WOHNEN: Vorhang mit biologischem Abgang

Textilproduktion und Ökologie schienen bisher unvereinbar. Das Schweizer Einrichtungsunternehmen Pfister zeigt, dass es auch anders geht – und bringt die weltweit erste biologisch abbaubare Vorhangkollektion auf den Markt.

Silvia Schaub
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Der erste biologisch abbaubare Vorhang ist ebenso langlebig wie herkömmliche Vorhänge. (Bild: PD)

Der erste biologisch abbaubare Vorhang ist ebenso langlebig wie herkömmliche Vorhänge. (Bild: PD)

Silvia Schaub

 

Stolz steht Manuel Schweizer im Dachgeschoss des Industriebaus von Pfister Vorhang Service im bernischen Thörishaus und zeigt auf die Muster seiner neuen Kollektion «Netzwerk»: goldfarbene Satinvorhänge, puristisch anmutendes Netzgewebe in Schwarz und Gold, graue Stoffe in Leinenoptik, leichte Vorhänge in feinem Hellblau. «Die werden sicher ein Renner», glaubt der Category Manager bei Pfister Vorhang Service. Nicht allein der Optik der Stoffe wegen, sondern vor allem dank ihrer innovativen Herstellung. Denn diese Vorhänge sind biologisch vollständig abbaubar und nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip von Michael Braungart und William McDonough entwickelt worden. Das heisst, sie werden nach Gebrauch wieder komplett dem biologischen Kreislauf zugeführt – von der Wiege zur Wiege.

Drei Jahre an «grünem» Vorhang getüftelt

Das Einrichtungsunternehmen Pfister will mit dieser «Weltneuheit», die ab 1. September erhältlich ist, den Heimtextilmarkt revolutionieren. Das klingt auf den ersten Blick ziemlich ambitiös. Doch lauscht man den Ausführungen des Textilfachmannes, scheint dieses Vorhaben gar nicht so abwegig. Drei Jahre hat Ma­nuel Schweizer mit seinem Team daran getüftelt, einen wirklich «grünen» Vorhang herzustellen. Dazu musste er unkonventionelle Wege gehen – und hartnäckig sein. «Wir haben quasi bei null angefangen, alle Entwicklungsschritte neu gedacht, damit wir die Philosophie von Cradle to Cradle richtig umsetzen konnten.» Bisher war es so, dass man neue Textilien auf der Basis von schon vorhandenen weiter verbessert, aber nicht unbedingt chemiefreier gemacht hat. «Die gängigen Gewebe auf dem Markt sind mehrfach chemisch ausgerüstet – mit Substanzen, die in hoher Konzentration gesundheitsschädigend sind können.» Also hat Schweizer nach einem Produkt gesucht, das von Grund auf keine Schadstoffe enthält. Dabei stiess er eher zufällig auf ein Polymergarn – eine Kunstfaser auf Erdölbasis. Er fand eine norddeutsche Weberei, die sich auf sein Experiment einliess und ihre Webstühle der Beschaffenheit der neuen Faser anpasste. «Diese Vorhänge enthalten zum Beispiel keinen Monofilfaden an der Seite oder beschwerendes Blei im Saum.» Und natürlich seien auch die Farben «absolut umweltverträglich». Zusätzlich zum Stoff entsprechen auch alle anderen Bestandteile den strengen Cradle-to-Cradle-Bestimmungen. Nähgarne, Etiketten oder Vorhanggleiter sind alle nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Letztere hat Schweizer anfangs selbst mit einem 3D-Drucker hergestellt, weil er keine Partner fand. Inzwischen haben die Wunderstoffe von Pfister die Auszeichnung «Cradle-to-Cradle Certified Gold» erhalten, die belegt, dass der Produktionskreislauf ökologisch abläuft. «Und das, ohne dabei auf die gewohnte Qualität und Vielfalt unserer Produkte zu verzichten», betont er. «Man könnte diesen Stoff sogar essen», meint der Pfister-Manager schmunzelnd. «Aber keine Angst: Die Vorhänge werden nicht am Fenster verfaulen.» Denn sie sind mindestens so langlebig wie herkömmliche Polyester-Vorhangstoffe. Es braucht nämlich ganz bestimmte Voraussetzungen, damit der Prozess des Verrottens in Gang kommt. Schweizer zeigt auf die Einmachgläser, die in seinem improvisierten Labor herumstehen, und zieht aus einem der Gläser einen Fetzen Stoff heraus. «Die Löcher werden immer grösser», stellt er zufrieden fest. Damit der Stoff wieder zu Erde wird, wandern die Vorhänge nach ihrem Leben am Fenster in eine industrielle Kompostieranlage. Damit der Kreislauf geschlossen wird, kauft Pfister die Vorhänge nach Gebrauch seinen Kunden wieder ab und sorgt für die fachgerechte Wiedereinführung in den biologischen Kreislauf. Wer nun denkt, dass dies besonders kostspielig wäre, täuscht sich. Das war auch für Manuel Schweizer, der die Idee dieser Vorhänge im Rahmen ­seiner Masterarbeit an der Schweizerischen Textilfachschule umgesetzt hat, eine Überraschung:«Die Cradle-to-Cradle-Vorhänge sind sogar günstiger in der Herstellung als herkömmliche, obwohl sie in Europa hergestellt werden.»

Zwei Stockwerke tiefer ist alles bereit für die 80 Vorhänge umfassende Kollektion. Spezielle Arbeitsplätze mit teils neuen Maschinen sind eingerichtet. Die Stoffrollen liegen auf einem separaten Regal, in sicherem Abstand, «damit der Cradle-to-Cradle-Stoff nicht durch chemisch behandelten Vorhangstoff kontaminiert wird». Schweizer ist überzeugt, dass es in zehn Jahren bei Möbel Pfister nur noch Stoffe in dieser Qualität geben wird. Die Umstellung auf weitere Segmente wie Kissen- oder Bettwäsche ist in Entwicklung. «Manchmal frage ich mich, wieso wir diesen Schritt nicht schon früher gemacht haben.»