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68ER: Freie Liebe, lange Haare, linke Literatur

Wie erlebten der spätere SBB-Chef, der demnächst durchstartende Rockmusiker oder der bereits aktive Kabarettist die wilde «68er»-Zeit? Sechs Zeitgefährten kramten für uns in ihren Erinnerungen und Fotoalben.

Chris von Rohr: "Musik und Liebe statt Pflastersteine"

«Drei irre Hunde.» Chris von Rohr (heute 66) mit seinen zwei irischen Wolfshunden Ende der 60er-Jahre in Solothurn. (Bilder: Privat)

«Drei irre Hunde.» Chris von Rohr (heute 66) mit seinen zwei irischen Wolfshunden Ende der 60er-Jahre in Solothurn. (Bilder: Privat)


"Die Sechziger-Revolution begann für mich mit genau zwei Songs: 'She Loves You' von den Beatles und 'Satisfaction' von den Rolling Stones. Was für ein Donnerschlag! In je zweieinhalb Minuten wurde die Wahrheit auf den Punkt gesungen, und mir war, als hätte jemand den Einschaltknopf zu meinem Leben gedrückt. Ich war bereit, die dumpfen Zeiten mit Igelfrisuren, Krawattenvirus, erstickendem Schul- und Familienwahnsinn, verklemmter, scheinheiliger Sexualmoral und dem hirnrissigen Busy-going-nowhere-Trott zu Grabe zu tragen. Möge Asche zu Asche gestreut werden ... Die neue Generation brauchte dringend frische, befreiende Luft zum Atmen.

Etwas später wurde ich mit der sogenannten '68er'-Bewegung konfrontiert. Weltweit gab es sozialkritische Studentenunruhen und Demonstrationen gegen untragbare Politiker, übermotivierte Polizisten und andere Missstände. Sie hätten eine Revolution geführt, die von dieser kraftvollen Musik getragen wurde, sagt Protestsängerin Joan Baez heute. Hier in der Schweiz war das eher ein flaues Lüftchen, sicher keine Kulturrevolte. Rasch hatte ich da den Verdacht, dass die lauten Zürcher Globus-Krawalle, angeführt von ein paar Halbstarken, Mao-Freaks und Marxisten, genau so wenig griffen, wie später die kommunistisch gefärbten Weltverbessererparolen in unserer Genossenschaft Kreuz in Solothurn.

Sie waren von naiver Güte, nicht ansatzweise so progressiv und umsetzbar wie ihre Marktschreier es glaubten. Das Prozedere war ein politischer Theoriefurz und Durchlauferhitzer. Denn die damaligen Gut- und Streitmenschen verstanden wenig vom richtigen Leben. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, für die Revolte und gegen den Wohlstand zu palavern. Für sich selbst fischten sie aber gerne (das ist bis heute so) die besten Pralinen aus der Schachtel. Askese ist ja so cool – wenn bloss das Verzichten nicht wäre!

Meine damaligen Helden waren folglich nicht neunmalkluge, Phrasen widerkäuende Unlust-Grünschnäbel, sondern Dichter, Poeten und Philosophen wie Oscar Wilde, Hermann Hesse, Friedrich Nietzsche, John Lennon, Rainer Maria Rilke und Bob Dylan. Diese Protagonisten hatten An- und Einsichten, die mein Herz und meine Seele berührten, aber auch in die Weite schweiften und nicht nach wenigen Minuten zu Ende gedacht waren. Das imponierte mir. Verabscheuen tat ich hingegen den damals gesellschaftlich gelebten Moralismus, die Gewaltmanifestationen und die Zerstörung. All dies war mir von der Schule und der Kirchengeschichte her auf unangenehme Weise vertraut.

