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WEIHNACHTEN: Das «unglaublich gute Produkt» Erlösung

Viele Grundwerte werden immer mehr den Gesetzen des Marktes unterworfen, sagt der Augustinerpater Hermann Josef ­Zoche. Er plädiert für einen bewussteren Konsum.
Interview Hans-Peter Hoeren
Für Augustinerpater und Autor Hermann Josef Zoche kann die Kirche der Wirtschaft wichtige Werte geben. (Bild: Getty)

Für Augustinerpater und Autor Hermann Josef Zoche kann die Kirche der Wirtschaft wichtige Werte geben. (Bild: Getty)

Pater Zoche, wo liegt für Sie in unserer heutigen Zeit noch der tiefere Sinn von Weihnachten?

Hermann Josef Zoche: Letztlich geht es an Weihnachten darum, neu zu erkennen, wie schön es ist, ein Mensch zu sein. Dass Gott selber Mensch wird, zeigt unsere eigene Grösse. Gott wird Mensch – und dadurch wird der Mensch gottähnlich. Man muss es jedes Jahr an Weihnachten neu sehen: Der Mensch steht über den Engeln. Gott ist nicht Engel geworden, sondern Mensch.

Das klingt sehr theologisch, wie kann man das für den einzelnen Menschen konkret im Alltag erfahrbar machen?

Zoche: Ich glaube, dass die Erkenntnis der eigenen Würde, die Weihnachten jedes Jahr neu vermittelt, sehr konkrete Auswirkungen im Alltag hat. Man bekommt dadurch vielleicht auch die richtige Distanz zu dem verführerischen Glanz unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft und erkennt, wie erniedrigend sie sein kann.

Sie sind Pfarrer, gleichzeitig aber auch Referent in der Wirtschaft, bei Führungskräften und Unternehmern. Kirche und Wirtschaft, wie passt das zusammen?

Zoche (schmunzelt): Die katholische Kirche hat vor mehr als 2000 Jahren in einem Stall in Bethlehem angefangen und ist heute noch ein prosperierendes Unternehmen. Es muss also irgendetwas dran sein an unserer Botschaft. Christliche Werte sind auch für die Wirtschaft wichtig.

Inwiefern? Letztlich zählen doch in erster Linie die Geschäftszahlen?

Zoche: Menschliches Wirtschaften muss immer auch dem Menschen dienen. Es muss zum Ziel haben, dass möglichst alle Menschen auf diesem Planeten ein menschenwürdiges Leben führen können. Je mehr die Wirtschaft ihren eigenen Kräften überlassen wird, desto weniger wird sie sich an anderen Werten als der Profitmaximierung orientieren. Hier kann die Kirche einen grossen Beitrag leisten, um der Wirtschaft ein menschlicheres Antlitz zu geben.

Zum Beispiel?

Zoche: Nehmen Sie das vierte Gebot aus den Zehn Geboten «Du sollst Vater und Mutter ehren». Dieses bezieht sich auf den Respekt gegenüber den Lebensquellen, den Ressourcen, wie man heute sagen würde. Es ist also ein Gebot, das von der Wirtschaft Nachhaltigkeit, umweltschonende Produktionsbedingungen und so weiter fordert.

Die Wirtschaft soll sich die Kirche und die christlichen Werte zum Vorbild nehmen, dabei kennt doch auch die Kirche Finanzskandale, Fachkräftemangel und Marketingprobleme.

Zoche: Wir haben in vielen Bereichen durchaus dieselben Probleme wie manche Wirtschaftsbranchen. Uns laufen die Kunden weg, wir verlieren diese oft an Billiganbieter. Dabei haben wir ein unglaublich gutes Produkt. «Erlösung» braucht jeder, und jeder sehnt sich danach.

Welche Billiganbieter meinen Sie?

Zoche: Ich denke an die vielen Glückspropheten, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schiessen, ich denke an verkürzte Erlösungslehren, wie wir sie aus dem Bereich New Age oder aus dem asiatischen Raum kennen, oder eben auch an Wirtschaftslehren, die mit quasireligiösem Erlösungsanspruch an die Menschen herantreten.

Sie sagen, die Kirche hätte ein gutes Produkt, aber ohne ein gutes Marketing nützt das beste Produkt nichts.

Zoche: Genau, das meine ich: Die Kirche hat ein Vermittlungsproblem. Dennoch ist unser Produkt gut. Jeder braucht es. Je mehr Menschen begreifen, wie schön es ist und wie frei es macht, erlöst zu sein, desto glaubwürdiger wird das Produkt. Es ist wie bei beim Online-Anbieter Amazon: Je mehr Leute ein Produkt positiv bewerten, umso eher wird es angenommen. Das glaubwürdigste Marketing geht nicht von den Verkäufern aus, sondern von den Nutzern. Anders gesagt: Je mehr sich der Kundennutzen der Erlösung herumspricht, umso besser ist die Kirche marketingmässig aufgestellt.

