WELTLICH: Die Frau für besondere Momente

Nicole Hermann gestaltet konfessionslose Hochzeits- und Beerdigungs­zeremonien. Hier spricht die Nidwaldnerin über höhere Mächte, symbolhafte Vereinigungsgesten und nicht gemachte Neujahrsvorsätze.

Interview Annette Wirthlin
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Zwischen See und hohen Bergen: So idyllisch lebt Nicole Hermann in Buochs NW. (Bilder Corinne Glanzmann)

Zwischen See und hohen Bergen: So idyllisch lebt Nicole Hermann in Buochs NW. (Bilder Corinne Glanzmann)

Nächste Woche startet in Luzern die Hochzeitsmesse, zu der rund 3000 Besucher erwartet werden. Wird das Heiraten immer populärer – oder nur etwas, das sich besser vermarkten lässt?

Nicole Hermann: Das Heiraten an sich ist nicht populärer als auch schon. Die Möglichkeiten sind aber sicher vielfältiger geworden. Deshalb ist es für Brautpaare interessanter geworden, sich an einer Hochzeitsmesse zu informieren. Früher kannte man ein paar immer gleiche Brautgeschäfte, Kirchen und Restaurants.

Voraussichtlich werden sich auch dieses Jahr an die 42 000 Paare trauen lassen. Scheinbar werden es aber immer weniger, die in der Kirche heiraten möchten. Wieso?

Hermann: Ich las kürzlich, dass jeder Siebte im Kanton Luzern aus der Kirche ausgetreten ist. Mehr und mehr Menschen können sich keine kirchliche Hochzeit mehr vorstellen. Manche können gar nicht kirchlich heiraten, weil sie geschieden sind, weil sie eine gleichgeschlechtliche Verbindung eingehen oder weil die beiden Partner unterschiedliche Konfessionen haben. Manche wollen ihre Hochzeit auch einfach vielfältiger und individueller fei- ern – religiöse Predigten sind für viele zu wenig emotional.

Daraus haben Sie eine Dienstleistung gemacht: Sie gestalten Zeremonien mit Herz, aber quasi ohne Gott. Kann das in der katholischen Zentralschweiz überhaupt funktionieren?

Hermann: Es sieht ganz danach aus! Wir sind in den letzten Jahren viel offener geworden. Dies auch durch die vielen Zuzüger, die vielleicht nicht in der Kirche heiraten möchten, aber «nur» das Standesamt dann doch zu wenig finden.

Sind Sie eine vom Glauben abgekommene Pfarrerin, oder woher nehmen Sie das Rüstzeug für Ihre Zeremonien?

Hermann: Pfarrerin bin und war ich nie, und den Glauben habe ich auch nicht verloren. Ich glaube durchaus an eine höhere Macht. Ich habe einfach gemerkt, dass es für solche Feiern genau meine Lieblingstätigkeiten und Fähigkeiten braucht. Ich habe Interesse an den Menschen und ihrem Leben. Ich bin kreativ, präsentiere gerne und bin eine gute Kommunikatorin. Es fällt mir leicht, die Liebesgeschichte von zwei Menschen oder halt auch den Lebenslauf eines Verstorbenen auf Papier zu bringen.

Früher brachten Sie als Inhaberin eines Kopierzentrums vor allem Glückwünsche auf Kärtchen ...

Hermann: Ja, mein damaliges Geschäft war spezialisiert auf Geburts-, Hochzeits- und Todesanzeigen. Aber oft wussten die Leute nicht, was sie schreiben sollten. Ich gab ihnen immer riesig gerne Formulierungstipps, und dabei kamen wir ins Gespräch, etwa über den Hochzeitsort, das Fest selber, den Apéro etc. Wenn ich gefragt wurde, wie ich denn dies oder jenes organisieren würde, gab ich Ratschläge. Und so entstanden manchmal ganz herzige Beziehungen. Es gibt Familien, für die ich alles, vom Hochzeitskärtchen bis zur Geburtsanzeige des vierten Kindes, gestalten durfte.

