detektivisch zusammenzufügen und die richtige Diagnose zu stellen», sagt Prof. Dr. med Christoph Brand, Chefarzt der Dermatologischen Klinik am Luzerner Kantonsspital. Hierbei können eine genaue Erhebung der Krankengeschichte, Blutuntersuchungen, Prick- und Epikutantest (Allergietests) sowie gelegentlich eine Gewebeprobe helfen.

Auch wenn sich eine grosse Anzahl möglicher Ursachen hinter einem Ekzem verbirgt, sind die Symptome meist sehr ähnlich: «Beim akut auftretenden Ekzem beklagen die Patienten Rötung, teils Bläschen auf der Haut, Nässen und fast immer ausgeprägten Juckreiz», sagt Christoph Brand. Der Juckreiz kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Es besteht zudem die Gefahr, dass sich ein Teufelskreis entwickelt, der sogenannte Juckreiz-Kratzzyklus: Der Juckreiz führt zum Kratzen, wodurch das Ekzem verstärkt wird usw.

Besteht ein Ekzem über längere Zeit, stehen Schuppung und trockene Haut im Vordergrund, Juckreiz und Rötung bleiben erhalten. Brand: «Wenn ein Ekzem behandlungsresistent ist, empfehlen wir einen Epikutantest, um mögliche Allergien gegen Inhaltsstoffe von Cremen, Seifen, Duschmitteln, Textilien, Berufsstoffen oder Metallen abzuklären.» Zum einen können solche Stoffe allergische Kontaktekzeme auslösen, zum andern können sie bei Neurodermitis-Patienten zu einer zusätzlichen Belastung werden. Findet man eine auslösende Substanz, kann diese fortan gemieden werden, und das Ekzem heilt ab. Leider ist das nicht immer möglich, da ein Stoff überall vorkommen kann, wie etwa Nickel (Türklinken, Schmuck, Gürtelschnalle).

Apropos allergische Kontaktekzeme: Sie treten zunächst am Ort des Hautkontaktes auf, wenn man sich aber stark sensibilisiert hat, kann es Streuherde am ganzen Körper geben, da das Allergen über die Haut aufgenommen und über die Blutbahn weitergeleitet wird.