Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WELTRAUM: Auf den Mars - für immer?

2023 sollen vier Menschen zum Mars, für immer. Unter den Bewerbern ist Nikolaus Wyss (64), Ex-Rektor der Hochschule für Gestaltung Luzern. Eine Bewerbung mit Augenzwinkern, die durchaus ernst gemeint ist, findet er.
Interview Robert Bossart
Etwa so wie dieses Modul der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) aus dem Verkehrshaus Luzern, das Teil der Internationalen Raumstation (ISS) ist, könnte das Zuhause für Nikolaus Wyss auf dem Mars aussehen. (Bild Dominik Wunderli)

Etwa so wie dieses Modul der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) aus dem Verkehrshaus Luzern, das Teil der Internationalen Raumstation (ISS) ist, könnte das Zuhause für Nikolaus Wyss auf dem Mars aussehen. (Bild Dominik Wunderli)

Sie wollen tatsächlich auf den Mars und nie mehr zurückkehren?

Nikolaus Wyss: Ich sage es so: Wenn man älter wird, gibt es immer mehr Türen, die hinter einem zugeschlagen werden. Da wird plötzlich alles zum «one-way-ticket». Auch wenn man ins Altersheim zieht, löst man eine einfache Fahrt und nicht retour. Die Vorstellung, an so einer Mission teilzunehmen, bei welcher nicht nur hinter einem Türen zugehen, sondern sich auch vor einem neue Türen öffnen, fasziniert mich, ist attraktiv und kann für einen Moment das Gefühl vermitteln, beim Alterungsprozess etwas abzubremsen.

Echt?

Wyss: Warum nicht? Ich hatte auf alle Fälle Spass, mich zu bewerben.

Das Unternehmen «Mars-one» will die Reise zum Mars als Reality-TV-Show vermarkten ...

Wyss: Das ist typischer Business-Plan des 21. Jahrhunderts: Aufmerksamkeit generiert Geld und finanziert so dieses Vorhaben. Da weiss man wenigstens, wie die Geldflüsse laufen müssen, nämlich über die Einschaltquoten.

Die Vorstellung, dass Ihr Schicksal da oben in alle irdischen Stuben übertragen wird – gefällt Ihnen das?

Wyss: Momentan ist das Interesse an meiner Person noch überblickbar. Weiteres wird sich ergeben. Das Interessante an diesem Vorhaben ist doch gerade, dass man sich in einer derart exponierten und von Abermillionen beobachteten Situation etwas heldenhafter geben kann, als man eigentlich wäre.

Sie waren 11 Jahre Rektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern, sind Volkskundler, Journalist. So einer will auf den Mars?

Wyss: Ich bin gar nicht der erste Hochschul-Rektor von Luzern, der sich zu einer Mars-Mission angemeldet hat. Es gibt einen nicht genannt sein wollenden Kollegen, der bereits in den 90er-Jahren versucht hat, sich an einer früheren Mars-Mission zu beteiligen, die dann allerdings im irdischen Sand verlaufen ist. Vielleicht ist dieses Streben, den Kosmos zu erobern, ein Zeichen der Sehnsucht, sich dem Kleindenken der Zentralschweiz zu entziehen. Ich habe insbesondere diese Politik-Spiele und Verwaltungswut in der Zentralschweiz in eher ätzender Erinnerung.

Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Sie sind heute Pensionär und freier Autor. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Wyss: Ich habe ein paar kleinere Beratungsmandate, mache Theaterarbeit, schreibe ein Mars-Tagebuch, das als Blog online ist – und ich habe einen Quartierverein gegründet.

Wie ernst ist eigentlich das Unterfangen von «Mars-one»?

Wyss: Vom Business-Ansatz her ist das Vorhaben wohl sehr ernst zu nehmen. Ob es gelingt? Es gibt viele Einwände, die Strahlung etwa, der man auf dem Mars ausgesetzt wäre. Ich habe auch ethische Einwände.

Welche?

Wyss: So wie das Universum nicht gerade, sondern gekrümmt ist, so gibt es auch eine gekrümmte Ethik. Die ethische Frage ist nicht, ob jemand auf den Mars fliegen darf, um dort oben zu sterben. Die Frage ist eher, wie alt er dafür sein sollte.

Wie meinen Sie das?

