WEIHNACHTEN: Alle Jahre wieder ... droht der Geschenke-GAU

Das Fest der Liebe soll Freude machen und Schenken sowieso. Vor Heiligabend allerdings geraten viele in einen regelrechten Geschenke-Stress – und mancher Streit ist vorprogrammiert.

Susanne Holz
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Geschenke einkaufen und einpacken: Das Prozedere beansprucht viel Zeit. (Symbolbild) (Bild: Boris Bürgisser)

Geschenke einkaufen und einpacken: Das Prozedere beansprucht viel Zeit. (Symbolbild) (Bild: Boris Bürgisser)

Das grösste Problem ist wohl die Häufung: Ist jedes Geburtstagsgeschenk ein singuläres für den Schenkenden, so hat man an Weihnachten zumeist eine Menge Menschen gleichzeitig zu beglücken. Eltern, Kinder, Partner, Schwiegereltern, Grosseltern, Enkel, Verschwägerte, Freunde, Postboten, Zeitungsausträger ... Die Liste der zu Beschenkenden ist so lang wie der Stress gross, der beim Abhaken dieser Liste entsteht.

Hinzu kommen Weihnachtspost, Päckli ins Ausland, das Backen von Guetzli, das Schmücken des Baums, und der Nikolaus, der war ja eigentlich auch schon da. Kein Wunder, wenn Heiligabend unterm Christbaum statt der Besinnlichkeit der Streit einkehrt. Die Schwiegermutter mag das Parfüm nicht? Der Gatte das Hemd nicht? Das Kind den Teddy nicht? Oh je. Den Postboten hat man vergessen, die Päckli zu spät abgeschickt, und beschenkt wird man mit – einem Kochbuch? Es gibt Schlimmeres, aber nach der Anspannung im Vorfeld liegen die Nerven blank. Auch, weil der Anspruch an Harmonie nie so hoch ist wie an Weihnachten.

Heinrich Böll als gute Gabe

Ein gutes Mittel zur Entkrampfung könnte sein, sich gemeinsam unter den Baum zu setzen und «Nicht nur zur Weihnachtszeit» von Heinrich Böll vorzulesen. Denn nur noch bei der Lektüre von Pippi Langstrumpf in frohen Kindertagen hat man sich je so gut amüsiert. Dem Geschenke-GAU mit gemeinsamer Aktivität oder zumindest einem «Wichtelsystem» beizukommen, empfiehlt auch die Zuger Psychotherapeutin Jasmin Ackermann: Durch Unternehmungen erlebe man Weihnachten zusammen und baue sich eine Geschichte auf.

Gefragt, ob man grundsätzlich mit Demut und Selbstlosigkeit schenken solle, antwortet die Psychotherapeutin: «Demut und Selbstlosigkeit können zu hohen Ansprüchen werden, die man vielleicht nicht erreichen kann und sich deshalb dann schlecht fühlt.» Ackermann findet: «Beim Schenken helfen Leichtigkeit und Selbstfürsorge.» Zuerst käme die Frage: Habe ich Lust, etwas zu schenken? Für den Beschenkten gelte: Kann ich grosszügig sein und liebevoll auf den Schenkenden schauen? Gut tue auch, für eigene Bedürfnisse Verantwortung zu übernehmen und die Erfüllung dieser nicht nur anderen zuzuweisen.

«Schenken ist Nahrung für die Beziehung»

Dass Schenken gerade in der Paarberatung ein wichtiges Thema ist, bestätigen Jasmin Ackermann wie ihr Zuger Kollege Adrian Kaufmann. Ackermann hat die Erfahrung gemacht, dass Schenken in der Paartherapie oft in Zusammenhang mit Stress und Enttäuschung zur Sprache kommt. «Schenken kann stressen, weil es mit Emotionen verbunden ist.» Sie weiss: «Sobald die Erwartungen hoch sind, ist auch die Möglichkeit zur Enttäuschung gross.» Wenn man beispielsweise das Gefühl habe, der Schenkende habe einem nie zugehört und schenke deshalb etwas völlig Unpassendes.

