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ZWEITER WELTKRIEG: Die grösste Evakuierung der Geschichte: Was geschah wirklich?

Im Kino läuft «Dunkirk» über die berühmte Evakuierung alliierter Soldaten. Christopher Nolans Film sieht sich nicht als Geschichtslektion. Was geschah wirklich? Und welches ist die entscheidende Frage, über die Historiker bis heute streiten?
Arno Renggli
Eines der rund 1000 Schiffe, darunter viele nichtmilitärische wie dieses, die 1940 bei der Evakuierung aus Dünkirchen beteiligt waren. (Bild: Keystone)

Eines der rund 1000 Schiffe, darunter viele nichtmilitärische wie dieses, die 1940 bei der Evakuierung aus Dünkirchen beteiligt waren. (Bild: Keystone)

Arno Renggli

1940: Es ist die grösste Evakuierung der Geschichte. Zwischen dem 26. Mai und dem 4. Juni werden rund 340000 alliierte Soldaten aus dem französischen Dünkirchen nach England gerettet. In Grossbritannien feiert man das, was eigentlich ein Rückzug ist, als Sieg. Das «Wunder von Dünkirchen» wird zum moralischen Rückhalt, auch während der folgenden deutschen Luftangriffe.

Einen knappen Monat zuvor, am 10. Mai 1940, hat Adolf Hitler den «Fall Gelb» befohlen, den Angriff auf Frankreich und die Benelux-Länder. Deutsche Panzerverbände erreichen die französische Kanalküste innert zehn Tagen, andere Truppen überrennen Belgien. Plötzlich sind Hundert­tausende britische, französische und bel­­­gische Soldaten vom Nachschub ab­­ge­­­schnitten. Eine Situation, welche Deutsche wie Alliierte gleichermassen überrascht.

Die britische Regierung unter Wins­ton Churchill realisiert den Ernst der Lage und gibt der Royal Navy die Planung einer riesigen Rettungsaktion in Auftrag: die Operation «Dynamo». Noch hofft man in London auf eine militärische Wende und wartet ab. Doch Gegenoffensiven scheitern. Lord Gort, Kommandant der eingeschlossenen britischen Truppen, schlägt vor, die Evakuierung zu starten. Dabei lässt er den französischen Befehlshaber tagelang im Glauben, dass sich die britischen Soldaten an weiteren Gegenoffensiven beteiligen würden.

Ein folgenreicher Befehl zum Halt

Am 22. Mai beginnen die deutschen Panzer den Vormarsch Richtung Calais, am 24. Mai sind sie nur noch wenige Kilometer von Dünkirchen entfernt. Und an diesem Tag geschieht etwas Entscheidendes: Entgegen der Meinung seiner obersten Heeresführer, die auf einen vernichtenden Angriff gegen die eingeschlossenen Alliierten drängen, erteilt Hitler den Befehl zum Anhalten. Dies gibt den Briten und Franzosen die Zeit, um sich nach Dünkirchen zurückzuziehen, wo eine Evakuierung möglich ist.

Als die Deutschen diese Absicht realisieren, setzt Hitler die Panzerverbände wieder in Bewegung. Doch die verstrichenen zwei Tage reichen dem alliierten Verteidigungsdispositiv aus, um den Vormarsch so zu verlangsamen, dass die Evakuierung gelingt. Hunderte von Schiffen und Booten jedweder Art, Fähren, Handelsschiffe, Ausflugsdampfer, Jachten, Ruderboote, transportieren trotz steter deutscher Luftangriffe bis zum 4. Juni fast 340 000 alliierte Soldaten, darunter auch rund 100 000 französische und ­einige Belgier, aufs britische Festland.

Als die Deutschen am 6. Juni Dünkirchen erobern, finden sie alliierte Panzer, Geschütze, total über 50 000 Fahrzeuge, dazu Zehntausende Tonnen Munition und Verpflegung vor. Sowie am Strand Tausende von Helmen, welche die Alliierten zurückgelassen haben, als sie durchs Wasser zu den Booten und Schiffen waten und schwimmen mussten. Das Material ist verloren, die Soldaten aber werden zum grossen Teil gerettet.