Wir sind im sechsten Jahr nach dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise, die längst noch nicht vollständig bewältigt ist. Welche Werte sind notwendig, um derartige Krisen künftig verhindern zu können?

Zoche: Ich bin kein Unternehmensberater. Konkrete Eingriffe, Regulierungen oder Boni-Obergrenzen sind nicht meine Themen. Obwohl ich einmal eine Art Formel entwickelt habe, nach der man die Gehaltsobergrenzen von Managern und Führungskräften festlegen könnte.

Nämlich?

Zoche: Ich meine, dass ein Manager nicht mehr als das Hundertfache dessen verdienen dürfte, was sein geringst bezahlter Vollzeitangestellter verdient. Die Fixierung des Menschen aufs Geld ist eine Quelle des Unglücks in unserer Zeit. Die Sinnfrage ist fast vollständig vom Erfolgsstreben eliminiert worden.

Das heisst, immer mehr Geld allein macht nicht glücklich.

Zoche: Genau. Das sogenannte Easterlin-Paradoxon lehrt uns, dass mehr Geld die Menschen nur unbedeutend glücklicher macht. Die beiden Kurven «Glück» und «Geld» verlaufen nicht parallel. Irgendwann steigt das Glück nicht mehr, wenn der Mensch mehr Geld und Besitz bekommt. Im Grund wünschen sich alle Menschen, die ich kenne, vor allem weniger Arbeit, im Endeffekt arbeiten sie aber immer mehr. Man muss es immer wieder betonen: Der Kapitalismus respektive die Marktwirtschaft will nicht, dass wir glücklich sind. Glückliche Menschen konsumieren viel weniger als unglückliche Menschen.

Die westliche Gesellschaft definiert sich zu stark über Leistung?

Zoche: Die Grundmaxime in unserer Gesellschaft ist es, mehr Geld zu haben und zu verdienen, statt mehr Freude zu haben. Leben, um zu arbeiten, statt arbeiten, um zu leben, ist die Maxime. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass wir uns Bereiche in unserem Leben sichern, in denen die Marktwirtschaft und marktwirtschaftliches Denken nichts verloren haben.

Wie soll man das erreichen?

Zoche: Ich habe einmal von einem Kindergarten in London gelesen, der die Unart ständigen Zuspätkommens der Eltern bei der Abholung der Kinder durch schmerzlich hohe Strafgebühren bekämpfen wollte. Wenn die Eltern ihre Kinder dort zu spät abholen, dann müssen sie eine Strafgebühr zahlen. Was meinen Sie, was danach passiert ist?

Sagen Sie es mir.

Zoche: Immer mehr Eltern sind zu spät gekommen. Sie haben für sich die Strafgebühr anders interpretiert und sich gesagt: «Ich kann mir die Verspätung ja kaufen.» Man sieht, wie Geld immer mehr die Normen verdrängt. Emissionszertifikate sind auch so ein Konstrukt. Wie kann man Umweltverschmutzung kaufen? Ich bin auch dagegen, dass man einem Kind für eine gute Note Geld gibt. So lernt es nie, dass Bildung ein Wert an sich ist. All das sind Beispiele dafür, wie falsch es ist, wenn man bestimmte Werte den Gesetzen des Marktes unterwirft. Hier müssen wir ansetzen.

Wo kann der Einzelne ansetzen?

Zoche: Ein sehr konkreter Ansatzpunkt sind die Produktionsbedingungen. Jeder Konsument sollte sich stets fragen, welches Weltbild oder Menschenbild er mit dem Kauf eines Produktes unterstützt. Wie stark trägt zum Beispiel ein von mir erworbenes Produkt zur Ausbeutung eines Menschen in Asien, in der Türkei, in Mittelamerika oder aber der Umwelt bei. Im Gegensatz zur Schweiz herrscht in Deutschland viel ausgeprägter die Grundhaltung vor: Hauptsache, alles ist billig. Ich halte das für sehr verwerflich. Meiner Meinung nach sollte man vor einem Kauf ein oder zwei Argumente finden, die oberhalb des Preises liegen.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Zoche: Man kann ein T-Shirt kaufen, weil es billig ist, und sich um alles andere nicht scheren. Oder man kauft ein Shirt aus Biobaumwolle, das in Europa gefertigt ist, zahlt dafür aber bereitwillig mehr Geld. Dann hätte man zwei Argumente, die vor dem Preisargument kommen: Produktqualität (bio) und Ausschluss von Kinderarbeit (europäische Fertigung).

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