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ZU FUSS: Der Luxus des Umwegs

Gehen halten wir für die simpelste Sache der Welt. Das täuscht. Es gibt Dutzende von Nuancen der menschlichen Fortbewegung. Und: Wo hört das Spazieren auf und fängt das Wandern an?
Beda Hanimann
Körperliche Leistung, Gemeinschaftsgefühl, Naturerlebnis, Genuss: Wandern ist die Königsdisziplin der menschlichen Fortbewegung (hier im Säntisgebiet). (Bild: Urs Jaudas)

Körperliche Leistung, Gemeinschaftsgefühl, Naturerlebnis, Genuss: Wandern ist die Königsdisziplin der menschlichen Fortbewegung (hier im Säntisgebiet). (Bild: Urs Jaudas)

Beda Hanimann

Einen Fuss abwechselnd vor den anderen setzen, den linken vor, dann den rechten, wieder den linken, den rechten. Und so weiter. Gibt es etwas Einfacheres? Nein, wir machen es ja täglich, ohne weitere Überlegung, und wir können alles Mögliche dabei tun, etwa Kurznachrichten verfassen oder mit andern plaudern – ohne dass wir ins Straucheln geraten und die Kontrolle über unsere Schritte verlieren. Kann also nicht so schwierig sein, das mit dem Gehen.

Einspruch. In Wirklichkeit sei Gehen die schwierigste, komplexeste, vieldeutigste Sache der Welt, schrieb der Basler Schriftsteller Aurel Schmidt vor zehn Jahren in seinem Buch «Gehen»: «Zwei Füsse gehören dazu, aber ohne Kopf geht es nicht, sonst wird das Gehen zum Leerlauf.» Schmidt verweist auf Aristoteles und Lukrez, die schon vor über 2000 Jahren über den Vorgang des Gehens an sich und über dessen einzelne Phasen nachgedacht hätten.

Wie komplex und vielschichtig die menschliche Fortbewegung ist, macht Schmidt auch mit einem Glossar der Gangarten anschaulich. Darin listet er gegen sechzig Nuancen des Gehens auf, vom Bummeln über das Flanieren, Humpeln, Latschen, Marschieren, Schleichen und Schlendern bis zum Trotten und Watscheln.

Der Spaziergang als Metapher für Leichtigkeit

Das alles tun wir, unbewusst. Es mag charakterbedingt sein, es hängt von der jeweiligen Situation ab. Das Gehen ist meist Mittel zum Zweck: Wir wollen von einem Ort an einen anderen kommen, also setzen wir unsere Füsse in Bewegung. Anders verhält es sich beim Spazieren und Wandern. Auch hier gehört die Ortsveränderung dazu, natürlich, aber es geht da auch um das bewusste Gehen an sich.

So klar und eindeutig ist die Sache aber auch hier nicht. Wo hört das Spazieren auf, wo fängt das Wandern an? Der alltägliche Sprachgebrauch hilft fürs erste weiter. «Das war kein Spaziergang», sagen wir, wenn wir auf die Bewältigung einer nicht ganz einfachen Aufgabe zurückblicken. «Womit indirekt gesagt ist, was ein Spaziergang ist, nämlich etwas Leichtes, Heiteres», schreibt Peter Krebs in seinem vor zwei Jahren erschienenen «Wander-Abc Schweiz». Das Tempo kann da ein Kriterium sein, muss aber nicht. Sprachliche Nuancen decken weitere Unterschiede auf. «Wollen wir noch ein bisschen spazieren gehen?», fragen wir aus einer Schönwetterlaune heraus, während es uns nicht einfällt, «noch rasch ein bisschen wandern zu gehen». Spazieren hat etwas Spontanes, während Wandern eine Vorbereitung voraussetzt.

Der Wanderer wird eins mit der Landschaft

Beim Spazieren sind die Aspekte des reinen Gehens und der Bewegungsfreude stärker gewichtet als beim Wandern. Spaziergänger konzentrieren sich eher auf das begleitende Gespräch mit Kollegen oder eigene Gedankengänge, die Umgebung ist nicht so wichtig. Das geht auch in der Stadt, in den Strassen des Quartiers, es darf für den sonntäglichen Verdauungsspaziergang durchaus jedes Mal die gleiche Route sein. Und wenn wir genug haben, kehren wir ohne weiteres um.

So etwas käme dem Wanderer nicht in den Sinn. Wandern setzt nicht nur Vorbereitung, sondern auch ein vordefiniertes Ziel voraus. Und eine Route. Beim Wandern ist die Umgebung wichtiger als beim Spazieren, da ziehen wir los, um eine unbekannte Gegend zu erkunden, einen Berg zu erklimmen, ein Dorf zu erreichen. Um zu sehen, um zu erleben. Der Wanderer ist weniger auf sich bezogen als der Spaziergänger, er verleibt sich der Landschaft ein, wird als Akteur zugleich Kulisse, wie die Bäume, Bauernhäuser und Wasserfälle.

Wandern wird so zur Königsdisziplin des Zu-Fuss-Gehens, denn es vereinigt all dessen Aspekte und zahlreiche weitere in harmonischer Balance. Da ist der reine Genuss am Gehen, aber auch die Anstrengung und das gute Gefühl, etwas zu leisten – und dafür mit prächtigen Ausblicken belohnt zu werden. Da ist Entschleunigung, Naturerlebnis und Gemeinschaftsgefühl.

Es gibt hübsche Analogien aus anderen Lebensbereichen. Der Spaziergänger entspricht dem Velofahrer, der sich in Alltagskleidung aufs Gefährt schwingt, während Wanderer und Töfffahrer an ihrer Spezialkleidung erkennbar sind. Das Spontane des Spazierens passt zum Gestus, noch rasch eine Wurst auf den Grill zu legen, zum Zappen und Surfen auch. Während das Wanderer-Pendant der aufwendigere Lammgigot ist und der Kino- oder Theaterbesuch.

So unterscheiden sie sich, die Spaziergänger und die Wanderer. Gemeinsam ist ihnen der Gang von A nach B. Und der schönste Luxus, dass sie für diesen Gang nicht den direktesten Weg suchen.

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