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ZU SCHWER: «Ich traute mich nicht mehr in die Badi» - Frauen erzählen vom Kampf mit den Kilos

41 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind übergewichtig oder adipös. Bei den Männern beträgt dieser Anteil 51 Prozent, bei den Frauen 32 Prozent. Zwei Frauen erzählen vom Kampf gegen die Kilos.
Linda Müntener
Viele Übergewichtige meiden aus Scham öffentliche Badeanstalten.

Viele Übergewichtige meiden aus Scham öffentliche Badeanstalten.

Linda Müntener

Laura*, 23 Jahre, Primarlehrerin, und Susanne*, 47, Geschäftsführerin, berichten beide über ihr Leben mit Adipositas.

Laura: Ich bin 160 cm gross und wiege 100 Kilo. Seit ich zwölf Jahre alt bin, kämpfe ich mit meinem Übergewicht. Damals sagte man mir in der Ernährungsberatung, ich solle einfach nicht weiter zunehmen. Ich würde ja noch wachsen. Nur bin ich nicht mehr gewachsen. So schlimm wie jetzt war es noch nie. Wirklich ästhetisch fühle ich mich nicht. Bei meiner Körpergrösse wäre wahrscheinlich die Hälfte meines Gewichts normal. Ich wäre aber schon zufrieden, wenn ich 20 Kilo, vielleicht auch 30 Kilo, verlieren könnte.

Die Veranlagung für Übergewicht liegt in den Genen

Als allgemeingütige Messgrösse dient der Body-Mass-Index, also das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergrösse. Von Übergewicht spricht man ab einem BMI von 25, von Adipositas ab 30. In der Schweiz sind derzeit 41 Prozent der Bevölkerung übergewichtig und 11 Prozent adipös. Innerhalb von 20 Jahren hat sich der Anteil der adipösen Menschen nahezu verdoppelt. Thomas Frick, Gesamtleiter des Ostschweizer Adipositaszentrums, führt diese Zunahme vor allem auf die veränderten Lebensstandards zurück. «Das Lebensmittelangebot ist praktisch unbegrenzt.» Hinzu kommt oft Bewegungsmangel, in seltenen Fällen spielen auch Hormonstörungen eine Rolle. Andere haben einfach Pech: Die grundsätzliche Veranlagung für das Übergewicht liegt in den Genen.

Susanne: In meiner Familie sind alle spargeldünn. Nur ich hatte immer Mühe mit meinem Gewicht. Als Kind habe ich Eiskunstlauf betrieben. Ich hatte Ambitionen auf eine Profi-Karriere. Dann, mit 15, hatte ich einen Ski-Unfall und verletzte mich schwer am Knie. Die Sportkar-riere war zu Ende. Für mich war das furchtbar schlimm. Die erste Operation verlief schlecht, seither habe ich Probleme mit meinem Knie. Heute trage ich eine Prothese. Das schränkt mich stark ein. Wenn es mir schlecht geht, bekomme ich Fressattacken. Und wahnsinnige Lust auf Süsses. Ich habe schon alles versucht. Ich war bei der Psychologin, habe Akupunktur ausprobiert. Nichts hat genützt.

Körper regelt das Gewicht automatisch

Unser Essverhalten wird durch das Zwischenhirn reguliert, den Sitz des Überlebensinstinkts. Der Körper regelt das Gewicht so, wie er den Schlaf oder die Fortpflanzung kontrolliert. Automatisch. Diese Einstellung kann durch verschiedene Faktoren gestört sein. «Es gibt Menschen, die springen auf Reize an», sagt Thomas Frick. Sie könnten in einem solchen Moment nicht «Nein» sagen und etwa auf Schokolade verzichten. Das sei kein willentlicher Entscheid. «Die Biologie ist stärker.»

Laura: Mein Gewicht macht mir vor allem beim Shoppen zu schaffen. Es gibt fast keine Läden, die schöne, moderne, junge Kleidung in meiner Grösse anbieten. Ich trage jede Woche die gleichen Outfits. Auch sonst schränkt es mich ein. Im Freizeitpark durfte ich auf einer Bahn nicht mitfahren, weil der Sicherheitsbügel nicht ganz einrastete. Ich musste wieder aussteigen. Das war mir peinlich. Beim Treppensteigen gerate ich ausser Atem, schwitze und schnaufe lauter als andere. Mein Gewicht spüre ich auch im Rücken. Er schmerzt, wenn ich einige Zeit an Ort und Stelle stehe. Auch meine Füsse tun oft weh.

Im Extremfall führt Übergewicht bei Frauen zu Unfruchtbarkeit

Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, leidet eher unter Zuckerkrankheit, Bluthochdruck oder Herzkreislauferkrankungen als Normalgewichtige. Weitere Begleit­erkrankungen sind Fettstoffwechselstörungen wie hohes Cholesterin, Atemstörungen während des Schlafs, Gallensteine oder Gelenkverschleiss. Übergewicht begünstigt zudem verschiedene Krebserkrankungen. Bei Frauen kann extremes Übergewicht zu Unfruchtbarkeit führen.

