YOUTUBE: Wie Fernsehen – nur jünger

Vor zehn Jahren hat die Videoplattform mit wackeligen Videos gestartet. Heute macht sie Jugendliche mit ihren Spass-Filmchen zu gut bezahlten Stars.

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Alles Mögliche - auch Konzerte - nehmen Jugendliche heutzutage auf Video auf und laden es auf Youtube hoch. (Bild: Getty)

Alles Mögliche - auch Konzerte - nehmen Jugendliche heutzutage auf Video auf und laden es auf Youtube hoch. (Bild: Getty)

Katja Fischer De Santi

Wenn Sami Slimani ein Shoppingcenter betritt, um ein paar Autogramme zu geben, dann rasten 4500 Mädchen aus. Wenn Sami Slimani in einem Video auf Youtube erklärt, wie man Justin Biebers Frisur frisiert, dann schauen sich das über sechs Millionen Menschen an. Der 24-jährige Deutsche mit tunesischen Wurzeln ist ein Youtube-Star. Längst hat er mit seinem Videokanal die Schallmauer von einer Million Abonnenten durchbrochen. Sein Gesicht steht für den Aufstieg der Videoplattform Youtube.

Google zahlte 1,3 Milliarden

Youtube wurde am 15. Februar 2005 von den drei ehemaligen Paypal-Mitarbeitern und US-Amerikanern Chad Hurley (heute 37), Steve Chen (36) und Jawed Karim (35) gegründet. Heute vor vor genau zehn Jahren lud der damals 25-jährige Karim das erste Video hoch es dauert 18 Sekunden und handelt von seinem Zoobesuch in San Diego. Was mit einem wackeligen Filmchen über Elefanten angefangen hat, ist heute ein milliardenschweres Unternehmen, das 2006 für umgerechnet 1,3 Milliarden Euro von Google aufgekauft wurde. Mehr als eine Milliarde einzelner Nutzer besuchen monatlich Youtube. Die Videoplattform wird das Fernsehen revolutionieren, sind sich die Experten einig. In der Schweiz nutzen weitaus mehr als zwei Drittel aller Teenager die Videoplattform regelmässig (siehe Box). Keine guten Nachrichten für die TV-Stationen.

Den grossen Erfolg von Youtube bei den Jungen erklärt der auf Videoinhalte spezialisierte Berater Bertram Gugel unter anderem mit der permanenten Erreichbarkeit der Inhalte. «Auf der Plattform hat sich unglaublich viel Wissen und Witziges zu jeder Lebenssituation angesammelt, das man jederzeit abrufen kann.» Aber anders als bei Wikipedia oder beim Fernsehen könne man mit den Produzenten in Kontakt treten. «Youtube ist eine Community und jeder Youtube-Kanal ist ein Special-Interest-Programm», sagt Gugel.

Was die neuen Youtube-Stars wie Sami Slimani so berühmt gemacht hat, ist für Menschen über 35 Jahren kaum zu begreifen. Manchmal bäckt er ein Lebkuchenhaus, ein anderes Mal zeigt er seinen Kleiderschrank, aber am liebsten präsentiert er ziemlich überdreht den Inhalt seiner Einkaufstasche. Nicht ohne den Preis, die Marke und die positiven Eigenschaften des Produkts zu erwähnen. Gute Werbung, getarnt als unverbindliches Geplauder unter (1,1 Millionen) Freunden. Sami Slimani ist aber nicht der einzige Youtube-Star, der von seinen selbst gedrehten Filmchen sehr gut leben kann. Millionen von Jugendlichen folgen den einzelnen Kanälen der Beauty-, Game oder Comedy-Videoblogger und machen diese zu Stars. Sie haben, was sich alle Medienmacher wünschen: Erfolg bei Jugendlichen. Ihr wichtigstes Gut: ihre Authentizität. Wenn etwa Bibi, die im richtigen Leben Bianca Heincke heisst, ihre Beauty-Tipps abgibt, dann sind da kein Kamerateam, keine Stylisten. Da ist nur Bibi in Hausschuhen auf dem Fussboden, vor einem Ikea-Regal.

Auch Schweizer kommen an

Doch so einfach, wie es aussieht, ist die Sache nicht. Wer bei den ganz grossen Youtubern mitspielen will, muss dauernd präsent sein, muss dauernd neue Inhalte hochladen. «So nebenbei» macht das keiner, sagt Cielle Noir. Die 22-jährige Bernerin ist eine der wenigen Schweizerinnen auf Youtube, die mit einem eigenen Kanal eine stattliche Anzahl Klicks generieren. Sie veröffentlicht seit rund vier Jahren regelmässig Videotagebücher. An einem vierminütigen Video sitze sie mindestens vier bis fünf Stunden, bis Schnitt, Ton und Effekte passten, sagt sie. «Die Szene hat sich in den letzten fünf Jahren rasend schnell professionalisiert.» Dies sieht man auch beim Zürcher Lehrling Bendrit Bajra (19), der mit seinen witzigen Videos, in denen er Schweizer mit Ausländern vergleicht, schweizweit bekannt geworden ist. Kamen die Videos vor ein paar Monaten noch im Handy-Hochformat daher, hat er inzwischen zumindest das zuschauerfreundlichere Querformat entdeckt.

Es braucht Ausdauer und Können

Wer heute einen Youtube-Kanal eröffnet, sollte genau wissen, wer seine Zielgruppe ist, und er sollte Durchhaltevermögen haben, sagt Youtube-Experte Bertram Gugel. «Von den absoluten Spitzenreitern auf Youtube Deutschland sind die meisten seit mehr als zwei Jahren dabei.» Gefragt seien im Netz zunehmend hochwertige Produktionen. Dies, weil die bekanntesten Youtuber seit einigen Jahren von Netzwerken professionell betreut werden. Auch Youtube selbst schult seine jungen Video-Talente, richtet für sie Studios ein, vernetzt sie untereinander.

Und noch eine Tendenz zeigt sich. Youtube gebiert zwar neue Stars. Doch irgendwann zieht es diese raus hin zu den alten Medien. Sami Slimani etwa moderiert jetzt beim Musiksender Viva. Selbst Bendrit trat bereits bei «Giaobbo/Müller» auf und dank Werbekunden wie Samsung und Emmi kommt er laut der «Schweiz am Sonntag» dieses Jahr wohl auf ein stolzes Einkommen von bis zu 250 000 Franken. Torge Oelrich alias Freshtorge, Hobby-Komiker mit einem Millionenpublikum auf Youtube, dreht demnächst seinen ersten Kinofilm. Auch Otto Waalkes soll dabei mittun. Spätestens wenn der Blödelstreifen Ende Jahr in die Kinos kommt, werden auch die über 35-Jährigen um das Phänomen Youtube nicht mehr herumkommen.