ABFUHR: Das Ende aller Bündner Olympiaträume

Das Bündner Stimmvolk lehnt zum zweiten Mal innert vier Jahren eine Kandidatur für Olympische Winterspiele im Kanton ab. Aufgrund der Deutlichkeit des Ergebnisses dürften Grossprojekte dieser Art nun für lange Zeit vom Tisch sein.

Richard Clavadetscher
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Interesse am Postautofahrplan, während die Urne vor dem Gemeindehaus verlassen dasteht. (Bild: Benjamin Manser/Keystone (Surcuolm, 12. Februar 2017))

Interesse am Postautofahrplan, während die Urne vor dem Gemeindehaus verlassen dasteht. (Bild: Benjamin Manser/Keystone (Surcuolm, 12. Februar 2017))

Richard Clavadetscher

«Das Ergebnis ist so klar und eindeutig, dass Olympische Winterspiele im Kanton Graubünden für mindestens eine Generation kein Thema mehr sein dürfen.» So reagierte die Bündner Nationalrätin Silva Semadeni (SP) gestern auf das Ergebnis der Volksabstimmung über den Verpflichtungskredit von 25 Millionen Franken für die Kandidatur für die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2026.

In der Tat: Bei einer hohen Stimmbeteiligung von 50,9 Prozent mochten nur gerade 27648 Bündnerinnen und Bündner ein Ja einlegen, 41633 von ihnen, 60,09 Prozent, waren gegen den Kredit. Im März 2013, als ebenfalls über das Thema abgestimmt wurde im Bündnerland, war die Ablehnung noch in moderatem Rahmen: Lediglich 52,7 Prozent der Stimmenden wollten damals nichts von Olympischen Winterspielen wissen.

Abstimmungsergebnis ist eine Ohrfeige

Nun also 60 Prozent! Aufgrund seiner Eindeutigkeit muss das Resultat als Ohrfeige an die Adresse des Bündner Establishments gelten. Denn alles, was im Kanton Rang und Namen hat in Wirtschaft und Politik, weibelte in den vergangenen Tagen und Wochen – kräftig unterstützt von den Medien des Churer Verlegers Hanspeter Lebrument – für Olympia. Nur gerade Sozialdemokraten, Grüne und Umweltverbände waren dagegen.

Zuerst waren es die Wirtschaftsverbände, die die Olympia-Idee nach der Niederlage von 2013 wieder aufs Tapet brachten. Die Politik sprang aber sofort auf: Die Regierung machte sich die Grobskizze der Wirtschaft in der Folge zu eigen, und auch das Kantonsparlament liess sich mit Ausnahme seiner linken Seite vom Vorhaben begeistern. Mit Spielen, die sich diesmal nicht lediglich auf Davos und St. Moritz konzentrierten, sondern alle Regionen berücksichtigten, die Wettkämpfe sogar in anderen Kantonen stattfinden lassen wollten, sollten die Stimmbürger überzeugt werden.

Pech nur, dass die ausserkantonalen Wettkampforte (Engelberg, Einsiedeln, Kloten und Zürich) bereits vor der Abstimmung den Enthusiasmus der Bündner Promotoren nicht in erhofftem Ausmass teilten.

Am deutlichsten war dies in Zürich der Fall, wo sich das Stadtparlament Mitte Januar klar gegen eine Beteiligung an der Kandidatur aussprach.

Nach geschlagener Schlacht herrscht jetzt im Lager der Befürworter Ernüchterung, gar Konsternation. Andreas Wieland, CEO des Medizinaltechnologie-Herstellers Hamilton und Kopf der Olympia-Kandidatur, ist der Meinung, Graubünden sei eben nicht reif für ein Projekt dieser Grössenordnung. Den Ausschlag für den Misserfolg habe aber wohl der Ausstieg Zürichs gegeben, vermutet er. Auch Befürworter Urs Schädler, Präsident des Bündner Gewerbeverbands, ist überrascht vom klaren Ergebnis. Das Konzept sei doch ausgewogen gewesen, habe alle Regionen einbezogen. Grund für das deutliche Nein ist seiner Meinung nach der Vorwurf der Zwängerei – doch nicht nur: Am Vertrauen ins Internationale Olympische Komitee habe es wohl ebenfalls gefehlt – zu Unrecht, ist er überzeugt.

Allgemeine Skepsis herauszulesen?

Bleibt die Frage, ob das klare Ergebnis negative Auswirkungen hat auf die einzige verbleibende Kandidatur, jene der Kantone Wallis, Waadt, Freiburg und Bern. Haben die Bündner Stimmbürger am Wochenende vielleicht einen gesamtschweizerischen Meinungstrend angedeutet? Während der Bündner SP-Grossrat Jon Pult dies nicht ausschliessen will, ist sein Parteikollege, der Berner Ständerat Hans Stöckli, ganz anderer Meinung. Der Promotor der Westschweizer Kandidatur weist darauf hin, dass etwa die Walliser Stimmbürger sich schon dreimal für Olympische Winterspiele ausgesprochen hätten. Den Misserfolg des Bündner Projekts führt er vielmehr auf dessen Unausgereiftheit zurück – einerseits. Anderseits sei ein solches Grossprojekt für den Kanton Graubünden mit seinen gerade 200000 Einwohnern vielleicht eine Spur zu gross. Die Bündner Stimmbürger seien wohl auch dieser Meinung.