Ich war der Meinung, wer die Welt verbessern wolle, müsse bei sich selbst anfangen – was halt eben oft unangenehm und mühsam ist. So gründete ich mit Freunden eine kreative Kommune anstatt mich den typischen, sich selbst überschätzenden 68ern anzuschliessen. Uns ging es vielmehr um die radikale Hinwendung zum Individuum, welches in der Tristesse der Nachkriegszeit heftig unterdrückt wurde, und um die Aufwertung des Einzelnen. Dass die beiden Weltkriege den Leuten damals noch jahrzehnte- und generationenlang in den Knochen steckten, liegt auf der Hand. Vorher musste jeder für alle einstehen und ausscheren bedeutete unter Umständen den Verlust von Leben. Somit brauchte es viel mehr als einen einzigen Sonntagsspaziergang, um vom gehorsamen Gleichschritt zur bunten, befreiten Unbeschwertheit zu gelangen.

In unserer Kommune zelebrierten wir das blosse Dasein, das vertiefte Gespräch und die Natur. Wir erforschten LSD und sahen dem Gras beim Wachsen zu, pflegten den Müssiggang und die Liebe ohne feste Strukturen und das natürlich niemals auf Staatskosten. Da gab’s Haus- und Strassenmusik, die Frauen brachten Brot, Kochbutter und Melasse mit und der Vietnamboy Kassim ging auf Entenjagd und buddelte Kartoffeln aus. Wir konnten mit sehr wenig leben und glücklich sein – eine Zeit lang. Dann kam mir das mit der freien Liebe und dem Frauenteilen innerhalb dieser Wohngemeinschaft zunehmend schräg vor. Es war mir zu viel der Freiheit und Grosszügigkeit, schlicht zu wenig nachhaltig.

So verliessen ich und meine Liebste Bella Brombeera die Kommune Himbeer. Wir suchten gemeinsam das Ende des Regenbogens, reisten, meditierten und erkundeten die Welt. Es waren prickelnde und ekstatische Zeiten. Später eröffneten wir eine kleine indische Boutique, züchteten irische Wolfshunde, und ich gründete schliesslich mit 'Krokus' die Band meiner Träume. Diese Band existiert heute noch. Bella ist hoffentlich woanders glücklich. 'Die Revolution für eine Frau zu verraten, ist immer gerechtfertigt!', sagte Kollege Rainer Langhans aus der Kommune 1 Berlin. Ich teile diese Ansicht von ganzem Herzen.

Und ich gestehe: Musik und Frauen leiteten mein Leben. Auch heute bin ich noch der Rock-Hippie mit den Sechzigerjahren im Blut. Klar, so ein Jahrzehnt wird es nie mehr geben, aber ein Gegenentwurf zu dieser oft unterkühlten, hektischen und kriegerischen Welt ist nach wie vor angesagt. Und diese Revolution wird bis zu meinem letzten Atemzug dauern."

Chris von Rohr, geboren 1951 in Solothurn, ist Gründer der Schweizer Rockband Krokus, Musikproduzent, Buchautor und Kolumnist.

Toni Vescoli: "Mein Ding war die Musik, nicht die Realpolitik"

Toni Vescoli (heute 75) im Juli 1968 mit dem eine Woche alten Töchterchen Natalie und Frau Ruthli in Schmerikon. (Bilder: Privat/SGT)

Toni Vescoli (heute 75) im Juli 1968 mit dem eine Woche alten Töchterchen Natalie und Frau Ruthli in Schmerikon. (Bilder: Privat/SGT)


"1968 – das wichtigste Ereignis in diesem Jahr war für meine Frau Ruthli und mich die Geburt unserer Tochter Natalie am 13. Juli. Das war ein Freitag. Einen Tag später, das war dann wohl der Samstag, 14. Juli, trat ich mit meiner Band, den Les Sauterelles, bei der Vollversammlung der Zürcher Jugend für ein autonomes Jugendzentrum auf, im Volkshaus in Zürich. Rund 1000 Jugendliche befassten sich mit dem Globuskrawall und der Jugendhausfrage. Wir spielten eine knappe halbe Stunde, es herrschte normale Konzertstimmung, anschliessend wurde diskutiert. Den Verlauf der Diskussion habe ich als sehr chaotisch in Erinnerung – Pfarrer Sieber, der sich damals schon für Randständige eingesetzt hat, kam überhaupt nicht zu Wort, weil alle nur geschrien und gebuht haben. Das fand ich ziemlich nervig.