Psychotherapeut Adrian Kaufmann weiss aber: «Schenken ist Nahrung für die Beziehung. Pflegt man diese, schenkt man sich Aufmerksamkeit durch Zuhören, Zuwendung, Gesten, Geschenke.» Eine Form der Wiedergutmachung könne Schenken zudem sein. Vielleicht ja auch nach dem Zank an Weihnachten?

Hinweis

Unten erzählen Redaktoren, nicht ohne Augenzwinkern, was sie lieber nicht auf dem Gabentisch entdecken möchten.

Susanne Holz

Weihnachtsbaumparkverbot für Vignetten

Das herzloseste Geschenk, das ich mir vorstellen kann? Eine Autobahnvignette. Grauenhaft. Nichts gegen Nützliches. Wer will schon Accessoires, die Unruhe in die eigenen vier Wände bringen? Wer eine Handtasche, mit der man sich nur an die Fasnacht traut?

Aber mit einer Autobahnvignette überfährt man eine Grenzlinie des guten Geschmacks. Da hilft nicht, dass der Name dieses Fötzels auf das französische Wort für Randverzierung zurückzuführen ist. Da hilft nicht, wenn man die Vignette, wie mittlerweile auf zahlreichen Internetseiten angeboten, in einer «herzigen» Dose verpackt, auf Filzstücke geklebt oder sonst wie verzuckert an die Liebste oder den Liebsten bringt.

Nun ist Schenken eine Form des sozialen Handelns. Auch bei einer Autobahnvignette handelt man sozial-, wenn auch nicht umweltneutral. Aber wie bei der WC-Papierrolle oder dem Müllsack besteht nach einer Autobahnvignette nun mal ein zyklisches, schon tausendmal selbst befriedigtes Bedürfnis. Soll Schenken in uns nicht gerade neue Bedürfnisse wecken, an die man bisher noch gar nicht dachte? Oder haben Sie schon mal eine Vignette mit vielen Ohs und Ahs entgegengenommen? Ich reagiere da mehr wie vorm Kassenschalter: sehr nüchtern.

Julia Stephan, Redaktorin Ressort Kultur

Fundamentalismus nur in der Nacht

Was man mir nicht schenken sollte? Da gibt es leider vieles: Bücher etwa, solche kriege ich das ganze Jahr in mein überquellendes Redaktionsbüro geschickt. Süssigkeiten sind ebenfalls nicht ideal, denn davon esse ich sonst schon genug. Jedwede Gutscheine eignen sich auch schlecht, denn ich trage dazu bei, dass ein erstaunlicher Anteil aller Gutscheine (angeblich bis zu 20 Prozent!) nie eingelöst wird. Und wer mir eine Darmspiegelung schenken möchte, wartet am besten noch etwa acht Jahre, erst dann wäre angeblich eine fällig.

Bin ich also ein schwieriger Beschenkkunde? Überhaupt nicht! Kleider kriege ich immer gerne. Denn ich hasse es, selber welche kaufen zu gehen. Und bisher konnte ich mich punkto Geschmack fast immer auf die Schenkenden verlassen. Ausser wenn plötzlich auffällige Schriftzüge auf dem Pullover oder dem Shirt prangen. Da kriegte ich vor einigen Jahren ein Shirt, darauf stand «Fundamentals». Was ich erst übersah. Erst als mich jemand fragte, ob ich zum Fundamentalist geworden sei, klappte mein Kinn samt Kopf nach unten, worauf ich zur Sicherheit noch einen Spiegel zu Hilfe nahm und rückwärts las. Seither habe ich ein zusätzliches Nacht-T-Shirt. Denn wenn schon ein Fundamentalist, dann doch lieber im Dunkeln.

Arno Renggli, Leiter Kultur und ­Gesellschaft

Eine Truhe für ­unliebsame Dinge

Was möchte ich auf keinen Fall geschenkt bekommen? Hmmm. Manchmal hilfts, wenn man die Frage umkehrt: Was MÖCHTE ich geschenkt bekommen. Selbst Gemachtes! Kein Witz, alles, worin jemand Zeit investiert hat, gefällt mir. Und weil Zeit besonders vor Weihnachten rar ist, bekommt ein selbst gemachtes Geschenk noch mehr Bedeutung. Und wenn mans auch noch essen kann, umso besser!

