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WELT-TUBERKULOSE-TAG: In Afrika retten Ratten Leben

In Europa gelten Ratten bis heute als Überträger von Krankheiten. Anders als in einigen Ländern Afrikas, wo die Tiere jetzt im Kampf gegen Seuchen helfen. Fehldiagnosen sollen bald Geschichte sein.
Markus Schönherr, Kapstadt
72 Prozent der Tiere für die Versuche in den Laboren sind Mäuse oder Ratten. (Bild: Robert F. Bukaty/AP)

72 Prozent der Tiere für die Versuche in den Laboren sind Mäuse oder Ratten. (Bild: Robert F. Bukaty/AP)

Markus Schönherr, Kapstadt

Die Ratte läuft durch den Glaskasten. Sie steckt die Nase in das Loch im Boden, in dem sie Bakterien vermutet. Vier Sekunden lang verharrt sie regungslos. Dann wird sie vom weissen Latexhandschuh mit einem Banane-Nuss-Brei belohnt. Die Szene wirkt kalt. Wie ein Tierversuch. Tatsächlich werden hier im abge­legenen Morogoro, westlich der tansanischen Hafenstadt Dar es Salaam, Leben gerettet.

Die Ratten gehören zu der Elite von «Hero Rats». Dutzende Riesen­hamsterratten hat die Organisation Apopo bereits ausgebildet. Mit ihrem exzellenten Riecher haben die Tiere von der Grösse einer Katze bereits grosses Geschick beim Aufspüren von Landminen bewiesen. Jetzt erschnüffeln die Ratten in afrikanischen Metropolen wie Mosambiks Hauptstadt Maputo oder der tan­sa­nischen Wirtschaftsmetropole Dar es Salaam auch Tuberkulose (TB). Allein im Forschungs- und Trainingszentrum Morogoro bearbeiten die Ratten jede Woche bis zu 800 Speichelproben aus ­öffentlichen Spitälern.

«Wir konnten es nicht glauben»

William Magaga ist Kuhmelker. Der Tansanier hat acht Kinder, daneben muss er sich um seinen Vater kümmern. Als sein Keuchhusten zusehends schlimmer wurde, geriet die Existenz der ­Familie in Gefahr. «Dreimal suchte ich eine Klinik auf, aber erhielt immer eine negative TB-Diagnose. Dann wurde ich dünn, krank und machte mir ernsthaft Sorgen.» Eines Tages erhielt Magaga einen nicht alltäglichen Anruf: Ratten hätten bei ihm Tuberkulose festgestellt. «Ratten! Wir konnten es nicht glauben», rief der Familienvater. Heute ist er überzeugt, dass er ohne die Helden von Apopo tot wäre.

«In allen afrikanischen Grossstädten sind die Standard-Mikroskopuntersuchungen verfügbar. Doch die haben nur eine Ge­nauigkeit von 20 bis 60 Prozent», sagt James Pursey, Sprecher von Apopo in Morogoro. Rund die Hälfte der TB-Patienten erhalte dadurch eine Fehldiagnose und wähne sich in falscher Sicherheit. Aufgabe der Ratten ist es, diese Fehldiagnosen aufzuar­beiten.

14 Partnerkliniken in Mosambik und 57 in Tansania schicken ihre Speichelproben an Apopos Testzentren. Können die Ratten trotz der negativen TB-Diagnose Tuberkulose-Bakterien erschnüffeln, schlagen sie Alarm. «Die Ratten sind mit ihren Nasen akkurater als die Mikroskope, aber noch wichtiger: Sie sind schneller», weiss Pursey. In 20 Minuten schaffen die Ratten etwa 100 Proben. Der menschliche Kollege im Labor bräuchte dafür zwei Tage.

Sobald die Ratten Tuberkulose gewittert haben, geht der Pa­tientenspeichel noch einmal ins Labor. Dort untersuchen die Mediziner die Probe mit einer aufwendigen Technik ein weiteres Mal unter dem Mikroskop. In 75 Prozent der Fälle haben die Ratten recht.

Tansania und Mosambik – die südostafrikanischen Staaten zählen laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den 22 am stärksten betroffenen Tuberkulose-Ländern der Welt. In ­Mosambik wurde die Lungenkrankheit 2006 zum nationalen Notstand erklärt. Stationiert sind die Ratten nicht umsonst in Grossstädten. Dort ist die Verbreitung von Tuberkulose vor allem unter der arbeitenden Armuts­bevölkerung am grössten. Aktuell entsteht in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, Apopos viertes Rattenlabor.

In den letzten Jahren konnten die Ratten von Apopo eine halbe Million Proben beschnüffeln – und knapp 12'000 falsch diagnostizierte Patienten retten. Laut James Pursey dienten sie in der Diagnose der oft tödlichen Krankheit bisher nur als Back-up.

Doch in Morogoro forschen die Techniker daran, die Ratten demnächst für Ersttests einsetzen zu können. Kritik am Einsatz der Ratten weist Pursey zurück: «Sobald die aktiven Proben im Labor ankommen, töten wir sie durch Hitze ab.» So werde die Sicherheit der Forscher und Ratten gewährleistet.

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