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ZUKUNFT: Warum Literaten und Filmemacher auch Zukunftsvisionäre sind

Haben sie es kommen sehen? Die «Simpsons» sagten die Präsidentschaft Donald Trumps und den Verkauf ihrer Produktionsfirma an Walt Disney schon vor Jahren voraus.
Julia Stephan
Homer Simpson wird im Spot «Trumptastic Voyage» aus dem Jahr 2015 zum unfreiwilligen Wahlhelfer Donald Trumps. (Bild: Screenshot Fox)

Homer Simpson wird im Spot «Trumptastic Voyage» aus dem Jahr 2015 zum unfreiwilligen Wahlhelfer Donald Trumps. (Bild: Screenshot Fox)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Die Macher der US-Zeichentrickserie «Die Simpsons» haben die Dinge immer schon etwas früher kommen sehen. Sogar das Szenario einer Übernahme ihrer eigenen Produktionsfirma 21st Century Fox durch den Unterhaltungsriesen Walt Disney, das letzte Woche offiziell bekannt ­gegeben wurde, hatten die «Simpsons» in einer Folge aus dem Jahr 1998 gedanklich längst durchgespielt.

Doch das ist längst nicht alles. Gleich zweimal sollen die Macher der Serie Donald Trumps Präsidentschaft vorausgesehen haben. In der Folge «Barts Blick in die Zukunft» aus dem Jahr 2000 wird Barts kleine Schwester Lisa als erste weibliche US-Präsidentin inthronisiert. Die blitzgescheite Lisa übernimmt ein Land, das von Ex-Präsident Donald Trump in den Ruin gewirtschaftet wurde. «We inherited quite a budget crunch from President Trump», kommentiert die neue Präsidentin kühl die Scherben ihre Vorgängers.

Anlass für unzählige Verschwörungstheorien

Diese Folge, zusammen mit einem Spot aus dem Jahr 2015, in dem Trump winkend vor seinen Sympathisanten eine Rolltreppe runterläuft – die Abwärtsbewegung kann wohl als satirischer Seitenhieb gewertet werden – wurde zum Anlass für unzählige Verschwörungstheorien im Netz. Blogger vergleichen seither akribisch die Siegesgesten Trumps, herunterfallende Wahlplakate und Wahlergebnisse mit Videoaufnahmen und sprechen der ­Serie prophetische Qualitäten zu.

Damit ist die Serie bei weitem nicht das erste kulturelle Erzeugnis, dem man hellseherische ­Fähigkeiten zugesprochen hat. Als Jonathan Swift 1726 seinen satirischen Roman «Gullivers Reisen» veröffentlichte, wusste die Wissenschaft noch nichts von den zwei Marsmonden, die Swift in seinem Roman beschreibt. Erst knapp 150 Jahre später, im Jahr 1877, wurden sie vom US-­Astronom Asaph Hall entdeckt. Einer der Mondkrater trägt zu Ehren des Autors heute Swifts Namen.

Vor allem die erste bemannte Mondlandung hat viele fantasiebegabte Geister bewegt, und zwar lange, bevor erstmals ein Mensch 1969 seinen Fuss auf die Kraterlandschaft setzte. Angefangen im 17. Jahrhundert mit dem Roman «Somnium» (1634) des deutschen Astronomen Johannes Keppler bis zu einer Folge der Comic-Reihe «Tim und Struppi» des belgischen Zeichners Hergé. In «Schritte auf dem Mond» (1954) ist es Tims Hund Struppi, der als erster ein Lebenszeichen von sich gibt. Ob er wusste, dass seine Artgenossin, die russische Hündin Leica, nur drei Jahre später als erstes Lebewesen die Erde umrunden würde?

«Es ist immer eine Ermessensfrage, inwieweit man eine Voraussage als zutreffend empfindet», sagt zu diesen Zufällen der Filmwissenschafter Simon Spiegel. Er hat sich intensiv mit Dystopien und Utopien im Film beschäftigt. «Leben wir heute im bedrohlichen Überwachungsstaat von Orwells ‹1984› oder doch eher im Reality-Show-Format im Stil von Peter Weirs ‹The Truman Show›? Es gibt Menschen, die sind sogar der Ansicht, dass heute alles noch viel schlimmer sei als in diesen beiden Werken.»

Ältere Stoffe überraschend jung

Spiegel zielt mit seiner Aussage auf die Frage ab, ob es nicht vielmehr unsere sehr persönlichen Gegenwartserfahrungen sind, die beeinflussen, was wir in diese Werke hineininterpretieren. Denn je nach Erfahrungswert können selbst ältere Stoffe wieder überraschend jung aussehen.

Etwa die in diesem Jahr erstmals ausgestrahlte US-Serie «The Handmaid’s Tale». Die literarische Vorlage von Margaret Atwood stammt aus dem Jahr 1983 und zeichnet das Bild einer Religionsdiktatur, in der Frauen von selbstbestimmten Wesen zu Gebärmaschinen degradiert werden. In den USA, wo das Abtreibungsrecht verschärft werden soll, politische Amtsträger mit Sexismus kokettieren und christliche Fundamentalisten politisch Einfluss üben, wirken solche Szenarien weniger fernliegend als noch vor wenigen Jahren. Ein Grund, warum die Serie in den USA derzeit viele Anhänger hat.

