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40 Jahre am Puls der Schweizer Schüler

Bald sind Sommerferien, und für viele Schweizer Lehrer geht in diesen Tagen etwas zu Ende: Sie verabschieden sich aus dem Schulzimmer, weil sie das Pensionsalter erreichen. Zwei von ihnen schauen für unsere Zeitung auf ihre Laufbahn zurück.
Dominic Wirth
Albie Sieger im Zimmer 106 des Schulhauses Lindenfeld im luzernischen Eschenbach sowie Bernhard Egger im Notkerschulhaus im st.-gallischen Gossau. Bilder: Pius Amrein und Benjamin Manser (27. Juni 2018)

Albie Sieger im Zimmer 106 des Schulhauses Lindenfeld im luzernischen Eschenbach sowie Bernhard Egger im Notkerschulhaus im st.-gallischen Gossau. Bilder: Pius Amrein und Benjamin Manser (27. Juni 2018)

18 Jahre, so lange war Zimmer 106, Schulhaus Lindenfeld, erster Stock, so etwas wie ihre zweite Heimat. Aber in diesen Tagen räumt Albie Sieger das Zimmer in der Sekundarschule im luzernischen Eschenbach auf. Und dieses verwandelt sich allmählich in ein Schulzimmer wie jedes andere: Pulte auf Linoleum, an der Wand ein Beamer. Noch hängen die Fotos von den Paris-Reisen, lachende Teenager vor der Sacré-Coeur. Sie liegen Sieger besonders am Herzen. Doch bald muss sie auch diese mitnehmen. Zwei Tage noch, dann ist sie nicht mehr, was sie ein Leben lang war, sie verliert dann, so sagt sie es, nicht nur ihren Job. Sondern auch ihr Hobby. Aus Albie Sieger, der Sek-Lehrerin, wird Albie Sieger, die Rentnerin.

Die Sommerferien stehen vor der Türe, und in den Schweizer Schulhäusern heisst das vor allem eines: Es wird alles anders. Das gilt für die Schüler, die zuerst für ein paar Wochen verschwinden. Und dann Sechstklässler sind statt Fünftklässler, am Gymi anfangen oder im Lehrbetrieb. Und das gilt natürlich auch für die Lehrer. Für viele von ihnen beginnt es im August nicht mehr neu. Es gehen gerade viel mehr Lehrer in Pension als noch vor ein paar Jahren. Zu ihnen gehört Albie Sieger, die Sekundarlehrerin in Eschenbach. Und zu ihnen gehört auch Bernhard Egger, der gut 75 Kilometer entfernt in seinem Schulzimmer sitzt, in der Notker-Primarschule in Gossau, Kanton St. Gallen. Für sie beide geht am Freitag etwas zu Ende, nach vielen, vielen Jahren. Sie sassen lange am Puls der Schweizer Jugend. Jetzt, bevor sie in den Ruhestand treten, schauen die beiden zurück. Und erzählen, was an den Schulen passiert ist in der langen Zeit, die sie dort verbracht haben. Wie die Kinder waren und sind, die Eltern, was das Internet mit der Schule macht und die Bildungsreformen.

«Vieles, was zu Hause gemacht werden sollte, wird an die Schule delegiert.»

Die Schüler

Sieger: Eines vorweg: Die Jugendlichen von heute sind nicht schwieriger als jene, die ich als junge Lehrerin unterrichtet habe. Mir fällt es heute eher leichter, eine Klasse zu führen. Aber das hat auch mit meiner Erfahrung zu tun. Die Schüler sind sicher offener, direkter und kommunikativer geworden. Und sie haben weniger Geduld als früher, sagen schneller: «Das tscheggi ned». Das hat aber nichts mit Fleiss zu tun, sondern einfach damit, dass man sich heute daran gewohnt ist, alles schnell zu bekommen. Früher, als ich anfing, waren meine Schüler 16 Jahre alt, wenn sie die Sek beendeten. Heute sind sie wegen der früheren Einschulung jünger. Die Jugendlichen müssen heute früher wichtige Weichen für ihre Zukunft stellen: Mache ich die Matura? Oder doch lieber eine Lehre? Das ist eine grosse Herausforderung für alle. Denn man kann Menschen emotional nicht beschleunigen.

Egger: Kinder sind ein Teil der Gesellschaft. Und die hat sich gewaltig verändert in der Zeit, in der ich Lehrer war. Die Kinderherzen sind weicher geworden, so würde ich das sagen. Ich finde, ein bisschen mehr Härte wäre manchmal nicht schlecht. Heute machen Eltern schon ein Theater, wenn ihr Kind nicht mit einem guten Gspändli in die gleiche Klasse kommt. Das gab es früher nicht. Da bin ich mit meinen Schülern fünf, sechs Stunden gewandert. Heute plane ich vielleicht noch Zweistünder, sonst schimpfen sie bald einmal über «die choge Latscherei». Es mangelt uns an nichts, und das merkt man den Kindern an. Ich stelle auch fest, dass das Klassenmanagement schwieriger geworden ist. Es gibt mehr Konflikte, die Kinder gehen anders miteinander um als früher, die Sprache ist derber geworden.

