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Kantone in der Klemme: Lehrermangel spitzt sich zu

Lange wurde er vorhergesagt, nun ist er da: Der Lehrermangel trifft Schulen landesweit – allerdings auf andere Weise als gedacht. Die Kantone suchen bereits nach Lösungen.
Yannick Nock
Vor allem Frauen unterrichten in der Primarschule – viele in einem Teilzeitpensum.Bild: Peter Schneider/Keystone (Thun, 5. März 2015)

Vor allem Frauen unterrichten in der Primarschule – viele in einem Teilzeitpensum.
Bild: Peter Schneider/Keystone (Thun, 5. März 2015)

Manchmal erinnert die Geschichte des Lehrermangels an das Theaterstück «Warten auf Godot». Zwei Landstreicher harren neben einer Landstrasse und einem kahlen Baum und warten auf ebendiesen Godot. Nur erscheint er trotz aller Ankündigungen nie. Ähnlich verhielt es sich in den vergangenen Jahren mit dem Lehrermangel. Schulen und Experten warnten ständig vor ihm, eingetroffen ist er nicht – bis jetzt.

Der Schweizer Lehrerverband verkündet die Trendwende auf seiner Homepage: Der Lehrermangel zeige sich nun an vielen Orten sehr deutlich – allerdings anders als gedacht. Denn noch gelänge es vielen Schulen, die Probleme zu kaschieren. Offene Stellen könnten fast immer besetzt werden, doch häufig mit «nicht adäquat ausgebildeten» Personen. Der Verband spricht deshalb von einem ­qualitativen Lehrermangel. Es sei eine ­beliebte Variante der Schulen, fach- oder stufenfremde Lehrer zu engagieren. Auch nicht ausgebildete Quereinsteiger würden öfter eingestellt. Die Folge: Vor der Klasse stehen Lehrer, welche nicht die nötige Ausbildung mit sich bringen.

Zwar seien viele Quereinsteiger engagiert und brächten der Schule neue Impulse, sagt Samuel Zingg, Vizepräsident des Lehrerverbandes. Doch erfahrene Teammitglieder müssten deswegen zusätzliche Aufgaben im Kollegium übernehmen, da die Neuen mit der Vorbereitung des Unterrichts ausgelastet seien. Selbst dann bleibt es für die Neulinge schwierig. «Viele gehen an die Grenze der Belastbarkeit, weil ihnen ­ die nötige Ausbildung fehlt», sagt Zingg. Einige überfordern sich selbst.

So viele Schüler wie nie

Hauptgrund für den Lehrermangel sind die steigenden Schülerzahlen. Bis 2025 werden in mehreren Kantonen historische Höchstwerte erreicht. In Basel-Stadt, Zürich und im Thurgau dürfte die Zahl der Kinder am stärksten steigen, am wenigsten in Neuenburg, Uri und im Tessin. Gemäss dem Schweizer Bildungsbericht werden bis 2025 in der obligatorischen Schule knapp 120 000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern sitzen. Ein massiver Zuwachs, der allerdings nicht das einzige Problem sein wird. In den kommenden Jahren gehen Tausende Lehrer in Pension. Es klafft eine grosse Lücke. Die Pädagogischen Hochschulen kommen mit der Ausbildung neuer Lehrkräfte kaum nach. «Wir werden unseren Beitrag leisten, aber allein können wir den zusätzlichen Bedarf nicht decken, sagte Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich, diese Woche im «Tages-Anzeiger». Stefan Wolter, Mitverfasser des Bildungsberichts und Professor an der Universität Bern, rechnet damit, dass die Volksschule jährlich über 10 000 neue Pädagogen braucht. Zu den 7000 Primarlehrern kämen über 3000 Lehrer der Oberstufe hinzu, sagt er. Dass es so viele sind, liegt auch an den Aussteigern. Einerseits bleiben junge Lehrer dem Beruf nicht ewig treu. 20 Prozent geben innerhalb der ersten fünf Jahre auf. Andererseits verlassen viele Lehrerinnen den Beruf temporär oder reduzieren ihr Pensum sehr stark.

Und ein weiterer Trend verschärft die ohnehin angespannte Situation: Der Lehrerberuf ist zum Teilzeitjob geworden. Arbeiteten Primarlehrer vor 20 Jahren meistens Vollzeit, ist das längst nicht mehr der Fall. Die Erstklässler haben zwar einen Klassenlehrer oder eine Klassenlehrerin, diese sind aber nicht mehr jeden Tag an der Schule. Frauen und Männer mit kleineren Pensen füllen die Lücke. Spitzenreiter ist der Aargau. In keinem anderen Kanton arbeiten mehr Lehrer Teilzeit. Gemäss Bildungsbericht unterrichtet fast die Hälfte der Aargauer Primarlehrerinnen und -lehrer in einem Pensum unter 50 Prozent. Auch in Luzern, Solothurn oder Bern sind die Pädagogen öfter in tiefen Pensen beschäftigt.

Ganz anders im Kanton Genf. Dort arbeiten Primarlehrer fast immer Vollzeit. Das ist kein Zufall, denn die Stellen werden entweder zu 100 Prozent oder im Jobsharing (zweimal 50 Prozent) ausgeschrieben. Es ist faktisch ein Teilzeit­verbot. Der Kanton hat diese Regelung durchgesetzt, um einen Lehrermangel zu verhindern, was bisher gelingt.

Andere Kantone interessieren sich bereits für das Modell. Im Kanton Bern fordert eine überparteiliche Gruppe von bürgerlichen Grossräten in einer Motion ein Mindestpensum. Alle Lehrer sollen mindestens 35 Prozent arbeiten. Zürich hat vor vier Jahren eine vergleichbare Regelung eingeführt. Die Lehrer bleiben dagegen. «Ein Mindestpensum wäre kontraproduktiv», sagt Vizepräsident Zingg. Er befürchtet, dass dies eine Kündigungswelle auslösen könnte. Dies würde die Situation weiter verschärfen.

Mindestpensum von 50 Prozent?

Laut Bildungsökonom Stefan Wolter wäre eine leichte Pensumserhöhung die effektivste Art, den Lehrermangel zu beheben. Denn Quereinsteiger und Studenten auszubilden, kostet viel Geld. «Würde jede Lehrkraft ihr Pensum um nur 10 Prozent erhöhen, gäbe es keinen Lehrermangel», sagt er. «Wenn sich der Mangel verschärft, müssen die Kantone über ein Pflichtpensum diskutieren.» Ein Mindestpensum von 30 bis 50 Prozent sei vorstellbar.

Die Lehrer wollen hingegen vor allem eines: die Rahmenbedingungen attraktiver gestalten. Dazu zählen sie unter anderem mehr Lohn, weniger Unterrichtsstunden sowie Klassengrössen um die ­ 20 Schülerinnen und Schüler. Das ist laut Lehrervizepräsident Zingg die beste Möglichkeit, weiterhin geeignete Personen zu gewinnen und sie auch längerfristig im Job zu halten – damit der Lehrermangel in Zukunft wieder auf sich warten lässt.

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