WELTUMRUNDUNG: «Nur noch 40'000 Kilometer»

80 000 Kilometer hat er hinter sich, 40 000 noch vor sich: Der Luzerner Markus Greter sass schon viereinhalb Jahre auf dem Velo – genug hat er noch lange nicht.

Robert Bossart
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«Mich zieht es mehr an die schwierigen Orte, wo man eigentlich nicht Velo fahren kann»: Markus Greter in Bolivien auf dem Salar de Uyuni – einem riesigen, pickelharten Salzsee. (Bild: PD)

«Mich zieht es mehr an die schwierigen Orte, wo man eigentlich nicht Velo fahren kann»: Markus Greter in Bolivien auf dem Salar de Uyuni – einem riesigen, pickelharten Salzsee. (Bild: PD)

Seit über 20 Jahren fahren Sie jedes Jahr drei Monate lang irgendwo auf der Welt Velo. Was war das verrückteste Erlebnis bisher?

Markus Greter: Auf der letzten Reise bin ich eines Morgens im Zelt aufgewacht, und da stand ein riesiger Elefant vor mir.

Hatten Sie Angst?

Greter: Nein, ich war fasziniert, er hatte riesige Stosszähne. Das war in Thailand. Es gab auch viele schräge Geschichten auf der menschlichen Ebene. In China wurde mir einmal beim Fotografieren mein Portemonnaie gestohlen. Ich war unvorsichtig gewesen und hatte die Lenkertasche offen gelassen. Ich fragte die Leute um mich herum, wer mir mein Geld geklaut habe. Keine Antwort, also fuhr ich weiter. Nach einer halben Stunde kamen zwei Männer auf einem Töff angefahren und brachten mir den mutmasslichen Täter – ein Kind. Sie wollten, dass ich es öffentlich bestrafe und verprügle.

Haben Sie das Kind geschlagen?

Greter: Nein. Obwohl ich diese Form der sozialen Kontrolle an sich nicht schlecht finde – aber ein Kind schlagen geht mir gegen den Strich. Ich habe es auf Schweizerdeutsch beschimpft, was es sicher genau verstanden hat. (lacht)

Sie waren in über 50 Ländern meist allein unterwegs. Wie gefährlich ist das?

Greter: Wirklich gefährlich ist es sehr selten, man überschätzt das. Wenn man Zeitung liest, hat man das Gefühl, das Übel der Welt beginne westlich von Paris und östlich von Wien. Aber so ist es nicht. Klar, ein Restrisiko hat man immer, aber das habe ich auch hier in der Schweiz. Man kann das Risiko selber relativ stark beeinflussen.

Wie denn?

Greter: Indem man sich gut vorbereitet und sich an gewisse Verhaltensregeln hält. Und schliesslich ist ein gesunder Menschenverstand wichtig. So ist es zum Beispiel nicht ratsam, nachts um drei durch einen Vorort von Dakar zu spazieren mit der Brieftasche in der Hand und dem Goldschmuck am Hals. Aber es ist schon erstaunlich: In all den Jahren, in denen ich nun schon unterwegs bin, gab es extrem wenig Probleme. Einmal wurde das Velo, einmal die Hälfte des Gepäcks und zwei-, dreimal etwas Geld gestohlen. Mehr nicht. Ich wurde nie bedroht.

Sie fahren nicht mit dem Velo um die Welt, um einsam zu sein?

Greter: (überlegt) Die Ruhe ist ein angenehmer Nebeneffekt. Aber einsam fühle ich mich nie. Meine Reisen sind immer eine gute Möglichkeit, das dicht gespannte Netz von Beziehung, Familie, Job und all den Erwartungen, die damit verbunden sind, eine Zeit lang beiseite zu lassen. Ich geniesse es sehr, weg zu sein und Zeit mit mir allein zu verbringen.

Haben Sie Familie?

Greter: Ich bin mit einem Mann verheiratet, habe aber keine Kinder. Mein Partner kommt ab und zu ein Stück weit mit.

Ich bin selber nicht der Velofahrer-Typ, vor allem bergauf ist es für mich eine Qual. Warum tun Sie sich das an?

Greter: Ich finde es sensationell, dass ich mich mit der eigenen Körperkraft bewegen kann. Aber es stimmt schon: Alle Velofahrer, die am Schluss einer Tour behaupten, sie hätten jede Minute genossen, lügen. Es ist manchmal verdammt anstrengend und mühsam: Wenn man in der Wüste kein Wasser mehr hat oder im Dschungel stecken bleibt, erstarrt man plötzlich vor Angst und sagt sich: «Jetzt bist du wieder mal einen Schritt zu weit gegangen.» Das sind nicht die schönen Momente einer Reise, aber die, an welche man sich später immer wieder erinnert. Und auf die man auch stolz ist.

Stolz? Sind Sie ein Abenteurer?

Greter: Ich suche nach Grenzen und lote sie aus. Wenn man allein reist, sind die Hochs viel höher, die Tiefs aber auch viel tiefer. Es ist niemand da, der das Erlebte einordnet, der einen auf den Boden holt. Diese emotionalen Pole kann man im Alltag gar nie erfahren. Darum sind diese Reisen vor allem eine emotionale Geschichte.