Der Erfolg von «The Handmaid’s Tale» rückt auch noch ­einen anderen Aspekt in den Vordergrund: «Science Fiction und Utopien sind in den seltensten Fällen als Prognosen intendiert. Sie sagen immer mehr über die Gegenwart aus als über die Zukunft», ist Filmwissenschafter ­Simon Spiegel überzeugt. Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» oder die Star-Trek-Serie «Raumschiff Enterprise» ohne die Erfahrung des Kalten Krieges? Undenkbar. Fritz Langs ­monumentaler Science-Fiction-Stummfilm «Metropolis» ohne die Erfahrung industrieller Massenproduktion? Unmöglich! Dass man in der Drehbuchversion von «The Handmaid’s Tale» die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung, die in Atwoods ­Roman ursprünglich ebenso vorkommt wie die Unterdrückung der Frau, fürs Drehbuch gestrichen hat, sagt vor allem etwas ­darüber aus, wie sich die amerikanische Gesellschaft gegenwärtig definiert.

Wie Jonathan Franzen Spotify erklärt

Sicher hat die wissenschaftliche Akkuratesse vieler Filme und ­Romane auch mit dem Interesse von Autoren an technischen Entwicklungen zu tun. Viele Science-Fiction-Autoren waren selbst Wissenschafter. Aber längst nicht alle. Ausgerechnet der für seine Internet- und Twitter-Phobie ­bekannte US-Autor Jonathan Franzen lässt in seinem Roman «The Corrections» (2001), einige Jahre, bevor der Musikstreamingdienst Spotify zur Standardausrüstung eines Handybenutzers gehört, seine Romanfigur Brian eine Software namens «Eigenmelody» entwickeln. «Eigenmelody» schlägt dem Hörer ähnlich klingende Songs vor.

Wissenschaft und Kunst haben sich zu allen Zeiten innovativ unter die Arme gegriffen. Manche Zukunftsvisionen aus dem Feld der Kultur haben die Fantasie von Wissenschaftern regelrecht beflügelt. Jules Verne lieferte mit seinem Unterseeschiff Nautilus im Roman «20 000 Meilen unter dem Meer» den ­Impuls für die Entwicklung des U-Boots. US-Ingenieur Martin Cooper überzeugte das handliche Klapptelefon, das die Besatzung der US-Serie «Raumschiff Enterprise» immer mit sich herumtrug. Den «Communicator» im Originaldesign gibt’s inzwischen auch als Gadget auf dem Markt zu kaufen – mit Bluetooth-Funktion. Genauso, wie der selbstschnürende Schuh aus dem zweiten Teil der Kultfilmtrilogie «Back to the Future» aus den 1980er-Jahren.

Als die Zeitrechnung die Zeitebene des zweiten Films (2015) erreicht hatte, schrieb Nike-Designer Tinker Hatfield persönlich an den Hauptdarsteller Michael J. Fox: «Wir sind stolz, ein fiktives Produkt in die Realität umzuwandeln.» 2016 kam der Sneaker auf den Markt.

Manchmal darf Kunst sogar bei Rechtsstreitigkeiten mitreden. Etwa beim Patentstreit zwischen Apple und Samsung über die Frage, wer das Design des ­Tabletcomputers erfunden hat. 2011 behauptete Konkurrent Samsung vor Gericht, Filmemacher Stanley Kubrick habe das Tablet erfunden, lange bevor es Steve Jobs der Welt auf dem Silbertablett servierte. Als Beweise führte man Filmstills aus «2001: A Space Odyssey» (1968) an, auf denen Astronauten vor flachen Computerbildschirmen sitzen.

Wie ein Literat den Roboter erfand

Beispiele wie diese zeigen, dass die Vorstellung von Zukunft in ­Literatur und Film Entwicklungen der Wissenschaft auch vorspuren kann. Eine besonders ­faszinierende Entwicklung machte der Begriff des Roboters. Der begann nämlich seinen Siegeszug in der Literatur. Als der Tscheche Karel Capek von seinem Bruder Josef den Begriff übernahm, den dieser in Anlehnung an das slawische Wort «robota» für Knechtdienst erfand, um das Roboter-Drama «R.U.R» (1920) zu schreiben, ahnte er nicht, dass hundert Jahre später Robotik und künstliche Intelligenz heiss gehandelte Themen auf dem Wissenschaftsmarkt sein würden.

In «R.U.R. – Rossum’s Universal Robots» werden Roboter im grossen Stil industriell her­gestellt. Das Stück reflektiert das Potenzial und die Gefahren künstlicher Intelligenz. «Du wirst keine andere Aufgabe, keine andere Arbeit, keine andere Sorge haben, als dich selbst zu vervollkommnen», erklärt darin Fabrikdirektor Domin einer jungen Frau die Vorzüge des Roboterzeitalters. Im ausgehenden Jahr 2017 klingt dieser Satz, der bestimmt pathetischer gemeint war, schon wieder erschreckend banal.

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