1. AUGUST: «Das Rütli ist der idealste Erinnerungsort»

Was macht das typisch Schweizerische aus? Historiker Georg Kreis setzt auf «gemeinsame Erinnerungsorte» wie das Rütli – und sagt, wieso es Rösti in seinen Swissness-Katalog geschafft hat – Fondue aber nicht.

Interview Kari Kälin
Drucken
Teilen
Kinder formieren sich mit roten und weissen Schildern zu einer grossen Schweizer Fahne: 1.-August-Feierlichkeiten letztes Jahr auf der Rütliwiese. (Bild: Photopress; Pro Juventute/Robert Boesch)

Kinder formieren sich mit roten und weissen Schildern zu einer grossen Schweizer Fahne: 1.-August-Feierlichkeiten letztes Jahr auf der Rütliwiese. (Bild: Photopress; Pro Juventute/Robert Boesch)

Georg Kreis, jedes Jahr am 1. August betreibt man hierzulande eine Art Selbstvergewisserung. Landauf, landab versuchen Redner herauszuschälen, was die Schweiz ausmacht. Wozu ist das gut?

Georg Kreis: Selbstreflexion in der individuellen, aber auch in der kollektiven Variante ist immer gut, sofern man ihr im anschliessenden Handeln Rechnung trägt. Die meisten dieser zivilreligiösen 1.-August-Predigten sind ja sehr selbstkritisch. Die Nation redet sich ins Gewissen, betont ihre Werte und hält fest, dass diese längst nicht so gut umgesetzt werden, wie es die Schweiz nötig hätte.

Sie haben in Ihrem Buch – in Anlehnung an die Anzahl Kantone – 26 so genannte Erinnerungsorte herausgepickt, die das Schweizerische ausmachen. Erklären Sie bitte kurz: Was ist ein Erinnerungsort?

Kreis: Erinnerungsorte sind gesamtgesellschaftliche Bezugspunkte, die einen kulturellen Vorrat bilden, über den man sich über mehr oder weniger wichtige Gemeinsamkeiten verständigt. Ich muss diese Definition immer wieder improvisiert reproduzieren. Ist sie nachvollziehbar?

Ja, sie leuchtet ein – gerade für die Schweiz, die sich nicht auf eine gemeinsame Sprache und Kultur berufen kann. Braucht sie deshalb umso mehr Erinnerungsorte?

Kreis: Die Schweiz hat sich schon im 19. Jahrhundert bei der Gründung des modernen Bundesstaates als Willensnation verstanden. Der Blick auf die gemeinsame Geschichte bestärkt diese Willensgemeinschaft. Ich möchte deshalb neben «Sprache und Kultur» unbedingt auch die gemeinsame Geschichte als Kohäsionselement in Erinnerung rufen.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Swissness-Inventar zu erstellen?

Kreis: In den letzten dreissig Jahren sind in anderen Nationen solche zum Teil mehrbändige Inventare entstanden, und es gibt nun den Versuch, auch gesamteuropäische Erinnerungsorte gleichsam zu kartografieren. Bei einigen habe ich mitgewirkt, so war es naheliegend, das auch einmal für die «eigene» Gesellschaft zu machen. Aber ohne dogmatische Absicht, nur als Test, ob die Versuche, solche «Orte» zu erfassen, funktionieren oder nicht.

Wie kommt es, dass banale Alltagsgegenstände wie Schokolade, namentlich die Toblerone, das Potenzial haben, Erinnerungsort zu sein respektive nationale Identität zu stiften?

Kreis: Wir leben meistens im Alltag. Für beide Seiten, für die hohe nationale Idee und den Alltagsmenschen, ist es eine interessante Sache, Erinnerungsorte auf dem Schreibpult oder im Lebensmittelsortiment als symbolisch aufgeladene Objekte stets bei sich zu haben. Ein Soldatenmesser ist dann eben mehr als bloss ein Messer, weil es Träger einer nicht abschliessend definierten Art von Swissness ist.

Rütli, Bruder Klaus, Wilhelm Tell, Einsiedeln, Bourbaki-Panorama, Arnold Winkelried oder eben das Soldatenmesser: All diese Erinnerungsorte haben einen Bezug zur Zentralschweiz. Ist die Zentralschweiz besonders «schweizerisch», obwohl sie im Sonderbundskrieg unterlag und damit bei der Gründung der modernen Schweiz im Abseits stand?

Kreis: Der junge Schweizer Staat wollte sicher der Verliererpartei des Bürgerkriegs von 1847 bewusst Be­deutung zusprechen – sozusagen als Kompensation. Am Entstehen der ­Rütli-Wiese und des Stanser Winkelried-Denkmals sind deshalb die protestantischen Zürcher stark beteiligt. Dann bezogen sich auch noch die Romands auf die Rütliwiese als Gründermythos, obwohl dies ja nicht ihre Geschichte war ...

Weshalb haben Sie die Rösti zu einem Erinnerungsort erkoren und nicht das Fondue?