Aber es ist streng ...

Greter: Ja, in einsamen Gegenden schleppt man bis zu 45 Kilogramm Gepäck mit, manchmal ist man bis zu neun Stunden pro Tag im Sattel. Ich fahre nicht schnell, aber ich kann lange fahren, ich bin zäh. Normalerweise mache ich pro Tag zwischen 80 und 150 Kilometer, mein Rekord liegt aber bei 257 Kilometer. Das war in der Wüste, während eines Sandsturms und mit Rückenwind.

Sind Sie ein Getriebener, der immer weiter muss?

Greter: Mein Ziel ist es, mit 60 rundherum geradelt zu sein. Ich rechne mit etwa 120 000 Kilometern, es fehlen noch deren 40 000. Dann habe ich vor, nach Rimini zu gehen und zwei Wochen an den Strand zu liegen.

Gibt es ein Land, das Sie nie mehr besuchen würden?

Greter: Nein. Aber es gibt Länder, die einen massiv herausfordern. In Äthiopien bewarfen mich Einheimische mit Steinen oder versuchten, mir Knebel in die Speichen zu halten – das macht einen fertig, da ist man dauernd auf hundertachtzig. Die Westsahara war unglaublich langweilig. Und China ist schwierig, obwohl es kulturell spannend ist. Dort erinnert rein gar nichts an die eigene Kultur, weder die Sprache noch die Musik, nicht einmal die Handzeichen! Zudem war die Freundlichkeit nicht allzu überschwänglich.

Und wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Greter: Ich mag die lateinamerikanischen Länder, nicht zuletzt auch, weil ich relativ gut Spanisch spreche und mich entsprechend verständigen kann. Zudem fühle ich mich sehr wohl auf möglichst hohen Pässen, da sind die Anden natürlich perfekt. Zum Teil geht es von Meereshöhe direkt auf 4500 Meter.

Das klingt nach Masochismus.

Greter: Na ja, ich liebe es, zuerst hart zu arbeiten, bevor ich es geniessen kann.

Ihr Velo heisst «Herr Meier», warum?

Greter: Ich bin viel zusammen mit dem Velo, da entsteht eine Art Freundschaft. Und Freunde haben alle einen Namen. Da mein Velo von Hand in der Schweiz hergestellt wurde, taufte ich es «Herr Meier». Das ist der häufigste Name der Schweiz. Und tönt lustig.

Sie wollen bis in zehn Jahren eine Weltumrundung realisieren. War das von Anfang an der Plan?

Greter: Als Kind war ich nicht unbedingt ein Velofahrer. Als ich vor 22 Jahren mit einem Freund in Neuseeland Ferien gemacht habe, fragten wir uns, welches wohl das optimale Transportmittel sei, und haben uns spontan für das Velo entschieden. Das hat uns so grossen Spass gemacht, dass wir im Jahr darauf nach Chile fuhren, dann folgten Reisen in Kanada und sechs Monate im Himalaja. Dort habe ich Leute kennen gelernt, die zwei oder drei Jahre unterwegs waren. Da dachte ich: «Super, jetzt bist du wieder das Würstchen!» (lacht) Also wollte ich das auch, aber nicht an einem Stück. Und so entwickelte sich die Umradlungsidee. Das Ganze ist ein Puzzle, das sich über das halbe Leben spannt. Aber ob am Schluss wirklich alles zusammenhängt, ist noch offen, weil es immer wieder Routen gibt, die aus politischen Gründen nicht machbar sind. Seit Jahren ist beispielsweise meine geplante Reise durch Mali, den Niger und den Tschad unmöglich.

Wie hat sich die Welt in all den Jahren verändert?

Greter: Es gibt überall WLAN, immer mehr Strassen werden asphaltiert, vielerorts trifft man auf die gleichen Ladenketten und Labels. Die Welt ist kleiner geworden, alles ist näher zusammengerückt, die Globalisierung schreitet voran. Das stelle ich überall fest, wo ich hinkomme, auch in ganz abgelegenen Gebieten. Aber es gibt immer noch sehr viel interessante Nischen. Mit dem Velo fahre ich tagelang von einer Sehenswürdigkeit zur anderen ... Strecken, die normale Touristen mit dem Flugzeug zurücklegen. In diesen Gegenden, wo eigentlich «nichts» ist, erlebe ich immer wieder Spannendes. Man übernachtet bei Bauern, bei einfachen Leuten, das ist faszinierend.

Wie finanzieren Sie die Reisen?

Greter: Ich lebe im Alltag relativ bescheiden, brauche nicht so viel für Ausgang oder Kleider, aus Statussymbolen mache ich mir nichts – und ich habe keine Kinder. Da bleibt was übrig.

Wie leben Sie die restlichen 9 Mo- nate, in denen Sie hier sind?

Greter: Ich arbeite Teilzeit als Grafiker, betreibe zusammen mit meinem Partner eine Bar und hatte bis vor kurzem mit ihm zusammen ein Hotel. Da kommt einiges an Arbeit zusammen. Neben den jährlichen drei abenteuerlichen Monaten führe ich die restliche Zeit ein fast schon bünzliges Leben.