Aber man kann ja auch einfach die beste Freundin engagieren, um am Fest ein paar bedeutungsvolle Worte zu sprechen?

Hermann: Klar, das kann man. Aber man lädt der besten Freundin eine Bürde auf, wenn man berücksichtigt, wie viel Aufwand so eine in sich stimmige Zeremonie bedeutet – ich rechne mit allem Drum und Dran mit mindestens 16 Stunden Arbeit. Ich schaue selbstverständlich, dass ich die beste Freundin oder den Trauzeugen auch in den Ablauf mit einbaue, wenn sie etwas sagen können und wollen. Vor Publikum zu reden, ist ja bei weitem nicht jedermanns Sache. Gerade kürzlich sagte ein Mann, der beruflich nicht etwa ein unbeschriebenes Blatt war, zu mir: «Wie du das einfach kannst, so vor die Menschen hinstehen ...!» Es sind lustigerweise übrigens zu 99 Prozent die Frauen, die bei der Hochzeitsplanung am Anfang die aktivere Rolle einnehmen.

Wieso «am Anfang»?

Hermann: Sie sind es, die zuerst Kontakt mit mir aufnehmen. Oft heisst es dann: «Wissen Sie, mein Mann steht nicht so gerne im Mittelpunkt.» Wer dann aber im Laufe des Gesprächs so richtig aufblüht, das sind Männer. Einer kam kürzlich so richtig ins Referieren und lud in seiner Euphorie gleich auch noch meinen Mann mit an den Apéro ein.

Ich stelle es mir nicht leicht vor, den Stil eines Paares zu treffen.

Hermann: Man merkt schon an dem Ort, den die Brautpaare aussuchen, relativ schnell, in welche Richtung es gehen könnte. Ein Paar, das auf einer Alp in Niederrickenbach heiratet, hat ganz andere Erwartungen als eines, das sich das Parkhotel Vitznau ausgesucht hat. Auch der Stil der Hochzeitseinladung – oder die Hobbys der beiden – lässt ganz viele Aufschlüsse darüber zu, was für eine Zeremonie dem Paar zusagen könnte.

Die Hobbys, wieso?

Hermann: Mit zwei Bergsteigern oder Seglern könnten wir zum Beispiel auf die Idee kommen, aus drei Seilen eine Art Ritual zu gestalten, indem sie verknotet werden. Die Seile als Symbole für Mann, Frau und die Liebe zwischen ihnen. Andere sind vielleicht begeisterte Hobbyköche und entscheiden sich dafür, gemeinsam eine Gewürzmischung herzustellen, die ihrem Zusammenleben die richtige Würze gibt. Andere lassen ihre Eheringe, auf einem langen Band aufgefädelt, von einem Gast zum nächsten weitergeben, sodass ihnen jeder seine guten Wünsche «einflüstern» kann.

Braucht es diese Rituale?

Hermann: Zwingend ist nichts. Ich mag das Wort Ritual ohnehin nicht sehr. Es sind einfach Vereinigungsgesten, Zeichen der Zusammengehörigkeit. Ein Versuch, eine gewisse Bildhaftigkeit zu schaffen, die in Erinnerung bleibt, und die religiösen Symbole durch weltliche zu ersetzen. Natürlich könnte man das Gleiche auch mit einer Geschichte ausdrücken.

Ich habe mal von einem Paar gehört, das Golfbälle von einem Berg abschlug, anstatt Ringe auszutauschen ...

Hermann: Solche Dinge habe ich auch schon gehört. Etwa, dass man das Paar ein Holzmöbel mit Farbe bestreichen und danach zertrümmern lässt. Aber so aussergewöhnliche Wünsche scheine ich nicht anzuziehen. Die meisten haben nicht so fixe Vorstellungen. Ausser dass es unter freiem Himmel sein soll. Das wollen ganz viele.

Wieso wohl?

