Abhängigkeit bereitet Sorgen: Gewisse Wirkstoffe für wichtige Medikamente werden fast nur in China hergestellt

Die Generikabranche möchte die Produktion von Wirkstoffen für Medikamente nach Europa zurückholen. Auch die Gesundheitskommission des Nationalrats setzt dieses Thema im Zusammenhang mit dem Corona-Virus auf die Agenda.

Kari Kälin
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Gewisse Wirkstoffe für Medikamente werden fast nur in China hergestellt. Im Bild die Spitalapotheke des Berner Inselspitals.

Gewisse Wirkstoffe für Medikamente werden fast nur in China hergestellt. Im Bild die Spitalapotheke des Berner Inselspitals.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Das Corona-Virus hat das Potenzial, den Medikamentenengpass in der Schweiz zu verschärfen. Axel Müller, Geschäftsführer des Verbandes Intergenerika, beobachtet die Entwicklung um das Corona-Virus mit Sorgen. Die Schweizer Generikahersteller würden die ausbleibenden Lieferungen aus dem Reich der Mitte zwar dank Vorräten noch nicht spüren.

«Spätestens im 3. Quartal des Jahres würden sich die bereits bestehende Medikamentenknappheit verschärfen, falls China die Produktion und Lieferung von Wirkstoffen nicht wieder im gewöhnlichen Ausmass aufnimmt», sagt er. Die Pharmafirmen seien sehr stark von China abhängig, weil gewisse Wirkstoffe für Schmerzmittel, Antibiotika, Blutdruck- oder Cholesterinsenker fast nur dort hergestellt würden. Das gleiche gelte für gewisse Zwischenprodukte zur Herstellung der Wirkstoffe. Müller plädiert deshalb bereits gegenüber dem Schweizer Fernsehen dafür, die Herstellung von Wirkstoffen wieder nach Europa oder sogar in die Schweiz zurückzuholen. Müller ist sich bewusst, dass damit die Medikamentenpreise steigen würden. «Die Versorgungssicherheit mit Arzneimitteln ist aber zentral. Gar nichts tun, kann uns unter Umständen teurer   kommen», argumentiert er.

Bei den sich abzeichnenden Lieferengpässen verfüge die Schweiz noch über einen Wettbewerbsvorteil. «Wir können höhere Preise für die Wirkstoffe bezahlen als andere Länder.» Müller warnt vor den Bestrebungen des Bundesrates, die Generikapreise zu senken. «Dies würde sich negativ auf die Versorgungssicherheit und damit direkt auf die Patienten auswirken», sagt er.

Gesundheitskommission thematisiert Abhängigkeit von China

Auch die nationalrätliche Gesundheitskommission wird sich in ihrer ersten Sitzung nach der Frühlingssession mit dem Corona-Virus befassen. Man werde dabei einen Fokus auf die Versorgungssicherheit bei Medikamenten legen, sagt Kommissionspräsidentin Ruth Humbel. Die Aargauer CVP-Nationalrätin ergänzt:

«Die Schweiz muss zusammen mit Europa und den Pharmaunternehmen abklären, wie die Produktion von Wirkstoffen wieder nach Europa geholt werden kann, um die Abhängigkeit von China zu verringern.»

Unternehmen erkundigen sich bei Wirtschaftskammer

Scienceindustries, der Schweizer Verband für Chemie-, Pharma- und Life-Sciences-Unternehmen, sieht derweil momentan nur ein begrenztes Risiko, dass sich das Corona-Virus kurzfristig auf die Produktion und die Lieferungen auf die Schweiz auswirken würde. «Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist uns keine Unterbrechung der Versorgung mit innovativen Medikamenten in Europa infolge des Ausbruchs bekannt», sagt der stellvertretende Direktor Marcel Sennhauser. Einzelne Unternehmen hätten jedoch gemeldet, dass es zum Teil frühestens ab April zu Engpässen kommen könnte.

Die Wirtschaftskammer Schweiz-China erhält Anfragen von Firmen – etwa von Zulieferern der Automobil- und der Elektronikbranche –, wie sie sich im Umgang mit dem Corona-Virus verhalten sollen. Präsident Felix Sutter rät den Unternehmen, die Lieferketten zu überprüfen und Ruhe zu bewahren. Gleichzeitig sagt er: «Mit temporären Unterbrüchen der Lieferketten ist zu rechnen, was zu Produktionsaufschüben, höheren Beschaffungskosten und längeren Lieferzeiten der Bestellungen führt.» Sutter geht davon aus, dass sich die Lage ab Mitte März normalisiert – falls die Gesundheitssituation unter Kontrolle sei. Bis anhin hält die Wirtschaftskammer die Folgen des Corona-Virus für verkraftbar. Mit der Dauer der Ausfalls könnte diese Einschätzung indes ändern.

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