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ZEITGESCHICHTE: Ein Land bunkert sich ein

Nach dem Zweiten Weltkrieg wappnet sich die Schweiz vor einem neuen Feind: Auf die Nazis folgen die Kommunisten. Sie helfen dem neutralen Staat, seine Identität zu finden.
Rolf App
Es droht der Atomkrieg: Die Schweiz – das scheint das Bild zu beweisen – wäre bereit gewesen. (Bild: Keystone)

Es droht der Atomkrieg: Die Schweiz – das scheint das Bild zu beweisen – wäre bereit gewesen. (Bild: Keystone)

Rolf App

Der Fotograf Roland Gretler war ein braver Schüler. Als sein Lehrer den damals 13-Jährigen bat, sich in der Wohnung eines Schulkameraden umzusehen, kam er dem nach. Besonders interessierte den Lehrer, ob der Vater des Schulkollegen den «Vorwärts» lese, die Zeitung der «Partei der Arbeit». Und: Ob ein Bild von Stalin an der Wand hänge. «Ich habe mich sehr schlecht gefühlt, weil ich mich in einem Loyalitätskonflikt befunden habe», erzählt er siebzig Jahre später. «Mir war klar, dass man nicht die Familie seines Freundes ausspioniert, doch gleichzeitig war ich stolz, dass mir der Lehrer diesen Auftrag gab.»

Gretler ist einer von dreizehn Zeitzeugen, mit denen der Historiker Thomas Buomberger gesprochen hat, um die Zeit des Kalten Krieges in der Schweiz aufzuarbeiten.

Philipp Etter beschwört die «schweizerische Eigenart»

Die Geschichte der Nachkriegszeit beginnt 1938. In einer Zeit militärischer und ideologischer Bedrängnis durch ­Nazideutschland entwirft der damalige Bundesrat Philipp Etter die erste kulturelle Grundsatzerklärung des Bundesstaats seit 1848. Er plädiert dafür, dass sich die Kultur als «Ausdruck schweizerischen Geisteslebens und schweizerischer Eigenart» frei entfalten kann. Er fordert eine Geistige Landesverteidigung. Institutionell gehen aus seiner Initiative 1939 die Stiftung Pro Helvetia hervor und die Sektion Heer und Haus. Erster Ausdruck der Geistigen Landesverteidigung ist die Landesausstellung von 1939, in der sich die Schweiz als wehrhafter Igel inszeniert.

Am Ende des Krieges ist diese Grundhaltung immer noch vorhanden, aber sie verändert sich. Der Nationalsozialismus ist Geschichte, der neue Feind heisst Kommunismus. Die Angriffe der Partei der Arbeit auf das Ansehen der Landesregierung seien «ein Mittel der Staatszersetzung», erklärt der Bundesrat 1946. Mit erlaubter Kritik an seiner Amtsführung habe das nichts zu tun. Thomas Buomberger hat für diese ­Reaktion eine Erklärung: «Als sich die Schweiz ihrer Identität nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr so sicher war, erfüllte der Antikommunismus die Funktion eines nationalen Kitts.»

Fortan werden jene ausspioniert und überwacht, die man kommunistischer Gesinnung verdächtigt. Der Staatsschutz und diverse private Organisationen nehmen sich dieser Aufgabe an. Für die Betroffenen kann das ernste Konsequenzen haben. Als die Baslerin Helene Fausch-Bossert 1953 auf Einladung einer sowjetischen Frauenorganisation eine Reise in die Sowjetunion unternimmt, verliert sie anschliessend ihre Stelle beim Radiostudio Basel. Drei Jahre später erheben sich die Ungarn gegen die sowjetische Herrschaft, was in der Schweiz eine Welle der Solidarität auslöst. Das Haus des Marxisten und Lehrers Konrad Farner – dessen Adresse von der NZZ bekannt gemacht worden war – wird in Thalwil von einer Menschenmenge belagert, die ruft: «Hängt ihn, hängt ihn.» Da sei ein ­«Ungeist» am Werk, der sich «unter dem Mantel der Bekämpfung des Kommunismus bereits tiefer eingenistet hat, als wir wahrhaben wollen», kommentiert der Publizist Jean Rudolf von Salis. Und erklärt: «Man bekämpft die Inquisition nicht durch die Inquisition.» Doch werden so besonnene Stimmen nur ungern gehört, auch später nicht. Stärker als andere Länder Westeuropas sieht sich die neutrale Schweiz vom Kommunismus bedroht, obschon die moskautreue Partei der Arbeit schon bald zur Kleinstpartei schrumpft.