Da gibt es zwei Einschränkungen: Man kann seine Liebe auch anders zeigen als mit selbst Gemachtem – dahingehend möchte ich niemandem etwas vorschreiben. Ausserdem gibt es ganz viele Dinge, die ich brauchen kann und auch sehr schätze, die man nun mal nicht selber herstellen kann. In unserer Familie haben wir sowieso schon lange eingeführt, dass man fragt: «Was wünschst du dir zu Weihnachten?» Da bei uns jeder mehrere Wünsche hat, gibt es doch meist eine kleine Überraschung.

Ganz anders verhielt es sich in meinen Kinder- und Jugendtagen. Das unliebste Geschenk aller Zeiten war eine perfekt mit Stoff ausgekleidete und an der Oberfläche bestickte kleine Holztruhe anstelle der gewünschten weissen, halbhohen kultigen Adidas-Turnschuhe. Zumindest hatte ich dann was, um weitere leidige Dinge zu verstauen.

Regina Grüter, Filmredaktorin/­Leiterin APERO

Die Angst vor der grossen Leere

In der Regel kriegt man Geschenke von Menschen, die einen kennen. Wer mich kennt, weiss: Er trägt nie Krawatten. Raucht keine Zigarren. Wein­trinken ist für ihn kein Hochamt, es tuts auch ein «mezzo rosso della casa». Der Wunsch, einen Marathon zu laufen, will und will sich bei ihm nicht einstellen, also fallen auch Laufschuhe mit Air-Elementen oder Gelkissen ausser Betracht.

Von seiner Lieblingsmusik hat er alles. Dito von seinen paar Lieblingsautoren. Unterhaltungselektronik, ja, das ginge, aber die Frau klagt schon jetzt, zu Hause sehe es aus wie in einem TV-Fachgeschäft. Der Herr hat keine Hobbys, ist unbegabter Handwerker, und mit Reisen über 40 Kilometer tut er sich schwer.

Kurzum: ein komplizierter Fall. Zum Schenken ein unmöglicher. Fast alle kapitulieren zum Vornherein, schenken dafür der Gemahlin etwas Grösseres. «Für beide», heisst es jeweils beschönigend. Für mich bleibt im Grunde genommen genau das, was ich nicht geschenkt bekommen möchte. Nämlich – nichts.

Deshalb sei es hier jetzt einmal gesagt: Es ist alles ein grosser Irrtum. Ich bin sehr simpel. Ich habe an allem Freude. Auch an Doppeltem und Sinnlosem. Tutti quanti. Ich kann es vielleicht nicht so zeigen, aber es ist so. Echt. Und jetzt aber her mit den Geschenken.

Hans Graber, Redaktor Ressort Piazza/Wissen

Griechische Sagen werden versenkt

Bevor mein Sohn es schaffte, mich für Fantasy und Superhelden zu erwärmen, war mir alles Heldenhafte ein Gräuel. Die Geschichte hat einen schliesslich oft genug gelehrt, wohin Heldenkult die Menschheit so führt. Nein, danke. Tarzan? War mir als Kind egal. Als junge Erwachsene vermochte mich auch ein Batman nicht ins Kino zu locken. Der kam aber wenigstens noch irgendwie modern daher. Ganz schlimm fand ich so etwas wie die Nibelungensage mit all ihren Siegfrieds und Kriemhilds. Und auch die Götter und Helden der alten Griechen leuchteten mir nie in irgendeiner Weise ein. Zeus?Odysseus?Wer noch mal? Weshalb ich es mit 23 so gar nicht toll fand, «Griechische Sagen» geschenkt zu bekommen, von einer Kurzzeitliebe, die dieser Mythologie sehr zugetan war, mir aber in drei Monaten wohl nie zugehört hatte. Oder vielleicht doch – und mich mit diesem Geschenk endgültig loswerden wollte. Und konnte. Nach den «Griechischen Sagen» war Schluss: Da passten zwei einfach nicht zusammen. Ich tauschte das Buch (ein Sonderangebot) um in ein Werk namens «Französisch im Alltag», das ich kurz darauf einem Sprachstudenten zum Geburtstag schenkte. «Hätte ich dir gar nicht zugetraut», meinte eine Freundin. Geschenkt. Ich mir schon.

Susanne Holz, Redaktorin Ressort Piazza/Wissen