WINTERMATERIAL: Edler Klassiker für alle

Einst war Kaschmir nur etwas für Fürstinnen und Noble, heute kann ihn sich jeder leisten. Über ein luxuriöses Material, das nicht ohne Nebenwirkungen zur Massenware verkommen ist.

Diana Hagmann-Bula
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Kaschmir und sonst nichts. Dank tieferer Preise ist das schöne Gefühl auf der Haut erschwinglich geworden. Was Konsequenzen hat. (Bild: PD)

Kaschmir und sonst nichts. Dank tieferer Preise ist das schöne Gefühl auf der Haut erschwinglich geworden. Was Konsequenzen hat. (Bild: PD)

Diana Hagmann-Bula

Pariserinnen tragen ihn beim Besuch der Oper über dem Paillettenkleid. Laut Ines de la Fres­sange, einer der Stilikonen Frankreichs, gehört ein dunkelblaues Exemplar in die Garderobe jeder stilbewussten Frau. Die Tage sind vorbei, an denen ein solcher Pullover nur von Luxuslabels wie Loro Piana erhältlich war. Heute gibt es ihn auch bei H & M oder C & A. Manchmal für unter 100 Franken. Dabei zählt reinweisser Kaschmir aus China zu den ­teuersten Tierhaaren weltweit. Pro Jahr werden 8000 Tonnen Kaschmir gewonnen. «Bei dem Material geht es um viel Geld», sagt der deutsche Echthaaranalytiker Kim-Hô Phan, «deshalb verleitet es zum Schummeln.»

Yak- und Lammwolle statt Kaschmir

«Nicht immer steckt Kaschmir drin, wo Kaschmir draufsteht», warnt Kim-Hô Phan. Über dreissig Jahre hat er für das Deutsche Wollforschungsinstitut in Aachen Kaschmir aus aller Welt auf ­Echtheit überprüft, ehe er sich vor vier Jahren selbstständig gemacht hat. Vor zehn Jahren seien 50 bis 60 Prozent der Kaschmirwaren in Deutschland falsch gekennzeichnet gewesen. Unterdessen liege diese Quote bei 20 bis 25 Prozent. «Ausserhalb Deutschlands dürfte sie wegen mangelnder Tests höher sein. In Rom, Paris, Amsterdam gibt es ‹Kaschmirschals› für 10 Euro», sagt er.

Bei Falschdeklarationen findet Phan häufig Lamm-, Schaf- und Yakwolle beigemischt. «Mit chemischen Mitteln wie Säure und Silikon versuchen die Lieferanten, diese Fasern kaschmirähnlich zu machen. Sie glätten die Schuppen an der Oberfläche und lassen Wolle weich werden.» Ein Laie habe keine Chance, den Schwindel aufzudecken. Dünne, lange Fasern machen guten Kaschmir aus. «Enthält der Pullover kurze Fasern, so fuselt er schneller. Sind die Fasern nicht einheitlich dick, bilden sich ebenfalls eher Fuseln», sagt Phan.

«Hunderttausende von Ziegen geschlachtet»

In den Bergen Chinas, in der Mongolei, in den Höhen Irans und Afghanistans: Die Ziegen, von denen Kaschmir stammt, fühlen sich nur in einem begrenzten Gebiet so wohl, dass sie die feine Unterwolle bilden. Intensivtierhaltung sei die Folge des Kaschmirbooms, kritisieren Tierschützer. «Weil Ziegen das Gras samt Wurzel ausreissen, droht zudem Versteppung», sagt Phan. Als China in den 1990er-Jahren das Problem erkannt habe, seien «Hunderttausende von Ziegen geschlachtet worden». Die Regierung habe Bauern Saatgut sowie Prämien in Aussicht gestellt, um sie von der Kaschmirziegenzucht wegzubringen.

Ein Material, das sozusagen limitiert ist. Dennoch kostet etwa bei C & A ein Pullover aus 100 Prozent Kaschmir nur 69 Franken. Wie ist das möglich? «Durch niedrige Kalkulation, Mengen­rabatte und eine lang­fristig geplante Produktion, die nicht in der Spitze einer Saisonproduktion erfolgt», sagt Crista Keller, Mediensprecherin von C & A. Selbstverständlich würden Lieferanten und Produkte regelmässigen Qualitätskontrollen unterzogen.