Wyss: Wenn einer sich mit 20 entschliesst, auf den Mars zu fliegen, ist das ähnlich, wie jemand, der sich in diesem Alter Tattoos machen lässt: In den meisten Fällen bereut er das nach zehn Jahren und will sie weghaben. Unter Schmerzen wird ihm dann dieser jugendliche Übermut aus den Armen rausgelasert. Das geht aber mit einem «one-way-ticket» zum Mars nicht.

Sie wären beim Start 74 Jahre alt ...

Wyss: Das fände ich wesentlich ethischer, einen solch alten Klaus raufzuschicken, auch wenn ich gerne noch ein paar junge Leute um mich herum hätte (lacht).

Würden Sie tatsächlich gehen?

Wyss: Ich werde sicher, sofern ich überhaupt die erste Selektion schaffe, gegen die anderen verbliebenen Bewerber antreten. Aber ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach schon in der ersten Runde rausfaulen. Ich bin fürs grosse Fernsehpublikum nicht mehrheitsfähig.

Warum?

Wyss: Ich lache über Witze, die andere nicht lustig finden. Zudem bin ich ironisch, wenn ich ernst sein müsste.

Wie halten Sie es mit Science Fiction?

Wyss: Da habe ich gar keinen Bezug dazu, ich weiss nicht mal, wie Mister Spog aussieht.

Mister Spock.

Wyss: Danke. Auch all diese Weltraumfantasien lassen mich kalt. Hingegen interessieren mich die schier unvorstellbaren Grössenverhältnisse des Weltraums mit seinen Milliarden von Galaxien, über deren Entstehung sich trefflich nachdenken lässt. Und das andere ist: Vieles fällt einem leichter, wenn man es aus einer gewissen Distanz vom Mars her betrachtet.

Nehmen Ihre Angehörigen Sie ernst mit Ihrer Mars-Sache?

Wyss: Die wissen, dass ich gerne Sachen mit einem Augenzwinkern mache. Aber machen tue ich sie trotzdem. Sie wissen also nicht genau, ob sie mich ernst nehmen sollen.

Wie haben Sie es eigentlich mit Luzern? Sie haben ja eine bekannte Mutter, Laure Wyss, die hier als eine der ersten Journalistinnen in den Fünfzigerjahren beim «Luzerner Tagblatt» tätig war.

Wyss: Als Knirps durfte ich sie zuweilen nach Luzern begleiten und lernte so das Metier des Zeitungsmachens. 40 Jahre später, als ich mein Amt als Rektor antrat, kam mir Luzern in gewissen Teilen vertraut vor, vor allem sprachlich. Übernommen habe ich allerdings nur die Formulierung «Ludo!». Heute verbinden mich mit Luzern noch ein paar Freunde und der Tee, den ich dort einkaufe. Sonst aber hat in meinen Wahrnehmungen wieder Zürich Oberhand gewonnen. Das hat mich übrigens extrem gestört während meiner Zeit als Rektor: Wir machten tadellose Arbeit und waren in gewissen Bereichen die besten in der ganzen Schweiz – aber in Zürich hat uns niemand beachtet.

Es gibt ja auch den Minderwertigkeitskomplex gegenüber Zürich.

Wyss: Jeder Ort in der Schweiz hat sein spezifisches Ranking. Aus der Optik von Zürich ist Luzern ähnlich wie Chur, St. Gallen oder Olten. Luzerner hingegen möchten sich nur mit Zürich messen lassen. Dabei überragt ja Luzern Zürich bei weitem und ist in China, Indien oder Japan besser verankert als jede andere Schweizer Destination. Schade, dass das die Politik nicht erkennt.

Die Touristen als Promoter für Luzern?

Wyss: Sicher doch. Man könnte den Tourismus als Kielwasser begreifen, in dessen Gefolge die Universität und die Fachhochschulen sich weltweit so positionieren könnten wie keine anderen Institutionen der Schweiz. Man kappt eigentlich die grössten Chancen, wenn man sich im Bildungssektor immer noch als Lokal- bzw. Regionalversorger versteht, statt sich als Global Player zu positionieren. Auf dieser grossen Bugwelle des Tourismus, da liegt so viel Energie drin.

Luzern müsste grösser denken?

Wyss: Viel, viel grösser. Luzern hat ein Potenzial wie keine andere Stadt in der Schweiz.