Hermann: Ja, wieso eigentlich? Wir selber haben im letzten Sommer auch unter freiem Himmel geheiratet. Vermutlich weil dies noch mehr das Gefühl von Individualität verleiht? Man hat dann eine grössere Gestaltungsfreiheit als in einem Raum. Und man kann sich einen bedeutsamen Ort aussuchen – etwa, wo man sich zum ersten Mal geküsst hat.

Haben Sie Ihre eigene Hochzeit gleich selbst gemanagt? Da lief sicher alles perfekt.

Hermann: Ja, für uns war es sehr stimmig. Mein Mann und ich sind vom Naturell her beide Organisationstalente. Wir haben sehr viele Stunden investiert. Eine Freundin sagte mir nachher: «Hochzeiten à la Rosamunde Pilcher sind ein Dreck gegen die Gestaltung eures Eheversprechens.» (lacht) Mir war es beispielsweise wichtig, dass wir ein Sujet – ein Rosenblatt in Herzform – hatten, das sich durch alles hindurchzog: von der Einladung über die Tischkärtchen, die Namensschilder, ein Taschentuchtäschchen und die Speisekarte bis zum Dankeskärtchen.

Und die zwei Organisationstalente bekamen nie Streit?

Hermann: Nein, gar nicht. Wir funktionieren auch im Alltag recht harmonisch zusammen. Auch bei der Einrichtung der Wohnung gabs nie Streit, denn lustigerweise hatten wir, schon als wir uns vor acht Jahren kennen lernten, einige identische Einrichtungsgegenstände, etwa ein Sideboard oder die gleiche Bettwäsche. (lacht)

Sie erwähnten vorhin die Romanzen-Schriftstellerin Rosamunde Pilcher. Und «Frauenromane» nennen Sie als Ihr Hobby. Schwelgen Sie gerne in den romantischen Geschichten der anderen?

Hermann: Ich würde nicht sagen schwelgen. Für mich sind die Geschichten einfach ein perfekter Ausgleich zu meiner Arbeit, ich kann dabei gut abschalten. Als verspielt-romantisch würde ich mich nicht bezeichnen, aber ich gestalte mein Umfeld schon gerne schön, das ja.

Auf Ihrer Website steht, Sie lieben Seifenblasen und Schmetterlinge. Das müssen Sie erklären.

Hermann: Schmetterlinge finde ich einerseits sehr schöne Tiere, andererseits gefällt mir ihre Symbolik der Verwandlung, ihre Leichtigkeit, aber auch ihre Verletzlichkeit. Genau so ist es bei den Seifenblasen – etwas Wunderschönes zum Ansehen.

Sie kochen und backen auch gerne. Dann bewirten Sie zu Hause sicher auch gerne grosse Gästegesell­schaften.

Hermann: Ich habe gerne Gäste. Aber grosse Gesellschaften bekochen, das dann doch wieder lieber nicht.

Ist es eine Katastrophe, wenn Ihnen beim Kochen mal etwas misslingt?

Hermann: Nein. Wenn möglich, versuche ich es dann irgendwie zu retten, so wie an Weihnachten eine viel zu stark eingedickte Bananensuppe. An meinen Zeremonien versuche ich Zwischenfälle natürlich zu vermeiden.

Wenn es bei einem Hochzeitspaar nicht klappen sollte, kann es dann bei Ihnen gleich die Scheidungszeremonie buchen?

Hermann: Tja ... da warten wir besser mal noch. (lacht) Ich möchte es lieber in den anderen Fällen gut machen und mich darauf konzentrieren.

... damit die Scheidungen gar nicht erst nötig werden?

Hermann: Ich glaube, dazu kann ich nicht viel beitragen.

Aber die Ehe nach Jahren erneuern, das kann man bei Ihnen, oder?

Hermann: Ja. Wer damals nur standesamtlich geheiratet hat, weil die Frau beispielsweise schwanger war, kann so nach Jahren die feierliche Zeremonie nachholen.

Neben Hochzeiten und Taufen gestalten Sie auch Beerdigungen. Was machen Sie davon eigentlich am liebsten?

