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WEIHNACHTSGESPRÄCH: «Wir sollten das Weihnachtsfest entlasten»

Er war Missionar in Afrika. Heute ist Al Imfeld Journalist und Buchautor – und als solcher natürlich auch ein prädestinierter «Geschichtenerzähler». Wir haben mit dem 78-Jährigen über Weihnachten, übertriebenen Kommerz und fremde Kulturen gesprochen.
Carole Gröflin
Hier kann er seiner Kreativität freien Lauf lassen: Al Imfeld im Arbeitszimmer seiner Zürcher Wohnung. (Bild Pius Amrein)

Hier kann er seiner Kreativität freien Lauf lassen: Al Imfeld im Arbeitszimmer seiner Zürcher Wohnung. (Bild Pius Amrein)

Al Imfeld hat vier Studienabschlüsse, unter anderem in Theologie und Entwicklungssoziologie, und war Missionar in Afrika. Aufgewachsen ist der 78-jährige Tausendsassa im luzernischen Etzenerlen bei Ruswil – als Ältester von 13 Geschwistern in einer Bergbauernfamilie. Heute lebt er in Zürich als freischaffender Journalist, Buchautor und Berater. Im Jahr 1983 wurde der Luzerner vom Kanton Zürich für seine Bemühungen um den afrikanischen Dialog ausgezeichnet.

Aufgrund seiner facettenreichen Erfahrungen gilt er als Experte für afrikanische und entwicklungspolitische Themen. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht er über sein überraschendes Weihnachtserlebnis in Mali, welche Bedeutung er Weihnachten beimisst und weshalb er nie spendet.

Al Imfeld, wie verbringen Sie die Feiertage?

Al Imfeld: Heute, am 24., erhalte ich Besuch, und morgen werde ich meine Schwester in Altbüron besuchen. Dort treffe ich vermutlich auf weitere Geschwister. Ansonsten werde ich meine Tage wie immer verbringen: schreibend und dichtend.

Sie messen Weihnachten also keine besondere Bedeutung bei?

Imfeld: Das kann man so sagen, ja. Ich tätige auch nie Weihnachtseinkäufe. Heute Abend habe ich vier Personen zu mir nach Hause eingeladen, und wir werden gemeinsam kochen und essen. Geschenke sind keine erlaubt – ausser vielleicht eine Flasche guten Wein.

Sie sind kein Weihnachtsfreund – und dennoch laden Sie zum festlichen Essen ein. Wie erklären Sie diesen Gegensatz?

Imfeld: Das Fest gibts nun mal, aber ich versuche es so gut wie möglich herunterzuspielen. Hierfür lade ich jedes Jahr unterschiedliche Menschen ein – in diesem Jahr sind es zwei Afrikaner, ein Palästinenser und eine Jamaikanerin. Nächstes Jahr werden es wieder ganze andere Leute sein.

Welches war Ihr bisher schönstes Weihnachtsfest?

Imfeld: Jedes war und ist auf seine Weise einzigartig. Für mich sind jeweils die Begegnungen essenziell, denn ich habe Heiligabend immer wieder mit anderen Menschen verbracht – das soll auch weiterhin so sein. Ein Weihnachtsfest, welches ich erst in der Retrospektive als gute Anekdote sehe, erlebte ich 1972.

Was war daran so besonders?

Imfeld: Wir waren damals auf Mission in Mali und suchten spätabends eine Unterkunft. Als uns dann endlich ein Zimmer angeboten wurde, erhielten wir dieses nur in der Kombination mit einem überteuerten Essen. Als wir am nächsten Morgen erwachten, mussten wir feststellen, dass wir in einer Besenkammer mitsamt Ratten einquartiert wurden! (lacht) In dem Moment war uns gar nicht zum Lachen zu Mute, doch heute ist es eine gute Geschichte. Ich verstehe die Beweggründe der Afrikaner und hätte an ihrer Stelle vermutlich ähnlich gehandelt.

Wie haben Sie früher Weihnachten im Luzerner Hinterland zelebriert?

Imfeld: Als ich Kind war, tobte der Zweite Weltkrieg. Daher war unser Weihnachten eher karg; Geschenke gab es keine, höchstens eine Tafel Schokolade für uns Kinder, die wir teilen mussten. Den Tannenbaum hatten wir aus dem Wald. Wir gingen damals in Buttisholz in die Kirche an den Gottesdienst. 1947 bin ich dann fort ins Gymnasium. Interessant war dann mein erstes Weihnachtsfest, als ich als Missionar nach Rhodesien (Simbabwe) gereist bin.

Inwiefern?

Imfeld: Damals herrschte eine kleine Regenzeit, und wir hielten Gottesdienste ab, was die Leute dort gar nicht verstehen konnten. Sie konnten somit den religiösen Bezug gar nicht herstellen, und es war für sie lediglich ein Zusammenkommen.

Was hätte man Ihrer Meinung nach denn anders machen sollen?

Imfeld: Ich frage mich oftmals, wieso wir damals nicht auf die Traditionen der Afrikaner eingegangen sind. Für die Afrikaner war ebenfalls das kollektive Treffen wichtig, aber dass dabei die Weihnachtsgeschichte gepredigt wurde, ist dennoch befremdlich. Denn das Weihnachtsfest haben auch wir von einer fremden Kultur, den Germanen, übernommen. Der einzige Hintergrund, den die Rhodesier verstanden, war, dass es Geschenke gibt – meist in Form von Geld. Dafür waren sie auch bereit, sich missionieren zu lassen. Der Glaube war dabei eher sekundär.