Was macht Sie glücklich?

Wyss: (überlegt) Das unerwartete Glück. Wenn ich das Glück anstrebe, trifft es ja meistens nicht ein. Aber in einer nicht vorgesehenen Begegnung, in einer überraschenden Einsicht, kann ein Glücksmoment aufscheinen. Vertrauen in den glücklichen Zufall und nicht mehr Angst zu haben – das macht mich glücklich.

Sie haben Angst?

Wyss: Ja natürlich. Ich hatte Angst bei der Bewältigung der Aufgabe, eine Hochschule zu leiten, ich habe Angst, auf den Mars zu gehen zum Beispiel. Aber ich glaube, die tägliche Auseinandersetzung mit dem, was einem Angst macht, trägt zum Angstabbau bei und birgt die Überraschungen, die damit verbunden sind – das kann glücklich machen.

Wie wichtig sind Ihnen Beziehungen?

Wyss: Ich hätte gerne Familie mit Kindern gehabt, aber das Schicksal wollte nicht.

Eine ehrliche Antwort.

Wyss: Warum auch nicht?

Viele sagen, dass sie nie Kinder haben wollten.

Wyss: Ich behaupte, dass fast jeder irgendwann einen Wunsch nach Kindern verspürt hat, nach Reproduktion und der Sehnsucht nach einem gemütlichen Familienleben, besonders bei zunehmendem Alter. Jeder, der über 60 ist, sagt doch, und das klingt in meinen Ohren immer noch wie ein Vorwurf: Das Beste seien die eigenen Enkelkinder.

Haben Sie das Gefühl, etwas verpasst zu haben?

Wyss: Natürlich gibt es Verpasstes, bei jedem. Anstatt aber ständig mit einer «offenen Wunde» rumzulaufen und Verpasstes zu beklagen, gestalte ich mit zunehmendem Alter mein Glücks-Management so, dass glückliche Momente ebenso zahlreich eintreffen wie bei anderen der Besuch glücklich machender Enkelkinder. Heute kann ich wie weiland meine Grossmutter sagen: Dass ich das noch erleben darf!

Darum die Mars-Idee?

Wyss: Genau.

Apropos Mars: Dort oben werden Sie mit ziemlich karger Kost vorliebnehmen müssen. Sind Sie eh kein Geniesser?

Wyss: Doch, doch. Ich kann mit dem, was der halb leere Kühlschrank zufällig hergibt, ein tolles, innovatives und schmackhaftes Essen zubereiten. Ich bin ein leidenschaftlicher Restenverwerter. Bloss keine Menüplanung Tage im Voraus!

Auf was könnten Sie am wenigsten verzichten, wenn Sie für den Mars packen würden?

Wyss: Wahrscheinlich wären es Zwiebeln. Ein Universalgemüse.

Und Menschen werden Sie auch vermissen?

Wyss: Was für eine Frage. Natürlich! Ich fange vor Abschiedsschmerz schon jetzt an zu weinen. Viele meiner Liebsten jedoch werden bis dahin schon selber tot sein. Das passiert bei zunehmendem Alter ganz natürlich. Was mir aber noch mehr Kummer bereiten könnte, ist, dass ich mit den Menschen, die mit mir mitfliegen, nicht auskomme.

Wie sind denn Sie? Umgänglich und damit «raketentauglich»?

Wyss: Ich halte mich natürlich für jemanden, der mit hervorragenden sozialen Kompetenzen ausgestattet ist, und ich wäre damit sozusagen der Star im Raumschiff (lacht). Ich bin entsprechend irritiert, wenn mich jemand trotzdem unerträglich findet.

Ach ja?

Wyss: Ja, das kommt in meinem Selbstbild nicht vor. Ich weiss nicht, wie diese Leute auf solche Einschätzungen kommen können (lacht).

Was werden Ihre letzten Worte sein, wenn Sie abfliegen?

Wyss: Ich werde diese berühmten Worte, wenn ich sie denn sagen müsste, bestimmt grad in diesem Moment nicht zur Verfügung haben, weil mich die Gefühle übermannen werden. Ich überlasse den Legenden machenden Spruch lieber einem cooleren Crew-Mitglied. Vielleicht kommt mir dafür in den Sinn: Jesses, ich habe vergessen, zu Hause das Fenster im Badezimmer zu schliessen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.