Die Eltern

Sieger: Früher war das gesellschaftliche Korsett enger, der pädagogische Konsens grösser. Heute muss man viel mehr aushandeln, weil es viel mehr Haltungen gibt. Zum Beispiel in Sachen Ausgang. Ich finde, dass heute vieles, was zu Hause gemacht werden sollte, an die Schule delegiert wird. Wir machen Sexualkunde, thematisieren Littering, sprechen über das Internet, über Schuldenfallen. Vieles landet bei uns. Ich will niemandem die Schuld geben, es ist anspruchsvoller geworden, völlig klar. Früher konnte man einfach den Fernseher ausschalten. Heute hat jeder 13-Jährige ein Smartphone. Ich bin dafür, dass die Schule mehr übernimmt, aber die Erwartungen an uns sind schon sehr gross geworden. Wir kochen auch nur mit Wasser. Und es gibt eine Gefahr der Überforderung. Wir können nicht alles leisten. Der Druck auf die Lehrer ist eindeutig grösser geworden.

Egger: Es gab immer Eltern, die sich mehr um ihre Kinder gekümmert haben. Und solche, die weniger gemacht haben. Früher war es aber klar, dass die Erziehung Aufgabe der Eltern ist – und die Bildung Aufgabe der Schule. Heute sind wir mehr gefordert, es landet immer mehr beim Lehrer: Ich muss mehr Umgangsformen, Anstand, Respekt vermitteln als früher. Das hat übrigens nichts mit der Migration zu tun. Es gibt in allen Kulturen Eltern, die nicht genug machen. Ich wünschte mir manchmal, dass die Eltern etwas strenger wären. Es braucht im Leben eine gewisse Widerstandsfähigkeit, und um die Kinder darauf vorzubereiten, braucht es Grenzen und eine gewisse Strenge. In meinen Anfangszeiten waren die Eltern strenger, da gab es zu Hause auch mal eine Strafe, wenn der Lehrer nicht zufrieden war. Natürlich war damals auch nicht alles gut, aber heute geht es in meinen Augen lockerer zu und her. Was es braucht, ist ein goldener Mittelweg. Ich bin kein Fossil, das findet, dass früher alles super war. Aber man sollte auch nicht alles Ältere, das sich bewährt hat, über Bord werfen.

«Ich wünschte mir manchmal, dass die Eltern etwas strenger wären.»

Die Digitalisierung

Sieger: Der Siegeszug des Internets ist die grösste Herausforderung, die ich in meiner Laufbahn erlebt habe. Man spürt das als Lehrer an so vielen Orten. Man hat Schüler, die müde sind, weil sie die ganze Nacht online waren. Man hat völlig neue Themen, Cybermobbing etwa oder den einfacheren Zugang zu problematischen Inhalten. Ich will das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, der Job macht heute viel mehr Spass. Das gilt auch für die Unterrichtsvorbereitung, wo wir durch die Digitalisierung jetzt viel mehr Möglichkeiten haben. Mit der digitalen Welt umzugehen, das ist ein wichtiges Thema. Man muss den Kindern und Jugendlichen den Umgang mit der digitalen Welt frühzeitig beibringen, denn diese Welt hat auch ihre Gefahren. Ich glaube, dass trotz der technologischen Entwicklung der Mensch im Zentrum bleiben wird. Und das Lernen bleibt Knochenarbeit, bei aller Schnelllebigkeit. Diese Haltung müssen wir in der Schule auch weiter vermitteln.

Egger: Das hat alles verändert. Ich finde, dass diese neuen Medien ein Segen sind für die Menschheit. Aber man muss sie richtig nutzen, in einem gesunden Mass. Sonst wird es kritisch. Die Schule macht in diesem Bereich viel, und das muss sie auch. Ich glaube, es gibt schon Kinder, die heute lieber auf dem Sofa ein paar Stunden auf dem Smartphone oder dem Tablet spielen, statt nach draussen zu gehen. Das spüren wir in der Schule. Ich hatte mal Eltern, die auf mich zukamen, weil sie mit meiner Korrektur eines Orthografiefehlers in einer Prüfung nicht einverstanden waren. Sie haben mir den Ausdruck des Rechtschreibeprogramms übermittelt, der keinen Fehler entdeckt hatte. Ich war ein wenig verunsichert, habe im Duden nachgeschlagen und mich mit einem Deutsch-Experten auseinandergesetzt. Am Ende hat sich dann gezeigt, dass ich richtig lag. Und nicht das Programm. Ich finde, der Mensch muss über dem Chischtli stehen.

Die Reformen

Sieger: Wenn sich etwas ändern soll, dann gibt es immer zu reden, und das ist natürlich auch bei den Lehrern so. Man erschrickt zuerst, aber am Ende wird alles halb so heiss gegessen, wie es gekocht wurde. Ich verstehe den Lehrplan 21 nicht als Revolution, die Kompetenzorientierung etwa gibt es schon länger. Ein Lehrplan ist wie ein Kochrezept: Man kann es abwandeln. Es ist ein Leitfaden, mehr nicht. Die Lehrer haben auch heute noch genug Freiheiten, so, wie sie das am Anfang meiner Laufbahn hatten.