Können Sie dieses Verhalten nachvollziehen?

Imfeld: Ja, durchaus. Denn die Einheimischen wollten zur Schule gehen und auch medizinische Versorgung durch Spitäler erhalten. Sie verstanden, dass sie sich unserem Glauben anschliessen mussten, damit sie von uns profitieren konnten. Bei der vorherrschenden Zeit- und Kulturverschiebung war es zudem nicht zu erwarten, dass sie irgendeinen Bezug zu der Weihnachtsgeschichte mitsamt den Bethlehem-Gestalten herstellen konnten – das war alles viel zu weit weg von ihnen.

Die Weihnachtsgeschichte ist uralt, was kann sie uns heute noch geben? Was können wir von ihr konkret für den Alltag mitnehmen?

Imfeld: Wenn wir uns heute Bethlehem anschauen, dann ist es eine der grössten Konfliktregionen der Welt. Noch immer konnte keine Einigung mit dem palästinensischen Volk erreicht werden, dabei sollte endlich mal vermittelt werden, damit dieser Disput geschlichtet werden kann. Am heutigen Tag toben 23 Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent, während wir das Fest des Friedens begehen. Es wäre schön, wenn wir hier ein eigenes Innovationspotenzial an den Tag legen würden und uns selber dazu anstacheln könnten, Grenzen zu überwinden.

Sie sind viel umhergereist in Ihrem Leben. Was können wir im Hinblick auf religiöse Fest-Traditionen von anderen Ländern lernen?

Imfeld: Uns fehlt die Selbstsicherheit, dass jeder Mensch etwas geben kann – und zwar nicht in Form von Geschenken. Zudem sollten wir grundsätzlich aufhören, dem Geld hinterherzujagen. Aber leider ist die kommerzielle Weihnachtswelle aus Amerika längst zu uns herübergeschwappt.

Was bedeutet Besinnlichkeit für Sie?

Imfeld: In sich zu gehen, zu meditieren. Jeder kann und soll eine Art Einzelspiritualität entwickeln und so seine eigenen Akzente setzen. Weihnachten hat heute sowieso nichts mehr mit Religion zu tun, ist also vollkommen säkularisiert. Die meisten Menschen, die heuer in die Kirche gehen, tun dies aus Heuchelei. Wenn man Kinder hat, dann verstehe ich es noch einigermassen, dass man ihnen diese Welt nicht vorenthalten will.

Wie erklären Sie den Widerspruch, dass Weihnachten für die meisten das kirchliche Fest schlechthin ist, während für die katholische Kirche Ostern eigentlich das bedeutendere Fest darstellt?

Imfeld: Alleine dieser Umstand zeigt auf, dass Weihnachten völlig von der Kirche losgelöst und somit ein verkommenes Konsumfest ist. Daher ist diesem Feiertag ebenfalls jegliche Spiritualität abhanden gekommen.

Vielen Menschen gehts beim Weihnachtsfest auch darum, Familie und Verwandte wieder zu sehen und ein schönes Essen zu geniessen. Ist das falsch?

Imfeld: Nein, nein, im Gegenteil! Ich begrüsse das sehr! Allerdings ist mit so einem Ritual nicht mehr Weihnachten, also die Geburt von Jesus gemeint, sondern halt ein Familienessen. Man könnte diesen Gedanken noch weiterspinnen und sich fragen, ob wir den Christbaum, der ebenfalls einem fremden, skandinavischen Brauch entspringt, noch brauchen.

Adventszeit ist jeweils auch Spendenzeit. Ist dieser Appell ans Gewissen noch verhältnismässig?

Imfeld: Der gesamte vorweihnächtliche Spendenprozess hat sich völlig kommerzialisiert: Seit dem ersten Advent erhielt ich insgesamt 103 Bettelbriefe .. so etwas ist doch wirtschaftlich gesehen ein Verschleiss! Zudem bin ich der Meinung, dass es zu viele Hilfswerke gibt. Denn den Menschen ist nicht geholfen, wenn sich in einem Slum Organisation an Organisation reiht – aber niemand zu richtiger Kooperation bereit ist.

Sie spenden also nie?

Imfeld: Nein, zumindest nicht monetär. Ich berate allerdings Nichtregierungsorganisationen und Hilfswerke kostenlos. Jede zweite Woche halte ich eine Beratung ab. Dabei muss ich öfters die Erfahrung machen, dass gewisse Menschen zwar Gutes tun wollen, dies aber auf naive Art und Weise. Dass der Ehrfurcht und Respekt für die Einheimischen fehlt, daran sind die meisten Hilfswerke nicht unschuldig.

Wie würden Sie sich wünschen, dass sich Weihnachten im Laufe der Zeit entwickeln wird?

Imfeld: Wir sollten versuchen, die Geschenke und Nettigkeiten auf das ge­samte Jahr hinüber zu verteilen, sodass Weihnachten entlastet wird. So sollten Geburtstage und von mir aus ebenfalls Namenstage mehr gefeiert werden. Zudem ist es auch wichtig, dass man öfters zusammenkommt – auch für ein Essen. Des Weiteren mache ich immer wieder die Erfahrung, dass sich Menschen fremder Kulturen über die Weihnachtstage einsam fühlen – weil sie keinen Bezug zu diesem Tamtam finden. Solche aus ihrer Isolation zu holen, versuche ich jedes Jahr aufs Neue.

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