Bünzlig?

Greter: Ich arbeite von acht bis fünf, dann kommen noch die anderen Aufgaben – tja, eigentlich unspektakulär. Ich koche gerne, habe gerne Sprachen. Nebst Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch lerne ich jeweils so gut wie möglich die Sprachen der Länder, die ich demnächst bereisen werde. Zumindest ein paar Brocken. Das öffnet viele Türen. Im Moment ist es Russisch.

Bereiten Sie die Reisen akribisch vor?

Greter: Die Strecken plane ich bereits zu Hause und rechne aus, was in der zur Verfügung stehenden Zeit machbar ist. Aber sonst bereite ich nicht so viel vor. Wichtig ist die pure Lust. Ich gehe hin und schaue vor Ort, wie es ist. Ich habe ja immer alles mit dabei: Zelt, Kochausrüstung etc.

Menschen, die zu Fuss oder mit dem Velo um die Welt reisen, gibt es immer mehr, es ist fast schon inflationär geworden, «verrückte» Dinge zu tun. Warum ist das so?

Greter: Unsere Arbeitswelt hat sich immer mehr verdichtet, die Anforderungen werden immer höher. Darum gibt es wohl vermehrt Menschen, die das Bedürfnis haben, «einfach mal weg» zu sein, sich eine Auszeit zu nehmen. Velofahren irgendwo auf der Welt ist heute eigentlich nichts Aussergewöhnliches mehr, man muss heute schon fast mit dem Trottinett durch den Atlantik, damit das Aufmerksamkeit erregt. (lacht)

Sie sind in Luzern am Rotsee aufgewachsen. Kennen Sie hier alle Velorouten?

Greter: Ich zog von der Region weg, bevor ich die Liebe zum Velo entdeckte. Aber wenn ich meine Eltern besuche, komme ich oft mit dem Velo von der Ostschweiz oder Zürich hierher.

Ist Ihnen die Schweiz nicht zu langweilig?

Greter: Nein, gar nicht. Die Pässe in den Alpen sind grossartig. Ich habe zwei Göttibuben, die mit mir ab und zu mitkommen, das macht Spass. Die Schweiz hat ein tolles Netz an Velowegen.

In fernen Ländern gibt es kaum Velowege ...

Greter: Es ist lustig: Mir sind die Länder am sympathischsten, die keine Velowege haben. Wo Velorouten sind, gibt es auch Velotourismus und die ganze Industrie darum herum. Mich zieht es mehr an die schwierigen Orte, wo es noch keine Infrastruktur gibt, wo man eigentlich nicht Velo fahren kann. Wie schaffe ich es, über geschlossene, schneebedeckte Pässe zu fahren? Solche Aufgaben machen mir Spass.

Lieben Sie Schwierigkeiten?

Greter: Gewissermassen. Den Spruch «Der Weg ist das Ziel» finde ich dumm. Das Ziel ist das Ziel! Aber ich will das Ziel auf einem möglichst spannenden Weg erreichen.

Gab es nie den Moment, wo Sie aufgeben wollten?

Greter: Einmal hatte ich die Freude am Velofahren verloren. Es war in den Anden während der Regenzeit. Ich hatte zu wenig zu essen mit dabei und musste drei Tage lang auf der gesperrten Passstrasse immer wieder eiskalte Flüsse durchqueren. Und das immer drei Mal: zuerst das Velo, dann die eine Hälfte des Gepäcks, dann die andere. Da habe ich realisiert, wie schmerzhaft Kälte sein kann. Dann kam der Schnee, und ich wurde eingeschneit, keine Menschenseele weit und breit. Irgendwie stiess ich das Velo über den Pass – und dann kamen drei Tage Schlamm. Manchmal warf ich mich weinend zu Boden. Zehn Tage Non-stop-Scheisse, das war einfach zu viel. Aber anschliessend schien drei Tage lang die Sonne, und meine Batterien waren wieder aufgeladen.

Tönt beeindruckend. Gibt es auch eine Genussseite bei Ihnen, mal ein Glas Wein oder ein Dessert?

Greter: Unbedingt, ich bin kein Asket. Ich habe gerne ein Bier am Abend oder eine Zigarre beim Zelten. Ich brauche keinen Luxus, ich habe schon in Telefonkabinen übernachtet, auf Billardtischen, in Tankstellen, alles kein Problem. Aber am Abend ein Bierchen – das ist doch das Ziel des Tages!

Schweigen Sie eigentlich immer, wenn Sie unterwegs sind?

Greter: Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir selbst Geschichten erzähle – und ich singe meinem Herrn Meier jeden Tag ein Lied, das mittlerweile 53 Strophen lang ist. Das beschäftigt mich schon mal eine halbe Stunde lang. Abgesehen davon gibt es Tage, an denen ich mich abends an keinen einzigen Gedanken erinnern kann. Dann sinniere ich aber auch wieder tagelang intensiv über irgendwelche Themen. Beides ist schön. Es ist Luxus, purer Luxus!

Robert Bossart