Im Prinzip hatte ich damals wenig Zeit für Politisches – wir waren auf Tournee in der Schweiz und bekamen vieles oft gar nicht mit. Jeden Tag woanders mit der Band, keine Zeitung zur Hand, kein Fernseher in der Nähe. Ganze sechs Wochen waren wir im Sommer 1968 mit unserem zweiten Hit, "Heavenly Club", auf Platz eins der Schweizer Hitparade – das war sensationell für damalige Zeiten. Ein wirklich politischer Mensch war ich nicht. Die Musik war mein Ding, nicht die Realpolitik. Als Showmensch war man aber natürlich schon mittendrin in den 68ern. Doch mit 26 Jahren war ich kein Jugendlicher mehr – das darf man nicht vergessen. Ich hatte eine Familie, meine Musik, war viel unterwegs. Es war eine gute Zeit für mich.

Im Jahr zuvor, am 14. April 1967, hatten wir als direkte Vorband der Rolling Stones gespielt, im Zürcher Hallenstadion. Die Polizei ist heute zurückhaltender als damals, als Wasserwerfer und Knüppel zum Einsatz kamen. Das war überhaupt nicht gerechtfertigt. Und was das Globus-Provisorium an der Limmat betraf, so war mir 1968 echt nicht klar, warum man da partout kein Jugendhaus einrichten konnte. Es herrschte in den 50er- und 60er-Jahren schon ein ziemlicher Bürgermief. Mit meinen langen Haaren passierte es mir auch durchaus mal, dass ich verprügelt wurde. Die Gesellschaft hat sich verändert seither, aber ob das der 68er-Jugend zu verdanken ist? Man bauscht das im Nachhinein gerne auf. Ich würde nicht sagen, dass die 68er nichts gebracht haben – aber eine durchschlagende Revolution waren sie nicht. Und manches ist noch gleich wie vor 1968."

Toni Vescoli, geboren 1942 in Zürich, ist Musiker und Singer-Songwriter.

Benedikt Weibel: "Die Welt stand uns Jugendlichen offen"

Benedikt Weibel (heute 71). (Bilder: Privat)

Benedikt Weibel (heute 71). (Bilder: Privat)


"Meine Eltern hatten noch die Entbehrungen der Kriegsjahre erlebt und schafften sich nun ihren bescheidenen Wohlstand. Wenn wir Kinder Mist bauten, versohlte uns der Vater den Hintern. Ungebührliches Verhalten in der Schule wurde mit dem Rohrstock geahndet. Anfang der 60er-Jahre war plötzlich der neue Sound da. Man musste allerdings Radio Luxemburg empfangen, um die Beatles zu hören. Der graue Mief der 50er-Jahre wich der Lust und Lebensfreude. Die Wirtschaft boomte, die Welt stand uns Jugendlichen offen.


Meine langen Haare führten zum ersten dauerhaften Konflikt mit meinem Vater. Um die frühen Sperrstunden der Beizen in Solothurn zu umgehen, mieteten wir ein Stöckli auf dem Land. Dort tanzten wir Nächte durch. Am anderen Morgen diskutierten wir über die Befreiungskämpfe in Afrika, die Rassenkonflikte in den USA und den Krieg in Vietnam. Wir lasen Hesse, Camus, Sartre und die Bücher über die antiautoritäre Schule in Summerhill. Später die Schriften von Marx und Lenin. Die Diskussionen wurden politischer. Auch in der WG, in der ich mittlerweile wohnte. Ich besuchte einige Veranstaltungen der POCH (Progressive Organisationen), was in einer Fiche der Bundesanwaltschaft vermerkt wurde. Der theoretischen Diskussionen über die Generallinie der Partei überdrüssig, trat ich 1972 der Sozialdemokratischen Partei bei. Glücklich, wer in dieser ausserordentlichen Zeit aufwachsen durfte."

Benedikt Weibel, geboren 1946 in Thun, ist ein Schweizer Manager, Autor und Publizist. Von 1993 bis 2006 war er Generaldirektor der SBB.

