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ABSICHTSERKLÄRUNG: SBB gehen im Tessin neue Wege

Die SBB wollen das historische Industriewerk in Bellinzona bis 2026 schliessen. Auf der grünen Wiese soll ein neues Werk für den Fahrzeugunterhalt entstehen.
Gerhard Lob
Arbeiter im Werk der SBB in Bellinzona, die bald in einen 360-Millionen-Neubau umziehen werden. (Bild: Gabriele Putzu/Keystone (Bellinzona, 3. Februar 2017))

Arbeiter im Werk der SBB in Bellinzona, die bald in einen 360-Millionen-Neubau umziehen werden. (Bild: Gabriele Putzu/Keystone (Bellinzona, 3. Februar 2017))

Gerhard Lob

Der Kanton Tessin, die Stadt Bellinzona und die SBB haben gestern eine Absichtserklärung über den Bau eines neuen SBB-Werks für den Fahrzeugunterhalt unterzeichnet. Dieses soll «nördlich von Bellinzona» entstehen und voraussichtlich 2026 fertiggestellt sein, wie SBB-Chef Andreas Meyer anlässlich einer Medienkonferenz in der Tessiner Kantonshauptstadt erklärte. Damit wurde offiziell, was in den letzten Wochen durchgesickert war.

Als Standort befindet sich ­Arbedo-Castione in der Pole-Position, wie der Erklärung zu entnehmen ist. Entschieden ist allerdings noch nichts. 360 Millionen Franken sollen in dieses neue Werk investiert werden, das dereinst «eines der modernsten Europas» sein soll. Vorgesehen ist die Instandhaltung der neuen Triebzüge «Giruno» aus dem Hause Stadler, die ab 2019 im Gotthard-Verkehr zum Einsatz kommen, der Tilo-Regionalverkehrszüge sowie der Unterhalt der Eurocity ETR 610 der letzten Generation.

Die Absichtserklärung hat durchaus historischen Charakter, denn sie besiegelt das Ende der SBB-Werkstätten von Bellinzona in ihrer jetzigen Form am bestehenden Standort in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Eine 128-jährige Geschichte geht zu Ende. «Es gibt fast keine Familie hier in Bellinzona, von der nicht irgendjemand in den Officine gearbeitet hat», sagte Bellinzonas Stadtpräsident Mario Branda. Daher könne auch nicht von einem Freudentag die Rede sein. «Erst wenn alle Punkte der Erklärung umgesetzt sind, können wir uns freuen», so Branda. Er befürworte aber den Plan, weil es um eine zukunftsweisende Investition und den Erhalt qualitativer Arbeitsplätze gehe.

230 statt 400 Arbeitsplätze

Tatsächlich handelt es sich um ein ambitiöses Gesamtprojekt, das weit über ein neues Bahnunterhaltswerk hinausreicht. Der Kanton Tessin will sich mit 120 Millionen beteiligen und erhält im Gegenzug fast die Hälfte des jetzigen Areals – eine Fläche von 45 000 Quadratmetern an bester Lage. Dazu kommen weitere 10 000 bis 15 000 Quadratmeter an Strassen, Plätzen und weiteren Flächen für die öffentliche Nutzung. «Dies stellt eine einmalige Chance für ein urbanistisches Projekt dar», meinte Bau- und Umweltminister Claudio Zali (Lega). Denn auf diesem Areal soll ein innovativer Technologiepool entstehen. Es wird ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Heute arbeiten rund 400 Personen in den SBB-Werkstätten von Bellinzona, das durch einen 33-tägigen Streik 2008 landesweit in die Schlagzeilen geriet. Im neuen Werk wird es nur noch 200 bis 230 Arbeitsplätze geben. Die SBB haben angekündigt, aufgrund von Pensionierungen keine Entlassungen vornehmen zu müssen. Ein Teil des Personals soll umgeschult und weitergebildet werden.

Erwartungsgemäss hat der Entscheid nicht nur Jubelstürme ausgelöst. «Wir sind enttäuscht», so Gianni Frizzo, der mittlerweile pensionierte Streikführer von 2008. Man habe erwartet, dass die SBB mehr Massnahmen zum Erhalt der jetzigen Aktivitäten und Arbeitsplätze ergreifen würden. Frühere Versprechen würden nicht eingehalten. Kritisch äusserte sich die Bewegung für Sozialismus (MpS), welche dem Kanton und der Stadt vorwarf, vor den SBB zu kuschen. Die drei Säulen des alten Werks, Unterhalt von Lokomotiven und Güterwagen sowie die Revision von Drehgestellen und Radsätzen, würden aufgegeben. Für den kommenden Samstag ist eine Versammlung in den Werkstätten von Bellinzona geplant.

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