«Masse geht leider auf Kosten der Klasse», ist Andreas Knezovic überzeugt, der in Baar die Firma FTC Cashmere führt und nachhaltige Kaschmirprodukte herstellt. Er besitzt mit seinem Partner über 20000 Ziegen in der Inneren Mongolei. Ein Tier wirft pro Jahr 300 bis 400 Gramm Kaschmir ab – so viel, wie für einen Pulli nötig. Weshalb vertraut er nicht mehr auf die gängigen Vertriebswege? «Aus Überzeugung, dass man nicht mit einem limitierten Rohmaterial handeln kann, wenn man den Produzenten keinen Respekt entgegenbringt», so Knezovic. Von Wertschätzung sei nicht viel übrig geblieben, bestätigt Stephan Wagner, Vorstandsmitglied der Alpine Cashmere Association (siehe Box).

Schulen für die Bauern – als Dankeschön

Gerade in der Mongolei würden ausländische Händler die Bauern mit höheren Löhnen blenden: «Die Farmer willigen ein, die heimische Wollindustrie geht in Konkurs. Wenn sie am Boden ist, senken die Händler die Löhne enorm.» Knezovic wollte nicht zusehen. Er liess Schulen bauen, um vor Ort «etwas zurückzugeben». Er lässt in der Region verarbeiten, obwohl Italien das besser kann. «Unsere Ziegen haben bestes Futter. Sie lieben den Mix mit lokalen Blumen.» Er fordert die Bauern auf, den Ziegen Musik abzuspielen. Klassische.

Schweizer Kaschmir für 1300 Franken/Kilo

Toggenburg 30weibliche Kaschmirziegen, drei Kastraten und sechs Zuchtböcke hält Stephan Wagner auf seinem Hof Cashmere Garden – nicht in Zentralasien, sondern in Ebnat-Kappel. «Die Wolle der Böcke wäre hochwertiger als die der Weibchen, aber wegen des starken Geruchs lässt sie sich nicht verwerten», sagt der Geophysiker.

Um den Urin, der den Gestank verursacht, zu lösen, wäre der Einsatz von Chemie nötig. Darauf verzichtet der 57-Jährige wenn möglich. Sechs Tiere stossen im Frühling insgesamt ein Kilogramm Kaschmir ab. In einer auf Kleinmengen spezialisierten Firma in Deutschland wird Wagners Material gewaschen, das feine Haar vom groben Deckhaar getrennt und gekämmt. «Dabei muss man sehr vorsichtig vorgehen, weil die Fasern leicht verfilzen.»

Ein Kilogramm Toggenburger Kaschmir kostet 1300 Franken und reicht für einen 30 Kilometer langen, dünnen Faden, der sich zum Weben eignet. «Zum Stricken verwendet man dickeres, mehrfach verzwirntes Garn», erklärt Wagner. Seine Frau verarbeitet den Kaschmir hauptsächlich zu Schals, aus der Ziegenmilch macht sie Hartkäse. Kaschmirziegen können zwar ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums gezüchtet werden, schreibt Andrea Karg im Buch «Cashmere». Allerdings würden sie dort kein so flauschiges Unterhaar wie in Zentralasien bilden.

Vier Zuchtböcke in England gekauft

Wagner ist anderer Meinung: «Bis auf die Länge der einzelnen Kaschmirfasern sind alle wichtigen Qualitätsparameter genetisch bedingt. Die Steuerung der Qualität erfolgt primär über die Böcke.» Er habe deshalb vor ein paar Jahren mit zwei anderen Mitgliedern der Alpine Cashmere Association in England vier hochwertige Zuchtböcke gekauft. Und: «Wir lassen den Kaschmir jeder unserer Ziegen in einem spezialisierten Labor in Grossbritannien prüfen.»

Auch Kaschmirproben aus Zentralasien lege er dem Referenzlabor immer wieder vor. «Daher wissen wir, dass die Fasern unserer Ziegen mindestens so hochwertig sind wie etwa qualitatives Material aus China», sagt Wagner. (dbu)

www.cashmere-garden.ch