Egger: Für mich ist der Lehrplan 21 ein Schriftstück, man kann Dinge rausnehmen, sie anwenden, aber man hat als Lehrer nach wie vor genügend Spielraum. Ich finde, der Lehrerberuf ist heute ein Mittelstandsberuf. Die Arbeit, die wir leisten, wird sicher nicht überdurchschnittlich entlöhnt, auch wenn das viele so sehen. Man wird gefordert, es braucht Kraft, aber von den Leuten muss man sich immer noch anhören, man sei ein Ferienexperte. Ich habe mein ganzes Berufsleben nie mehr als vier Wochen Ferien pro Jahr gemacht.

Albie Sieger, Sekundarlehrerin in Eschenbach LU

Der liebste Moment in ihrem Beruf ist Albie Sieger der erste des Tages, früh am Morgen, wenn sie sich vor ihre Schüler stellt und spürt, was die gerade umtreibt. «Auf die Stimmung in der Klasse reagieren, die Energie der Schüler spüren: Diese Challenge fasziniert mich, weil sie sich jeden Tag wieder von Neuem stellt», sagt Sieger, eine Frau in bunter Bluse und mit Halskette. Das war im Luzerner Dorf Dagmersellen so, dort, wo einst alles angefangen hat, als junge Sekundarlehrerin. Und das ist bis heute so geblieben. Kürzlich, als die Schweizer Fussballer an der Weltmeisterschaft gerade Serbien besiegt hatten und das ganze Land nur noch über den Doppeladler-Jubel sprach, da liess Sieger ihre Schüler am Montagmorgen eine Weile darüber diskutieren. «Ich habe gemerkt, dass sie das beschäftigt», erzählt sie. Und bald ein paar Enkel Albie Sieger hat über die Jahre viele Schulzimmer gesehen, Dagmersellen am Anfang und Eschenbach, wo ihre Laufbahn in diesen Tagen ausklingt, am Ende. Und dazwischen hat sie Stellvertretungen gemacht, das war in jener Zeit, in der sie ihre vier Kinder grossgezogen hat. Mittlerweile sind sie alle erwachsen, und Sieger hofft, dass sie bald den einen oder anderen Enkel hüten kann. Sie stand an der Front und sass in der Schulpflege, und sie findet bis heute, dass es keinen besseren Beruf gibt als ihren. «Was macht mehr Sinn, als junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten, ihn mitzuprägen?», fragt sie. Eigentlich hätte sie schon vor einem Jahr aufhören können, mit 64 Jahren. Doch sie wollte weitermachen, weil es keinen Morgen gab, an dem sie nicht gerne in die Schule gegangen wäre. Jetzt sagt sie: «Irgendwann ist alles vorbei. Aber ich gehöre nicht zu denen, die ihre Pensionierung herbeisehnen.» (dow)

Bernhard Egger, Primarlehrer in Gossau SG

Die letzte Station in der langen Laufbahn von Bernhard Egger sieht man von weit her. Wie eine Burg der Bildung steht das Gossauer Notker-Schulhaus auf einer Anhöhe. Durch das Gebäude ziehen sich hohe Gänge mit runden Bögen, hinter einer Glasscheibe stehen ausgestopfte Vögel. In den Klassenzimmern liegt Parkettboden aus, durchs Fenster sieht man den Säntis. 1912 wurde das Schulhaus gebaut. Genau 60 Jahre später, im April 1972, hat Bernhard Egger sein Lehrerpatent bekommen, nach vier Jahren Ausbildung am Rorschacher Seminar. Fast immer stand er danach 100 Prozent in der «guten Schulstube», wie er sie bis heute nennt: Zuerst 22 Jahre in St. Gallen, dann 12 Jahre in Berneck im Rheintal. Und schliesslich, nach einem 18-monatigen Sabbatical, in dem er sich «alle Wünsche erfüllte», in Gossau. Zum Abschluss eine Kleinklasse All die Jahre war Egger Primarlehrer. Jetzt, zum Schluss, betreut er mit einem Kollegen eine Kleinklasse. Der 65-Jährige hat sein graues, volles Haar sorgfältig gekämmt, das Hemd steckt in der Jeanshose, das Gesicht mit den wachen Augen ist frisch rasiert. Sein Ziel sei es stets gewesen, den Schülern «einen Grundschliff» mitzugeben, also: «eine Haltung, Arbeitswille, Sorgfalt». «Fördern und Fordern, das ist mein Prinzip, das macht für mich einen guten Lehrer aus», sagt er. Wenn Egger erzählt über die Vergangenheit und die Gegenwart, dann hört man heraus, dass es ihm nicht nur gefällt, wie die Dinge sich entwickelt haben. Dass es ihm lieber wäre, wenn einiges von dem, was früher galt, auch heute noch so wäre. Aber er sagt auch: «Lehrer sein, mit jungen Menschen arbeiten, das ist nach wie vor der tollste Beruf der Welt.» (dow)

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