ABKOMMEN: Forschende sind verunsichert

Wegen des Ja zur SVP-Volksinitiative setzt die EU Verhandlungen zu Bildungs- und Forschungsabkommen mit der Schweiz aus. Es geht um Milliarden Franken.

Aleksandra Mladenovic
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Die ETH Lausanne bewarb sich mit dem «Guardian Angels for a Smarter Life» um EU-Forschungsgelder. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Die ETH Lausanne bewarb sich mit dem «Guardian Angels for a Smarter Life» um EU-Forschungsgelder. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Die EU hat die Verhandlungen mit der Schweiz über das Forschungsabkommen «Horizon 2020» sistiert. Konkret sind rund 80 Milliarden Euro für Projekte im 8. EU-Forschungsrahmenprogramm von 2014 bis 2020 budgetiert. Davon sollte die Schweiz im Rahmen ihrer Beteiligung knapp 4 Milliarden Franken beisteuern. Der Kredit wurde im September 2013 per Bundesbeschluss bewilligt.

Schweiz bekommt mehr, als sie zahlt

Kommt das Abkommen nicht zu Stande, befürchten Universitätsvertreter Nachteile für Schweizer Forscher. Laut Antonio Loprieno, Präsident der Schweizerischen Rektorenkonferenz und Rektor der Universität Basel, würden der Schweiz mehrere Milliarden Franken entgehen. «Wir bekommen von der EU etwa eineinhalb Mal so viel Geld zurück, wie wir investieren», sagte er gestern gegenüber «20 Minuten Online». Zudem würden laut Dani Duttweiler, Sprecher des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), die bürokratischen Hürden ohne ein Abkommen voraussichtlich steigen. «Die Finanzierung müsste projektweise geregelt werden. Ganz wegfallen würde die Einzelprojektförderung wie die hoch dotierten Stipendien des Europäischen Forschungsrats. Schliesslich würde es schwieriger werden, Projekte mitzugestalten», listet Duttweiler auf.

Das SBFI versucht zwar in einem gestern veröffentlichten Informationspapier zu entwarnen: Man sei daran, bis September 2014 zusammen mit der EU eine Lösung zu erarbeiten, die eine Schweizer Teilnahme an «Horizon 2020» ermöglicht. Allerdings knüpft die EU-Kommission diese an die Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien (siehe Box). Bei den Bildungs- und Forschungsinstitutionen herrscht deshalb grosse Verunsicherung. Paul Richli, Rektor der Universität Luzern, erklärt: «Wir wollten Projekte einreichen, die über mehrere Jahre bis zu 2 Millionen Franken kosten könnten. Es fragt sich, ob das nun überhaupt Sinn macht.» Aktuelle Forschungsprojekte der Uni Luzern seien aber nicht betroffen, zumal diese in der Hauptsache über den Nationalfonds für Forschung finanziert würden.

Entzieht EU Prestigeprojekt?

Anders sieht es aber an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) aus. Gefährdet ist hier etwa das Prestigeprojekt «Human Brain Project», wobei das menschliche Hirn nachgebildet werden soll. Die EPFL sollte für einen Zeitraum von zehn Jahren 1 Milliarde Euro für das Projekt erhalten – in Tranchen. Zwar ist die Finanzierung im Rahmen der 7. EU-Forschungsrahmenprogramme bis Frühling 2016 gesichert. Doch was passiert, wenn die EU die Schweiz aus der Teilnahme an «Horizon 2020» ausschliesst? Duttweiler erklärt: «Es bestünde die Möglichkeit, dass der EPFL dann die Leitung für das Projekt entzogen würde.»

Betroffen ist auch etwa die ETH Zürich. «Für uns steht auf jeden Fall viel auf dem Spiel, denn unsere Forschenden haben in der Vergangenheit für zahlreiche Projekte den Zuschlag erhalten», sagt Roland Siegwart, Vizepräsident Forschung und Wirtschaftsbeziehungen der ETH Zürich. Seit 2007 hätte diese von der EU gegen 200 Millionen Franken für Projekte der Grundlagenforschung erhalten. «Mit ‹Horizon 2020› sollen zudem Innovation und die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie gestärkt werden. Hier ausgeschlossen zu bleiben, wäre für die ETH wie auch für den ganzen Wissensplatz Schweiz fatal», so Siegwart weiter. Das sieht man bei der Economiesuisse ähnlich – per Communiqué hat diese gestern ihr ausserordentliches Bedauern über die aktuelle Entwicklung kundgetan.

Forscher sollen sich weiter bewerben

Das SBFI fordert die Forschenden indes auf, sich weiterhin für Gelder im Rahmen von «Horizon 2020» zu bewerben. Die ersten Fristen für Projekteingaben laufen nämlich bereits im März ab. Dass das Forschungsabkommen noch nicht unterzeichnet sei, hänge nicht nur mit der Volksabstimmung zur Masseneinwanderung zusammen, sondern mit einer «normalen Agendalogik». So habe man sich auch für die 7. EU-Forschungsrahmenprogramme bewerben können, bevor ein Vertrag unterzeichnet war, begründet das SBFI.

Eine weitere Entwarnung gibt SBFI-Sprecher Duttweiler auf Anfrage. Die 4 Milliarden, die die Schweiz für Projektfinanzierung bewilligt hat, sind nämlich zweckgebunden. «Wenn das Geld nicht in den Forschungsfonds der EU fliesst, dann in hiesige Forschungsprojekte», erklärt Duttweiler. In welcher Form, sei hingegen noch unklar.

Auslandsemester erschwert

Auch die weitere Schweizer Teilnahme am Mobilitätsprogramm für Studierende «Erasmus+» hat die EU auf Eis gelegt. Richli, Rektor der Uni Luzern, dazu: «Wir haben mit gewissen Bildungsinstitutionen im Ausland zwar bilaterale Verträge – dennoch machen die meisten Studenten über ‹Erasmus› einen Austausch.» Sollte dieses Abkommen wegfallen, sei es für Studierende zwar nicht unmöglich, ein Austauschsemester zu absolvieren. «Es wäre aber viel schwieriger und mit viel mehr Aufwand verbunden», sagt Richli. «Erasmus» sei auch für die ETH das «weitaus wichtigste Mobilitätsprogramm». 2012/13 seien 335 Studenten im Rahmen des Programms an die ETH gekommen, und 132 ETH-Studenten hätten ein «Erasmus»-Studium an einer europäischen Universität absolviert.

Laut Rektoren-Präsident Loprieno würde es jedoch auch ohne das Abkommen Austauschprogramme geben: «Die Frage ist, in welcher Form.» Als «Erasmus»-Mitglied zahle der Bundesrat seine Beiträge in Brüssel ein – «künftig könnte er die Austauschsemester auch direkt finanzieren». Allerdings ist laut Loprieno die Signalwirkung eines Ausschlusses ganz schlecht. Ob es so weit kommen muss, ist noch unklar. Denn auch hier, so das SBFI, wolle man zusammen mit der EU bis Juni 2014 eine Lösung erarbeiten. Die Universitäten warten gespannt.