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ZOOLOGIE: Tiere können selbstlos handeln

Schenken, ohne selber etwas zu erwarten, das machen höchstens Menschen – möchte man meinen. Das stimmt aber nicht. Einige Affen und Vögel haben einen Hang zur Grosszügigkeit.
Kerstin Viering
Löwenäffchen gehören zu den uneigennützigsten Tieren. (Bild: Getty)

Löwenäffchen gehören zu den uneigennützigsten Tieren. (Bild: Getty)

Kerstin Viering

Warum nicht mal jemandem etwas schenken, der gar nicht damit rechnet? Schenken nur deshalb, damit der Beschenkte sich freut – und nicht, weil sich der Schenkende dazu gedrängt fühlt oder auf eine Gegenleistung spekuliert?

Auf solche Ideen können auch nur Menschen kommen. Bestenfalls. Da waren Biologen lange Zeit ziemlich sicher. Zwar gibt es durchaus Tiere, die ihren Artgenossen Leckerbissen oder Gefälligkeiten zukommen lassen. Nur ist das meist eher ein Tauschgeschäft, bei dem der Schenkende ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt: Futter gegen Sex, Wellness-Behandlungen gegen Unterstützung in Kon­flikten. Für selbstlose Gesten scheint da auf den ersten Blick kein Platz zu sein. Auf den zweiten allerdings schon. Denn zumindest bei einigen Arten haben Verhaltensforscher inzwischen einen erstaunlichen Hang zur Grosszügigkeit entdeckt.

Schimpansen schauen beim Fressen nur auf sich

Es sind allerdings nicht unsere nächsten Verwandten, die sich in dieser Hinsicht hervortun. Dabei ist so einem Schimpansen eigentlich alles Mögliche zuzutrauen. Gegenseitige Hilfeleistungen, ausgefeilte Kooperationen, Adoption von fremden Jungtieren – alles kein Problem. Doch wenn es ums Fressen geht, scheinen die Menschenaffen auf stur zu schalten. Selbst Jungtiere müssen oft darum betteln, wenn sie von ihrer Mutter einen Leckerbissen haben wollen. Und spontane Grosszügigkeit gegenüber erwachsenen Artgenossen scheint in Schimpansen-Kreisen erst recht nicht üblich zu sein.

Claudio Tennie von der Universität Birmingham und seine Kollegen haben zum Beispiel 13 Schimpansen mit einer Futterbox konfrontiert. Die Tiere konnten dabei an einem Holzpflock ziehen – was unterschiedliche Folgen hatte: In sechs Fällen bewirkte es, dass ein Artgenosse im Nachbarkäfig Nüsse aus der Box herausschütteln konnte. Dagegen konnten die sieben übrigen Affen ihrem Nachbarn durch das Ziehen des Pflocks das Futter sperren.

Bei beiden Varianten betätigten die Tiere den Mechanismus ungefähr gleich häufig. Sie hatten offenbar kein Interesse daran, ob sie ihrem Nachbarn damit etwas Gutes oder Schlechtes taten.

Ganz anders sah die Sache aber aus, wenn sie selbst auch Zugang zu den Nüssen bekamen. Nun zogen sie den Pflock zielstrebig heraus, wenn dabei eine Futterlieferung heraussprang. Blockierte er den Nachschub, liessen sie die Finger davon. Wenn es ums Fressen geht, scheint sich also wirklich jeder Schimpanse selbst der nächste zu sein.

Es gibt auch selbstlose Affen

Doch die Primatenwelt besteht nicht nur aus sturen Ignoranten, denen das Wohl ihrer Nächsten egal ist. Vor allem in der Familie der südamerikanischen Krallenaffen haben Forscher auch selbstlose Futterschenker entdeckt. Zum Beispiel die Weissbüschelaffen, die ein Team um Judith Burkart von der Universität Zürich beobachtet hat. In diesen Versuchen waren vor dem Käfig zwei Tabletts angebracht. Das getestete Tier konnte entscheiden, welches davon es zum Gitter hinziehen wollte. Es selbst ging dabei jedes Mal leer aus. Doch im einen Fall bekam der Käfignachbar eine schmackhafte Heuschrecke, im anderen nicht. Meist liessen die Affen ihrem Artgenossen das kulinarische Geschenk bereitwillig zukommen.

Aufwachsen in Gruppen macht spendabler

«Prosoziales Verhalten» nennen Biologen diese seltene Form der spontanen Hilfe, von der man selbst nichts hat und zu der man auch nicht durch Gesten oder Bettelrufe gedrängt wird. Viel Grips braucht man dafür offenbar nicht. «Krallenaffen haben kleine Hirne und sind nicht besonders gescheit», sagt Burkart. Und trotzdem sind sie beim selbstlosen Schenken den intelligenteren Schimpansen überlegen.

