270 Tage nach Frauenstreik: In sechs Kantonen regieren nur Männer

In sechs Kantonen regiert keine einzige Frau mit. 270 Tage nach dem Frauenstreik befürchten Politikerinnen weitere Rückschläge.

Christoph Bernet
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Ausgerechnet am Weltfrauentag vom letzten Sonntag ist im Kanton Uri eine reine Männer-Regierung gewählt worden: Für die zurücktretenden Regierungsrätinnen Barbara Bär (FDP) und Heidi Z’graggen (CVP) zogen zwei Männer in den siebenköpfigen Regierungsrat ein. Kandidatinnen gab es keine. Uri ist keine Ausnahme.

Der neue Urner Gesamtregierungsrat (von links): Christian Arnold (SVP), Dimitri Moretti (SP), Urs Janett (FDP), Urban Camenzind (CVP), Roger Nager (FDP), Beat Jörg (CVP) und Daniel Furrer (CVP).

Der neue Urner Gesamtregierungsrat (von links): Christian Arnold (SVP), Dimitri Moretti (SP), Urs Janett (FDP), Urban Camenzind (CVP), Roger Nager (FDP), Beat Jörg (CVP) und Daniel Furrer (CVP).

Bild: Urs Flüeler / Keystone (Altdorf, 8. März 2020)

Auch in den folgenden Kantonen sind die Frauen nicht in der Regierung vertreten: 

Aargau

Staatsschreiberin Vincenza Trivigno, Markus Dieth, Urs Hofmann, Stephan Attiger, Alex Hürzeler, Jean-Pierre Gallati (von links).

Staatsschreiberin Vincenza Trivigno, Markus Dieth, Urs Hofmann, Stephan Attiger, Alex Hürzeler, Jean-Pierre Gallati (von links).

Bild: Sandra Ardizzone

Luzern

Paul Winiker, Reto Wyss, Guido Graf, Fabian Peter und Marcel Schwerzmann (von links).

Paul Winiker, Reto Wyss, Guido Graf, Fabian Peter und Marcel Schwerzmann (von links). 

Bild: Dominik Wunderli

Appenzell Ausserrhoden

Ratschreiber Roger Nobs, Regierungsrat Yves Noël Balmer, Regierungsrat Paul Signer, Landammann Alfred Stricker, Regierungsrat Dölf Biasotto, Regierungsrat Hansueli Reutegger (von links).

Ratschreiber Roger Nobs, Regierungsrat Yves Noël Balmer, Regierungsrat Paul Signer, Landammann Alfred Stricker, Regierungsrat Dölf Biasotto, Regierungsrat Hansueli Reutegger (von links). 

Bild: PD

Graubünden

Peter Peyer, Mario Cavigelli, Christian Rathgeb,Macus Caduff, Jon Domenic Parolini und Daniel Spadin (von links).

Peter Peyer, Mario Cavigelli, Christian Rathgeb,Macus Caduff, Jon Domenic Parolini und Daniel Spadin (von links).  

Bild: Caroline Staeger

Tessin. 

Paolo Beltraminelli (PPD), Manuele Bertoli (PS), Norman Gobbi (LEGA), Claudio Zali (LEGA) und Christian Vitta (PLRT)

Paolo Beltraminelli (PPD), Manuele Bertoli (PS), Norman Gobbi (LEGA), Claudio Zali (LEGA) und Christian Vitta (PLRT)

Bild: Samuel Golay

Schweizweit beträgt der Frauenanteil in den kantonalen Exekutiven lediglich 24 Prozent. Noch vor einem halben Jahr wähnten sich die Frauen in einem Hoch. Die Schweizerinnen und Schweizer sorgten bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 2019 für einen rekordhohen Frauenanteil im Nationalrat (42 Prozent) und im Ständerat (26 Prozent).

Dazu beigetragen hatte auch eine gemeinsam von verschiedenen Organisationen koordinierte Kampagne: Unter dem Schlagwort «Helvetia ruft!» lobbyierte man bei den Kantonalparteien für möglichst viele Frauenkandidaturen auf möglichst aussichtsreichen Listenplätzen – mit Erfolg. Jetzt leben 1,5 Millionen Menschen in Kantonen mit reinen Männer-Regierungen. Ende 2014 regierten noch in jedem Kanton Frauen mit.

Mobilisierung in den Kantonen verläuft harzig

GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy zeigt sich besorgt: «Trotz des grossen Erfolgs im Herbst droht den Frauen ein Backlash», so die Co-Präsidentin von Alliance F, dem Dachverband der Frauenorganisationen. Der dank eines «aussergewöhnlichen und überparteilichen Efforts» zu Stande gekommene Erfolg der Frauen im Wahljahr könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass «der Zustand unserer Demokratie und ihrer Repräsentativität nicht gut ist». Frauen und Männer müssten zu gleichen Teilen politische Entscheidungen treffen: «Das ist der Anspruch der Demokratie.»

Yvonne Schärli teilt Bertschys Sorgen. Die heutige Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF) sass bis 2015 für die SP in der Luzerner Regierung – als bislang letzte Frau. «Die Mobilisierung für mehr Frauen in der Politik ist in den Kantonen schwieriger als auf nationaler Ebene.» Das Interesse von Bevölkerung und Medien sei kleiner. Gerade für Exekutivämter, die in Majorzwahlen bestimmt werden, müssten Frauen gezielt und individuell unterstützt werden, auch innerhalb der Partei: «Frauen haben oft nicht die Netzwerke, wie sie Männer haben, die zur Wahl in eine Exekutive notwendig sind.» Hier stünden die Kantonalparteien in der Verantwortung: «Sie müssen nach innen und aussen glasklar kommunizieren, dass die bessere Vertretung von Frauen in der Politik oberste Priorität hat.»

Gemäss der Politologin Cloé Jans vom GFS Bern unterstreichen Studien die zentrale Rolle, die den Parteien zukomme. Frauen neigten im Gegensatz zu Männern eher dazu, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen. Auch weil sie härter angegangen werden, exponierten sie sich weniger gern öffentlich: «Das hält einige Frauen von der Teilnahme an den kompetitiveren Majorzwahlen ab.» Umso wichtiger sei die tatkräftige Unterstützung durch die Parteien und durch überparteiliche Frauennetzwerke. Dort wo Frauen antreten, das zeigten Untersuchungen, würden sie auch gewählt.

Druck von unten in den Kantonen

Für mehr Frauen in den Kantonsregierungen braucht es gemäss Jans aber tiefer greifende Veränderungen: «Die politische Kultur in den Parteien und die Wertehaltung in der Gesellschaft muss sich ändern. Das ist eine zähe Arbeit.» Das Wahljahr 2019 mit dem Frauenstreik habe gezeigt, dass der Wandel aus der Bevölkerung angestossen wird: «Diesen Druck braucht es auch in den Kantonen, damit sich die Teilnahme der Frauen an der Politik verbessert.»

Dazu will auch Babette Sigg beitragen. «Überrascht» zeigt sich die Präsidentin der CVP Frauen Schweiz über die Urner Regierungsratswahlen, bei denen keine einzige Frau kandidierte: «Es gibt nicht nur in der CVP so viele hervorragende Frauen. Es ist unverständlich, wenn Parteien im Jahr 2020 nur mit Männern antreten.» In fünf der sechs ausschliesslich von Männern regierten Kantonen stellt die CVP Exekutivmitgliedern. Sigg will nun dafür weibeln, dass ihre Partei bei den nächsten Vakanzen mit Frauenkandidaturen antritt.