Emil Steinberger: "Anpacken statt demonstrieren"

Emil Steinberger: Damals und heute (Bilder: Stadtarchiv/LZ Archiv)

Emil Steinberger: Damals und heute (Bilder: Stadtarchiv/LZ Archiv)

"Während den '68er-Unruhen' war ich dermassen beschäftigt mit meinem Grafiker-Atelier, aber vor allem auch mit dem Aufbau des Kleintheaters in Luzern, dass ich alles, was gerade in Zürich passierte, nur mit einem Ohr mitbekommen habe. Vermutlich habe ich auch in dieser Zeit gedacht, anzupacken ist besser als zu demonstrieren, und habe mich voll darauf konzentriert, dem Bedürfnis der Menschen nach Kultur nachzukommen. Natürlich verstand ich aber auch die Anliegen der damaligen Jungen, die fanden, dass die Stadt Zürich für sie kein Geld übrig habe, trotzdem aber alljährlich viele Millionen ins Opernhaus stecke."

Emil Steinberger, geboren 1933 in Luzern, ist Kabarettist, Schriftsteller, Regisseur.

Konstantin Wecker: "1968 - das war gut und wichtig"

Konstantin Wecker (heute 70). (Bilder: Archiv Konstantin Wecker/Thomas Karsten)

Konstantin Wecker (heute 70). (Bilder: Archiv Konstantin Wecker/Thomas Karsten)


"Ja, ich bin ein 'linksgrünversiffter Altachtundsechziger' und ich kämpfe weiterhin für eine gewaltfreie Revolution des Bewusstseins. Ohne 1968 gäbe es heute keine schwulen Bürgermeister und keine Bundeskanzlerinnen, kein ökologisches Bewusstsein, kein Attac und keine basisdemokratischen Bewegungen. Vielleicht wäre Rockmusik immer noch des Teufels, jede WG eine 'Terror-Kommune' und ganz sicher gäbe es auch keine kämpferischen Antifas, die gegen die Pest der Neonazis immer noch die wichtigste Arbeit verrichten: vor Ort und den Kopf hinhaltend, während die Politiker Sprechblasen verteilen anstatt Geld für soziale Arbeit. Nein, ich habe nie sympathisiert mit einem moralischen Rigorismus von links und erst recht nicht mit politischem Mord. Aber 1968 – das war gut und wichtig, und vieles davon könnten wir heute wieder richtig gut brauchen."


Konstantin Wecker, geboren 1947 in München, ist ein deutscher Liedermacher.

Beat Kappeler:"Das Ende der grauen 50er-Jahre"

Beat Kappeler (Bilder: Privat/LZ Archiv)

Beat Kappeler (Bilder: Privat/LZ Archiv)


"Schon vor 1968 bahnte sich ein Ende der autoritären und grauen 50er-Jahre an. Das Vatikanische Konzil lockerte Sündenangst und Kirchenpflichten. Die Kolonien Afrikas und Asiens wurden zu Staaten. Farbigere Mode kam aus Paris. Der materielle Wohlstand explodierte. Wir Baby-Boomer füllten die Universitäten, lasen aufrührerische Bücher – Herbert Marcuse, Wilhelm Reich. Auf meine Uni in Genf sprangen die Ideale der Pariser Studentenrevolte über – Gleichheit, Demokratisierung, freie Sexualität. Autoritäten, Lehrgänge, Prüfungen wurden kritisiert. Oft dachten die Studenten an ihren eigenen Stand. Arbeiter, die viele mitbeglücken wollten, marschierten nicht mit. Nach dem Abschluss in Genf ging ich an die Freie Universität Berlin, die als Auge des Taifuns galt. Doch herrschte dort strammer Kommunismus. Ich aber hatte mir nach Jahren in katholischen Kollegis geschworen, nie wieder auf eine Ideologie herein zu fallen. Dabei blieb ich."


Beat Kappeler, geboren 1946 in Villmergen, ist Sozialwissenschaftler und Autor.

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