Kreis: Ich habe eine Auswahl ohne Vollständigkeitsanspruch getroffen. Erinnerungsorte brauchen eine öffentliche ­Bedeutung, und diese lebt zu einem wichtigen Teil von Geschichten und Kontroversen. Zum Kartoffelgericht sind mir da einfach mehr Dinge eingefallen als zum Käsegericht.

Machen wir einige Proben aufs ­Exempel: Was kann ein Westschweizer oder ein Tessiner mit dem Rütli anfangen?

Kreis: Diese kleine Arena am Vierwaldstättersee ist der absolut idealste Erinnerungsort: einerseits einzigartig, andererseits über die Nutzung während ­Jahrhunderten mit viel Geschichten verbunden und zugleich noch Raum, um eigene Projektionen zu entwickeln. Das Rütli ist für Romands und Tessiner zum Teil noch wichtiger als für Deutschschweizer. Neben der Einzigartigkeit ist auch ­ die Dauerhaftigkeit zu würdigen. Erinnerungsorte haben nicht immer ein gleich langes und gleich präsentes Dasein. Und man kann sich fragen, wie viele der von mir erfassten Orte der jüngeren und jüngsten Generation noch etwas sagen. Wer hat noch Beresina und Bourbaki intus? Gerade diesbezüglich ragt das Rütli heraus.

Kann sich ein Protestant mit dem ­katholischen Wallfahrtsort Einsiedeln identifizieren?

Kreis: Das ist nicht eine Frage des Ja oder Nein, sondern des Wie. Zudem können sich auch Zigeuner und Tamilen mit Einsiedeln und seiner Schwarzen Madonna speziell identifizieren. Von einem gewissen Grad an Geschichtlichkeit und Touristenattraktivität wird der Ort zum Selbstläufer. Ich könnte mir auch als Protestant Santiago de Compostela aneignen – einfach anders.

Was kann ein Sozialdemokrat dem Bankgeheimnis abgewinnen?

Kreis: Nehmen wir an, dass Sozialdemokraten das Bankgeheimnis nicht mögen – ohne dies generalisieren zu wollen: Das Nichtmögen, das Dagegen-Sturmlaufen, ja das Hassen kann auch konstitutiv für ein Erinnerungsort sein. Bei den meisten Erinnerungsorten dominiert das Positive. Doch auch der negative «Approach» ist eine Art der Pflege.

Muss ein eingebürgerter Kosovo-­Albaner Heidi-Fan sein?

Kreis: Er wird es möglicherweise mehr sein als viele eingeborene Eidgenossen. Zuwanderer neigen manchmal zu einer kompensatorischen Überidentifikation.

Es fällt auf, dass kein einziger Politiker in Ihrem Swissness-Inventar aufgeführt ist. Weshalb?

Kreis: Was ist ein Politiker? Wenn ich mich richtig erinnere, befindet sich General Guisan in meiner Galerie – eine herausragende, durchaus auch politische Persönlichkeit und keine Dutzend-Erscheinung.

Hätte ein derzeit amtierender Bundesrat das Potenzial, dereinst als Erinnerungsort zu figurieren?

Kreis: Wohl am ehesten noch Eveline Widmer-Schlumpf. Für die einen stellt sie einen Rettungsengel, für andere eine Hexe dar, die verbrannt werden sollte. Aber sowohl die gute wie auch die schlechte Reputation des Tagesgeschehens ist vergänglich.

Wie feiern Sie den 1. August?

Kreis: Ich bin wie meistens im Tessin, wo man von der Vaterlandsweihnacht spricht «Natale della Patria». Vielleicht bin ich dabei – vielleicht auch nicht.

Hinweis

Georg Kreis (69) ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. Er ist Autor des Buches «Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness» (NZZ-Verlag, 2010).

Vom Bernhardiner bis zu Kaiseraugst

Der emeritierte Basler Historiker Georg Kreis hat in seinem Buch – in Anlehnung an die Anzahl Kantone – 26 Erinnerungsorte auserkoren und damit eine Art Swissness-Inventar erstellt. Kreis unterscheidet fünf Kategorien von Erinnerungsorten.  Die grösste Gruppe bilden die «Ereignisorte». Dazu zählen das Rütli, die Landsgemeinde, der Wallfahrtsort Einsiedeln, die Solddienste, das Beresinalied, das Bourbaki-Panorama in Luzern und die Schlacht bei Marignano.

Die zweite Gruppe besteht aus realen oder fiktiven Personen: Wilhelm Tell, Bruder Klaus, Arnold Winkelried, Johann Heinrich  Pestalozzi, Gilberte de Courgenay, Henri Guisan und Heidi. Als dritte Kategorie kommen die Alpen zum Zuge, repräsentiert durch den St. Gotthard, den Bernhardiner-Hund, das Chalet und das Grand Hotel in Locarno.

Die vierte Gruppe – Rösti, Soldatenmesser, Toblerone, Bankgeheimnis – erinnert auf vielschichtige Weise an den schweizerischen Alltag. Die letzte Kategorie repräsentiert die helvetische Technik. Zum Zug kommen der Walliser Staudamm Grande Dixence, die Swatch-Uhr, die Swissair und das Kernkraftwerk Kaiseraugst.