Susanne: Am meisten belastet mich, wie ich wahrgenommen werde. Die Leute tuscheln, schauen. Ich versuche es zu ignorieren. Das gelingt nicht immer. Zwei Jahre lang traute ich mich nicht mehr in die Badi. Dabei bin ich eine selbstbewusste Frau, ziehe mich immer gut an und achte auf mein Äusseres. Eine Situation werde ich nie vergessen. Ich war mit meiner Schwester in einer Bäckerei, wir bestellten beide ein Croissant. Die Verkäuferin schaute mich an und fragte, ob ich nicht lieber ein Vollkorngipfeli wolle. Dass ich übergewichtig bin, liess man mich auch in Bewerbungsgesprächen spüren. Das Aussehen ist ein Kriterium: Wer übergewichtig ist, gilt als undiszipliniert, unzuverlässig und faul. Das macht mich wütend. Ich führe einen Betrieb mit 23 Leuten und engagiere mich politisch. Mein Gewicht spielt doch keine Rolle. Die Gesellschaft schreibt alle ab, die nicht in die Norm passen. Ich wünsche mir mehr Toleranz. Wir müssen auf Leute zugehen. Meine Familie steht immer hinter mir, für sie ist mein Äusseres überhaupt kein Thema. Dieses Glück haben nicht alle.

Diäten haben meist nur kurzfristigen Erfolg

Oft ziehen sich die Betroffenen zurück, sagt Thomas Frick. «Je mehr ein Übergewichtiger stigmatisiert wird, desto kleiner ist sein Antrieb, etwas dagegen zu tun.» Unterstützung bieten Adipositaszentren, wo Patienten jeden Alters von Spezialisten verschiedener Fachgebiete ganzheitlich betreut werden. Das Angebot reicht von Ernährungsberatung bis Operation. «Die Öffentlichkeit stellt unsere Patienten oft als Versager dar», sagt Frick. «Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer zu uns kommt, nimmt sein Schicksal in die Hand. Davor habe ich grössten Respekt.» Am Anfang einer Therapie steht ein Evaluationsgespräch. Dessen Ziel: die langfristige Planung. «In der konservativen Übergewichtstherapie gibt es keine schnellen Resultate.» Die Spezialisten analysieren das Essverhalten und stellen einen Ernährungsplan sowie ein Fitnessprogramm zusammen.

Laura: Ich habe schon vieles probiert. Die Friss-die-Hälfte-Diät, Low-Carb, eine allgemeine Ernährungsumstellung, Verzicht auf Süsses und Zwischenmahlzeiten. Erfolge hatte ich immer nur kurzzeitig oder gar keine. Ich versuchte einmal, mich proteinreich, kohlenhydratearm und ohne Zwischenmahlzeiten zu ernähren. Dazu trank ich vier Liter Wasser am Tag und war dreimal die Woche für bis zu zwei Stunden im Fitnessstudio. Drei Monate lang tat sich nichts. Am Schluss nahm ich 2,5 Kilogramm ab. Das ist so gut wie nichts. Ich verlor jegliche Motivation und Zuversicht und fand sie nie wieder.

Am Ende bleibt die Operation, zum Beispiel mit Magenband

Bleiben konservative Therapien ohne Erfolg, redet man im Adipositaszentrum über eine Operation. Dabei gibt es drei Methoden. Eine ist der Magenbypass. Der Magen wird unterhalb der Speiseröhre in zwei Teile geteilt. Der kleinere, obere Teil wird direkt mit dem Dünndarm verbunden. Es verbleibt ein verkleinerter Magen, der dem Patienten das Hungergefühl nimmt. Der Patient kann damit wesentlich weniger essen – nimmt allerdings auch weniger Vitamine zu sich. Eine andere Methode ist der Schlauchmagen. Hierbei wird ein grosser Teil des Magens abgetrennt und entfernt, der verbleibende Teil wird zu einem Schlauch gebildet. Ähnlich funktioniert das Magenband. Diese Operation kann im Gegensatz zum Schlauchmagen vollständig rückgängig gemacht werden. Welche Methode sich am besten eignet, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Susanne: Ich habe mir schon einmal überlegt, mir einen Magenbypass machen zu lassen. Doch dann habe ich mir gesagt: Ich bin halt so, wie ich bin. Ich bin mehr als mein Gewicht. Klar würde ich gerne wieder ein paar Kilos abnehmen. Doch ich habe akzeptiert, dass ich niemals rank und schlank sein werde. Ich mache viele Velotouren im Sommer, gehe gerne schwimmen. Aber nicht in erster Linie, um Gewicht zu verlieren. Es tut mir einfach gut. Eine Operation kommt für mich momentan nicht in Frage.

«Der Wunsch für Operation muss aus tiefstem Innern kommen»

Die Technik der chirurgischen Eingriffe hat in den vergangenen 15 Jahren einen grossen Schritt gemacht. Dennoch sind die Operationen riskant. Frick vergleicht sie mit einem Flug: «Besteigen Sie das Flugzeug, können Sie sich ziemlich sicher sein, dass sie heil ankommen. Geht allerdings etwas schief, kann es dramatisch werden.» Bei der bariatrischen Chirurgie ist es ähnlich – wenn auch weniger gravierend. Die allermeisten Eingriffe verlaufen ohne Komplikationen. «Und sollten solche auftreten, sind wir gerüstet», sagt Thomas Frick. Der chirurgische Leiter würde niemals jemanden zu einer Operation überreden oder drängen, sagt er. «Das muss aus dem tiefsten Innern des Patienten kommen.»

Laura: Seit einigen Monaten denke ich alle paar Tage über eine Operation nach. Ich vergleiche Magenband mit Magenbypass und versuche mir vorzustellen, was dabei auf mich zukommen würde, was andere von mir denken, wo ich eingeschränkt werde, was die Entfernung übriger Haut kosten würde, wie viele Tabletten ich zur Nahrungsergänzung schlucken müsste, worauf ich mich freuen würde, wie ich wohl aussehen würde, und, und, und. Ich kenne zwei Personen, die das gemacht haben, deshalb weiss ich schon relativ viel darüber. Im April habe ich meinen nächsten Arzttermin. Dann werde ich das Thema bestimmt ansprechen.

*Namen von der Redaktion geändert

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