Was also steckt hinter dieser grosszügigen Ader? Warum ist sie in der Evolution der Primaten mehrmals unabhängig voneinander entstanden – und zwar bei so unterschiedlichen Vertretern wie Krallenaffen und Menschen? Über diese Frage rätseln und streiten Biologen schon lange.

Eine der beliebtesten Theorien besagt, dass der Hang zur Grosszügigkeit etwas damit zu tun hat, wie man seinen Nachwuchs grosszieht. Tatsächlich gibt es dafür einige Indizien.

Genau wie bei Menschen ist Kinderbetreuung bei Krallenaffen nämlich nicht nur Sache der Mutter. Kleine Weissbüschel- affen zum Beispiel wachsen in Gruppen auf, in denen neben einem dominanten Elternpaar auch noch etliche erwachsene Helfer leben. Diese pflanzen sich selbst nicht fort, sind aber eifrige Babysitter: Sie tragen die Kleinen herum und stecken ihnen Leckerbissen zu, ohne dass diese darum betteln müssen. Männliche Helfer engagieren sich dabei noch mehr als weibliche – und zeigen sich in Versuchen prompt auch als besonders spendabel gegenüber ihren erwachsenen Gefährten.

Theoretisch lässt sich das recht gut erklären. Wer den Nachwuchs im Teamwork aufzieht, ist stark auf seine Gefährten angewiesen und braucht viel soziale Toleranz. Und immer wieder muss er Hilfe leisten, ohne selbst viel davon zu haben. Werden solche Arten von der Evolution also auf generelle Grosszügigkeit getrimmt, die sie dann auch gegenüber Erwachsenen zeigen?

Um das herauszufinden, haben Judith Burkart und ihre Kollegen 15 Affenarten einschliesslich Menschenkindern zwischen vier und sieben Jahren systematisch getestet. Alle bekamen die Gelegenheit, ihren Gefährten kleine Köstlichkeiten zuzuschanzen, ohne selbst etwas davon abzubekommen.

«Menschen und Löwenäffchen handelten dabei sehr altruistisch und ermöglichten es den anderen Gruppenmitgliedern fast immer, an die Leckerbissen zu gelangen», berichtet Judith Burkart. Schimpansen dagegen taten das nur ab und zu, Varis und Bartmakaken überhaupt nicht. Tatsächlich zeigte sich dabei ein enger Zusammenhang zwischen Grosszügigkeit und Familienleben: «Spontanes selbstloses Verhalten findet man nur bei Arten, bei denen Jungtiere nicht nur von der Mutter, sondern auch von anderen Gruppenmitgliedern wie Geschwistern, Vätern, Grossmüttern, Tanten und Onkeln betreut werden», resümiert die Forscherin.

Elstern-Art widerlegt Diebstahl-Klischee

Kritiker wendeten allerdings ein, dass die Studie ja nur die Grosszügigkeit von Primaten getestet habe. Wenn tatsächlich die gemeinschaftliche Betreuung des Nachwuchses entscheidend sei, müsse sich selbstloses Verhalten ja auch in anderen Tiergruppen finden lassen. Bei Vögeln zum Beispiel, wo immerhin jede elfte bekannte Art die Aufzucht der Küken nicht allein der Mutter überlässt. Haben also auch diese Kandidaten einen Hang zur spontanen Grosszügigkeit?

Tatsächlich ist ein Team um Lisa Horn und Jörg Massen von der Universität Wien auf einen Fall von spontanen Futtergeschenken in der Vogelwelt gestossen. Und zwar ausgerechnet bei Elstern, die angeblich eher zum Diebstahl als zum Altruismus neigen sollen. Doch die ostasiatischen Blau-Elstern, die das Team getestet hat, hielten sich nicht an das Klischee. Auch diese Vögel ziehen ihre Küken gemeinschaftlich auf. Und sie zeigten sich in den Experimenten durchaus interessiert am leiblichen Wohl ihrer Gefährten.

Ähnlich wie die getesteten Affen bekamen die Vögel die Gelegenheit, ihren Gefährten Leckerbissen wie Mehlwürmer oder Heuschrecken zuzuspielen. Dazu mussten sie auf einer Sitzstange landen, die einen Wipp-Mechanismus auslöste. Und das taten sie unermüdlich – obwohl ihr eigener Schnabel immer leer blieb. In mehr als 95 Prozent aller Durchgänge bekamen die Artgenossen ihren Happen. Für die Forscher ist das ein Indiz dafür, dass gemeinsame Jungenaufzucht nicht nur bei Menschen und Affen die Grosszügigkeit fördert. Die Idee vom spontanen Schenken ist im Tierreich wohl verbreiteter als gedacht. Weihnachtliche Anlässe sind dafür gar nicht nötig.

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