Doch nicht alle Alliierten können evakuiert werden: Zehntausende, vor allem Franzosen und Belgier, die den Vormarsch der Deutschen gebremst haben, geraten in Kriegsgefangenschaft. Gleiches passiert auch Tausenden französischer Soldaten, die nach ihrer Rettung umgehend nach Frankreich zurücktransportiert werden, um gegen die Deutschen weiterzukämpfen. Ohnehin darf ob der legendären Evakuierung nicht vergessen werden, dass bei den Kämpfen um Dünkirchen dennoch Zehntausende britischer, französischer, belgischer und auch deutscher Soldaten sterben.

Hitler überschätzte seine Luftwaffe

Eine Sache ist indes bis heute rätselhaft. Was hat Hitler zum Stopp vom 24. Mai bewogen, der die Evakuierung zeitlich erst ermöglichte und eine militärische Katastrophe der Alliierten verhinderte?

Es gibt diverse mögliche Gründe, über welche sich Historiker wohl auch künftig streiten werden. Eine Erklärung besagt, dass Hitler die Spitze seiner Panzerverbände als zu exponiert und somit als anfällig für eine alliierte Umzingelung erachtete. Daher habe er ein breiteres Nachrücken abwarten wollen. Womöglich wollte er die Panzer generell schonen und glaubte daher umso bereitwilliger den Versprechungen seines Luftwaffenchefs Hermann Göring, man könne die alliierten Truppen durch blosse Fliegerattacken ausschalten.

In der Folge zeigte sich, dass er die Kraft der Luftangriffe überschätzt hatte, weil das schlechte Wetter mit tief liegenden Wolken deren Effektivität einschränkte sowie der weiche Sandboden am Strand von Dünkirchen die Bombenexplosionen dämpfte. Womöglich unterschätzte er im gleichen Zug auch, dass die Briten mit Kriegsschiffen und eigenen Flugzeugen die evakuierenden Schiffe verteidigen und der deutschen Luftwaffe grosse Verluste zufügen würden.

Die Machtgeste des militärischen «Naturtalents»?

Es gibt noch andere Erklärungsversuche. Hoffte Hitler, die Briten, die ihm in seinen kruden völkischen Ansichten sympathischer waren als andere, zu Friedensverhandlungen zu zwingen oder gar als Verbündete zu gewinnen? Hatte er deshalb Hemmungen, die eingekreisten Truppen zu vernichten? Wollte er sie gar als politisches Druckmittel verwenden?

In den letzten Jahren tauchte eine weitere Theorie auf, die etwa der deutsche Historiker Karl-Heinz Frieser vertritt: Hitler hatte den Stopp-Befehl gegeben, weil er seinen Generälen zeigen wollte, wer bei solchen Entscheidungen das Sagen hat. Und so nahm er genau die Gegenposition der Armeeoberen ein, die den Angriff befürworteten. Es soll demnach also um Macht und Prestige gegangen sein – psychologisch gesehen vielleicht darum, dass sich Hitler, der kleine Gefreite des Ersten Weltkriegs, der sich als militärisches Naturtalent sah, gegen die etablierten Profis durchsetzen wollte.

Aus deutscher Sicht war Hitlers Befehl wohl ein grosser militärischer Fehler. Und somit ein Glück für die Alliierten. Es ist naheliegend, dass er den weiteren Verlauf des Weltkrieges wesentlich mitbeeinflusste. So kann man vermuten, dass die Regierung Churchill es wohl nicht überlebt hätte, wäre die britische Armee bei Dünkirchen aufgerieben worden. Und wie resistent hätte eine neue Regierung auf ein mögliches Friedensangebot Hitlers reagiert?

Stattdessen stärkt das «Wunder von Dünkirchen» den Widerstandswillen. Für die Franzosen indes ist Dünkirchen zunächst weniger «wundervoll». Sie fühlen sich viel eher von den Briten im Stich gelassen. Am 14. Juni 1940 wird Paris erobert, am 22. Juni kapituliert die französische Armee. Andererseits werden die aus Dünkirchen evakuierten britischen Soldaten dann Teil der Einheiten, die im Juni 1944 Anteil an der entscheidenden Invasion in der Normandie haben.

Hinweis

Der Film «Dunkirk» läuft seit Donnerstag in unseren Kinos. Eine ausführliche Kritik brachten wir am vergangenen Dienstag.

Die Evakuierung von Dünkirchen ging in die Geschichte ein. (Bild: Isi)

Die Evakuierung von Dünkirchen ging in die Geschichte ein. (Bild: Isi)

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