Hermann: Beerdigungen sind keine fröhlichen Momente, das ist klar, aber sie sind vielleicht das Dankbarste von allem. Bei Abdankungsfeiern merkt man am allermeisten, wie froh die Menschen sind, wenn man ihnen das abnimmt. Aber ich könnte nicht sagen, welche Zeremonien ich am liebsten mache. Das Spannende ist die Abwechslung.

Fragen Sie vorher nach dunklen ­Familiengeheimnissen, damit Sie nicht in Fettnäpfchen treten?

Hermann: Ich frage beim Vorbereitungsgespräch immer nach, ob es irgendetwas gibt, das ich noch wissen sollte, um das zu vermeiden. Da wird immer viel Vertrauliches geredet, das nachher nicht direkt in die Zeremonie mit einfliesst.

Gibt es nicht an jeder Feier auch Gäste, die Mühe haben mit einer freien Zeremonie, da das Ganze ohne «Gottes Segen» stattfindet?

Hermann: In der Regel werden diese Dinge vorab in der Familie diskutiert. Vielleicht sagt das Grossmami dann mal, sie komme nicht – aber am Schluss kommt sie dann meist doch und ist positiv überrascht. Es sind ja in diesem Sinne auch keine Eheversprechen, sondern Liebesversprechen. Das «Segnen» passiert indirekt durch die guten Wünsche, die von mir oder von den Gästen kommen.

Wird so eine freie Zeremonie auch wirklich ernst genommen?

Hermann: Ja, durchaus. Massgebend ist ja sowieso nicht der Pfarrer, sondern das Jawort auf dem Standesamt. Und dieses kann eine konfessionslose Zeremonie auch nicht ersetzen. Eine Trauung durch mich hat keinen rechtlichen Charakter.

Was kostet so eine Zeremonie bei Ihnen?

Hermann: Für eine Hochzeit muss man mit etwa 1600 bis 2000 Franken rechnen. Eine Abdankung kostet etwa 800 bis 1200 Franken.

Da Sie gut im Planen sind: Haben Sie Pläne/Vorsätze fürs 2016?

Hermann: Vorsätze mache ich nie aufs neue Jahr! Wenn ich etwas Neues umsetzen will, ist bei mir jeder Moment der richtige Moment. Und wenn ich davon begeistert bin, kann ich sehr viel Enthusiasmus an den Tag legen. Pläne habe ich allerdings gerade konkrete: Wir gehen demnächst in die Ferien, auf unsere fünfte Kreuzfahrt.

Was gefällt Ihnen so gut an Kreuzfahrten?

Hermann: Das Schöne daran ist, man muss keine Koffer packen, kommt immer vorwärts und bekommt sehr viel zu sehen.

Interview Annette Wirthlin

Menschen verbinden

Zur Person wia. Nicole Hermann (45) wuchs in Stansstad NW auf und lernte zuerst Schriftsetzerin. 12 Jahre lang führte sie ihr eigenes Druck- und Kopiercenter mit Papeterie. Später bildete sie sich zur PR-Fachfrau weiter und schloss einen Masterlehrgang in Kommunikation ab. Bei verschiedenen Firmen war sie dann in Marketing und Kommunikation tätig, bis sie sich vor rund anderthalb Jahren wieder teil-selbstständig machte und nun unter «Zeremonien mit Herz» (www.zeremonienmitherz.ch) als Zeremoniengestalterin nicht-kirchliche Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gestaltet. Mit ihrem zweiten Mann wohnt Nicole Hermann in Buochs NW.

Hinweis

Mehr zum Thema Heiraten erfahren Sie an der Hochzeitsmesse hochzig.ch mit 84 Ausstellern vom 15. bis 17. Januar auf der Luzerner Allmend. Eintrittspreise: 16 Fr. (Erwachsene), 10 Fr. (Jugendliche).

«Das Spannendste ist die Abwechslung.» (Bilder Corinne Glanzmann / Neue NZ)

«Das Spannendste ist die Abwechslung.» (Bilder Corinne Glanzmann / Neue NZ)