Das Gift der Subversiven und der infizierte «Volkskörper»

Wie arbeitet dieser Feind? Der Kommunismus, das sei eine fremde, «unschweizerische» Ideologie, schreibt etwa Hans A. Huber, erster Präsident des 1948 ­gegründeten Schweizerischen Aufklärungsdienstes. «Subversive Elemente» versuchten dabei «ihr Gift auszustreuen, sobald sie sich einmal eingenistet haben». Der Feind im Innern ist unsichtbar und deshalb ernst zu nehmen. So lautet ein Postulat.

Und ein zweites: Zahlenmässig mag er klein sein, nett und zivilisiert auftreten: Das macht ihn nicht weniger gefährlich. Unterstützt wird er ja von einem Feind von aussen, der sogar Atomwaffen besitzt. Sollte die Schweiz nicht auch solche Waffen haben? Eine geradezu epische Auseinandersetzung innerhalb des Militärs entbrennt, und nachdem sich der Bundesrat nicht entscheiden mag, schliessen die Planspiele ins Kraut. Das Eidgenössische Militärdepartement (EMD) lässt das Ganze laufen, obwohl sich auf der Gegenseite eine Friedensbewegung formiert.

Die Schweiz sieht sich vor. Ideologisch mit dem «Zivilverteidigungsbuch», das 1969 in alle Haushaltungen geht und, so Buomberger, «abstruse Verschwörungstheorien verbreitete». In den Siebzigerjahren lädt EMD-Chef Rudolf Gnägi den Chef des Nachrichtendienstes regelmässig in die Militärkommission des Nationalrats zum Lagebericht. Dessen Mitglied Helmut Hubacher erinnert sich, dass er nachher jeweils erstaunt gewesen sei, «dass auf dem Bundesplatz noch Frieden herrschte. Etwas zugespitzt gesagt, standen die Russen bereits am Bodensee, unmittelbar vor dem Einmarsch. Da auf die Nato kein Verlass ­gewesen wäre, hätten wir den Krieg ­geführt, erst noch erfolgreich.»

Sogar gegen einen Atomkrieg fühlt man sich gewappnet. Übungen und Broschüren bereiten die Bevölkerung vor, zwölf Milliarden Franken werden in Schutzräume investiert. «Die Schweiz hat das kompletteste System von Schutzräumen weltweit», fasst Buomberger zusammen und zitiert Max Frisch: «Wir haben Grund zur natürlichen Angst. Wenn ein Mann des Generalstabs sagt, wir brauchten keine Angst zu haben vor der Radioaktivität, weil wir Bunker bauen können, ist das keine Angst, sondern hochbezahlter Schwachsinn, und Angst ist besser als Schwachsinn.»

Christoph Blocher reanimiert einen ideologischen Kadaver

Doch die Fronten bröckeln. In Berlin fällt die Mauer, in Bern kommt der Fichen­skandal ans Licht. Und die Initiative zur Abschaffung der Armee wird von einem Drittel der Stimmenden gutgeheissen. Die Armee erweist sich als reformbedürftig. Auch der «Sonderfall Schweiz» scheint erledigt. Doch, meint Thomas Buomberger zum Schluss, «der ideologische Kadaver überlebte, wurde reanimiert und zeigt bis heute, wie wirkungsmächtig diese Ideologie ist. Wiederbelebt hat ihn Christoph Blocher mit seiner SVP.» Der Gegenspieler in dieser dritten Geistigen Landesverteidigung heisst nicht mehr Sowjetunion, sondern EU.

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