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WEB: «Das Internet ist kaputt»

Kaum einer hat das Internet mit solcher Inbrunst verteidigt wie Sascha Lobo. Bis jetzt – nun spricht er von der «digitalen Kränkung des Menschen». Diese Woche referiert Lobo in Luzern.
Michael Graber
Vom Internet-Euphoriker zum Skeptiker: Sascha Lobo. (Bild Reto Klar)

Vom Internet-Euphoriker zum Skeptiker: Sascha Lobo. (Bild Reto Klar)

Der Mann trägt die Haare rot. Und zwar in Kammform. Fast ein bisschen Punk also. Aber Sascha Lobo liefert den Kontrast gleich selber: Zur wilden Frisur trägt er einen schicken Anzug. Business-Punk sozusagen. Auch deswegen erscheint er immer wieder in Talkshows – dann, wenn es ums Thema Internet geht. Lobo hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Publizisten rund ums Thema Internet gemacht. Neben öffentlichen Auftritten bloggt und twittert er und hat eine Kolumne auf «Spiegel online».

Mit seinen pointierten Aussagen eckt er immer mal wieder an. Vor allem kürzlich, als er – der stramme Verteidiger des Internets – in der «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» einen bemerkenswerten Essay schrieb. Unter dem Titel «Die digitale Kränkung des Menschen» kam er zum vernichtenden Schluss «Das Internet ist kaputt».

«Das war naiv»

Die Ursache für seine Kränkung ortet Lobo in der Spähaffäre, die im letzten Jahr losgetreten wurde. Als Edward Snowden veröffentlichte, wie systematisch die Amerikaner das Netz überwachen. «Dass ich trotz Fachwissens nicht für möglich gehalten habe, was Realität ist – das war meine Naivität», schreibt Lobo. Das Internet, jene «Utopie einer besseren Welt», werde am Schluss eben nicht als Instrument zur Freiheit genutzt, sondern «aufs effektivste für das exakte Gegenteil». Er ordnet seine eigene Kränkung sogar in das Konzept von Sigmund Freuds berühmten «Kränkungen» ein.

Freud hatte drei Kränkungen definiert, welche das Selbstverständnis der Menschen verändert haben. Erstens: die Entdeckung von Kopernikus, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist. Zweitens: die Entdeckung von Darwin, dass der Mensch vom Tier abstammt. Drittens: Die Entdeckung von Freud selber, dass wir nicht nur durch uns selbst gesteuert werden, sondern auch durch unser Unterbewusstsein.

Bloss Ernüchterung

Die Frage ist, ob wir tatsächlich durch die Snowden-Enthüllungen gekränkt sind in unserem Weltbild. Die Tatsache, dass wir überwacht werden, war wohl auch Netz-Optimisten klar. Man müsste ja fast böse sein auf die Geheimdienste, wenn sie die Möglichkeiten nicht nutzen würden. Im Ausmass mag es aber tatsächlich ein Schock gewesen sein. Aber wohl vor allem für jene, die wie Lobo das Netz als Heilsbringer ansahen. Also einfach Ernüchterung?

Lobo schreibt vehement dagegen an: «Die digitale Vernetzung prägt die Gesellschaft viel stärker, als die meisten Politiker, Journalisten und Fussgänger erkennen wollen. Es gibt in Deutschland nur zwei Arten von Menschen, die, deren Leben sich durch das Internet verändert hat, und die, die nicht wissen, dass das Internet ihr Leben verändert hat.» Auf Servern rund um die Welt fänden sich pikanteste Details über beinahe alle Menschen und damit in den «Krakenarmen der Überwachungsindustrie».

«Nicht bei Rot über Strasse laufen»

Diese Woche kommt der Neo-Internet-Skeptiker nach Luzern (siehe Box). Auf Einladung des Instituts für Wirtschaftsinformatik IWI der Hochschule Luzern – Wirtschaft referiert der Berliner zum Thema «Kreativität und Informatik – Welten auseinander?». Im Publikum werden mehrheitlich Studenten sitzen, die später als Informatiker arbeiten werden. Zwar nicht jene, welche für den Schnüffelstaat im Internet verantwortlich sind, aber zumindest jene, die das technische Werkzeug dazu herstellen – ohne jetzt hier einen Pauschalverdacht auszusprechen.

«Wir sollten unsere Paranoia und unsere Naivität etwas zurückfahren», sagt Marco Menna, Institutsleiter am IWI. «Schlussendlich kann das Internet nur wissen, was wir über uns preisgeben.» So banal es auch klinge, «aber mit einigen wenigen Tools und gesundem Menschenverstand braucht man keine Angst zu haben». Man müsse auch nicht «Digital Native» sein, um den richtigen Umgang mit dem Netz zu finden, sondern sich einfach verhalten wie sonst auch: «Sie laufen ja auch nicht einfach bei Rot über die Strasse, sondern verhalten sich vorsichtig», sagt Menna.

Im Zentrum des Vortrags in Luzern stehe die Innovation in der Informatik. «Wie können Informatiker ihre Arbeit besser präsentieren», sei eine der zentralen Fragen, so Menna. «Im Prinzip ist es ideal, wenn man auf der Benutzeroberfläche fast nichts mitbekommt von den Prozessen im Hintergrund.»

«Die Gesetze sind da»

Innovation kann aber auch bedeuten, dass wir immer mehr Technik in Dinge lassen, bei denen wir vorher noch darauf verzichteten. Etwa in der Küche – wie das mehrfach ausgezeichnete Projekt «everycook» beweist. Dort kocht der Topf mittlerweile fast von alleine. Dabei werden natürlich Daten verwendet. Daten, an denen die Lebensmittelindustrie sicher Interesse hätte – sie könnte unsere Essgewohnheiten so noch genauer erforschen, als sie es sonst schon tut. «Es gibt klare Gesetze, was eine Firma mit solchen Daten tun darf und was eben nicht», sagt Menna.

Eines der Spannungsfelder besteht derzeit darin, die Grenzen so auszuloten. Niemand will gerne ausspioniert werden, gleichzeitig will man aber ein möglichst «schlaues» Internet. Also eines, das einem die passenden Links serviert und wehe, wenn einmal eine unpassende Werbung eingeblendet wird. Je besser Google den Nutzer kennt, desto genauer werden die Suchtreffer. Der Preis für eine verkürzte Suche besteht darin, dass man etwas von sich preisgeben muss.

Und im Gegensatz zu einem (guten) Freund, dem man ein Geheimnis anvertraut, kann man bei einem Grosskonzern nie ganz sicher sein, was er damit macht.

Als Ganzes gesammelt

«Es gibt ja durchaus auch gute Beispiele von Datensammlern», sagt Marco Menna. «Etwa wenn die Daten nicht personalisiert, sondern als Ganzes abgebildet werden.» So könne man unabhängig von den eigenen Präferenzen sehen, was bei allen Usern gerade beliebt ist.

Innovation bedeute überhaupt nicht, dass man das Produkt durch Datensammeln näher an den User heranbringe, sondern vor allem, dass man es einfach und verständlich mache. «Wenn ich als Konsument begreife, wie etwas funktioniert, dann hilft das, Vertrauen zu schaffen», sagt Menna. Informatiker hätten zuweilen die Neigung dazu, dass sie zwar etwas Komplexes erschaffen oder programmieren können, es schlussendlich aber kaum genutzt werden könne. «Da müssen wir auch in der Ausbildung vermehrt den Schwerpunkt darauf legen», so Menna.

Übrigens: Lobo habe der Schweiz in Bezug auf Verständlichkeit und Innovation ein gutes Zeugnis ausgestellt, sagt Menna. Informiert hat er sich wohl übers Internet. So schlimm kann seine Skepsis also gar nicht geworden sein (und ja: Er bloggt und twittert weiterhin).

Vielleicht muss man seinen wütenden Essay eben auch gar nicht als Grund nehmen, sich sofort von allen sozialen Netzwerken abzumelden und nur noch anonym zu surfen. Sondern einfach als Warnschuss, auch mal unsere eigene Naivität zu hinterfragen. Das kann – auch ausserhalb des Internets – nie schaden.

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